08.09.2008 · Der Messer-Attentäter hatte Stimmen gehört, er soll eine Frau umbringen, „und ich stand eben vor der Tür.“ Natalie Simanowski erlitt eine inkomplette Querschnittslähmung. Jetzt gewann die frühere Läuferin bei den Paralympics Silber im Bahnrad-Zeitfahren.
Von Christian Kamp, PekingEine ihrer ersten Sorgen galt den Akten. Die waren doch vertraulich, die konnten nicht einfach im offenen Kofferraum liegen bleiben. Natalie Simanowski lag da schon am Boden, oder besser, auf der Straße. Und sie ahnte gleich, dass etwas Schlimmes passiert war. „Ich habe gewusst, was los ist, aber ich wusste die Ursache nicht, weil ich ihn nicht gesehen habe.“
Er: Das ist der Mann, der sie überfiel an diesem Junitag vor fünf Jahren, mitten in München. Die Ursache: ein Messerstich in den Rücken. Und das, was „los war“, war eine schwere Verletzung des Rückenmarks. Natalie Simanowski, die Kinderpflegerin, die eben noch am Kofferraum ihres Auto gestanden und in Patientenakten geblättert hatte, war mit einem Mal selbst beinahe ein Pflegefall: inkomplette Querschnittslähmung vom 11. Brustwirbel abwärts.
Nie ist eine Behinderung wie die andere
Bei den Paralympischen Spielen in Peking gewann die 30 Jahre alte Augsburgerin am Montag die erste Medaille für die deutschen Radsportler: Silber im 500-Meter-Zeitfahren. Damit ist Natalie Simanowski, die außerdem noch in der Verfolgung und im Straßen-Zeitfahren startet, in gewisser Weise im Plan. „Zwei goldene dürfen es werden“, hatte sie vor Beginn der Spiele gesagt, „drei will ich gar nicht.“
Es klingt fast ein bisschen altruistisch, wenn sie sagt, dass sie den Konkurrentinnen die Medaillen „mindestens genauso“ gönne. Zu häufig zu siegen, das kann im Behindertensport aber auch leichter als anderswo zu Neid oder Argwohn führen. „Wie sieht das denn aus, wenn einer drei Mal Gold geholt hat“, fragt Natalie Simanowski – und es berührt ein Kernproblem des Behindertensports, zumindest wenn es um Medaillen und Rekorde geht: die Vergleichbarkeit der Leistungen. Denn nie ist eine Behinderung wie die andere und damit sind es auch die Hindernisse nicht, die es zu überwinden gilt. Zwar werden die Athleten in Startklassen eingeteilt: Intervalle, die ähnliche Behinderungen zu Gruppen bündeln. Aber auch die können immer nur Annäherungen sein.
„Und irgendwann passiert dann etwas“
Natalie Simanowski kann beide Unterschenkel nicht bewegen. Beim Radfahren trägt sie Carbonschienen, die für die nötige Stabilität sorgen. Zusätzlich sind bei ihr aber auch Muskeln im rechten Oberschenkel und im Rücken geschwächt. Bei anderen Sportlerinnen kann das ganz anders aussehen. Im Rennen von Peking sind fünf Fahrerinnen gestartet, die noch beide Beine besitzen, fünf mit nur einem. „Beim Start sind zwei Beine natürlich ein Vorteil“, sagt Natalie Simanowski.
Ein Vorteil für sie. Aber wie soll man die Leistungen vergleichen? Der Trend bei den Paralympics geht inzwischen zu einer weiteren Konzentration: zu einer Zusammenlegung von Startklassen in den Wettkämpfen; für Ausgleich soll mit einem Koeffizientensystem gesorgt werden. Für die Sportler bedeutet das eine breiter aufgestellte Konkurrenz und damit härtere Wettkämpfe. Für die Zuschauer aber wird es schwerer, weil der Erste im Ziel nicht immer auch der Sieger ist. Im 500-Meter-Rennen etwa hatte die Gewinnerin der Bronzemedaille nur die sechstbeste Zeit gefahren.
Der Attentäter hatte Stimmen gehört
Natalie Simanowski begrüßt die Entwicklung dennoch. „Ich finde es super, weil die Zeiten weiter zusammenrücken“, sagt sie. Den Wettkampfgedanken hatte sie schon vor ihrer Verletzung verinnerlicht: Als Langstreckenläuferin war sie nahe an der deutschen Spitze. Und natürlich hat ihr der Sport auch danach geholfen, wieder ins normale Leben zurückzufinden. Sich realistische Ziele setzen, Schritt für Schritt darauf hinarbeiten – diese Erfahrungen nahm sie mit in die Rehabilitation. „Und irgendwann passiert dann etwas.“
Inzwischen arbeitet Natalie Simanowski wieder in ihrem alten Beruf. Sie wirkt nicht, als haderte sie mit ihrem Schicksal. Dabei war sie rein zufällig zum Opfer geworden; der Attentäter war ein psychisch Kranker. „Er hat Stimmen gehört, er soll eine Frau umbringen, und ich stand eben vor der Tür.“ Verurteilt wurde er zu geschlossener Psychiatrie, lebenslang.