14.09.2008 · Ein einziger Schritt entschied über Gold oder gar nichts: Katrin Green hatte das Nachsehen. Siegerinnen und Besiegte wollten den Abend dennoch gemeinsam ausklingen lassen - und noch mal „über das Rennen sprechen.“
Von Christian Kamp, PekingWenn das Rennen doch nur ein paar Meter länger gedauert hätte. Oder wenn es nicht diesen verhängnisvollen Fehltritt gegeben hätte gleich am Start des 100-Meter-Endlaufes. Dann wäre Katrin Green wahrscheinlich mit einer zweiten Goldmedaille von den Paralympischen Spielen in Peking nach Hause gefahren. Und dann hätte die 23 Jahre alte Leichtathletin nicht mit Tränen in den Augen in der Mixed Zone stehen und nach Worten suchen müssen für das bittere Ende dieses hochspannenden Rennens am Sonntag, das, wie sie sagte, für die Zuschauer im fast vollbesetzten Nationalstadion „das Rennen überhaupt“ gewesen sein müsse.
Es ist tatsächlich selten, dass ein einziger Schritt entscheidet über den ersten oder den vierten Platz. Über Gold oder gar nichts. Aber genauso war es an diesem stimmungsvollen Spätsommerabend in Peking. Nach 13,72 Sekunden kam die Siegerin, die Amerikanerin April Holmes, ins Ziel. Eine Hundertstelsekunde später folgten Marie-Amélie Le Fur aus Frankreich und Juan Wang aus China – beide zeitgleich. Und dann, nur eine weitere Hundertstelsekunde später, Katrin Green.
„Wenn ich nur meine Zeit vom Vorlauf erreicht hätte“
Erst das Zielfoto auf der Anzeigetafel offenbarte die Rangfolge. Es sei „unheimlich frustrierend“, sagte sie nach der so knapp verpassten Medaille. Und ließ ein weiteres „Wenn“ folgen, das die Sache noch ärgerlicher machte, als sie ohnehin schon war. „Wenn ich nur meine Zeit vom Vorlauf erreicht hätte“, sagte Katrin Green, „dann wäre es Gold geworden.“ In den Vorläufen am Vormittag war sie in 13,71 Sekunden noch die Schnellste in ihrer Startklasse der Unterschenkelamputierten gewesen.
Im Finale war es der verpatzte Start, „dieser eine Stolperer“, als sie gleich beim Schritt aus dem Startblock schief auftrat und zwei, drei Meter hinter den anderen zurück war. Aufzuholen war das auf der kürzesten aller Strecken nicht mehr. Doch Katrin Green, die ihr linkes Bein im Alter von fünf Jahren bei einem Unfall mit einer Mähmaschine verlor, hat bei diesen Paralympics auch schon die umgekehrte Erfahrung gemacht.
200-Meter-Gold wie ein Schock
Wie nahe Glück und Pech, gerade im Sprint, auch im positiven Sinne beieinanderliegen können. Über 200 Meter hatte sie in der vergangenen Woche überraschend Gold gewonnen, weil im Finale zwei Läuferinnen, darunter die favorisierte April Holmes, ihren Vorsprung durch Stürze verloren. Nachdem sie als Erste ins Ziel gekommen war, liefen zunächst noch Proteste gegen das Ergebnis. Dass Katrin Green dann auf einmal mit Gold dastand, sei „wie ein Schock“ für sie gewesen, sagte sie.
Am Sonntag klang es dann noch etwas trotzig, als sie sagte, dass ihr dieses Gold „niemand mehr nehmen“ könne. Man darf aber annehmen, dass Katrin Green mit ein bisschen Abstand überaus zufrieden sein wird mit ihren Auftritten in Peking – zumal die Leichtathletik schon für ein ganz anderes, ein vielleicht noch wichtigeres „Wenn“ in ihrem Leben die richtige Antwort parat hatte.
„Wir haben uns getroffen, kennengelernt und verliebt“
Vor vier Jahren war das, bei den Paralympischen Spielen in Athen. Da sorgte sie für die wohl schönste Geschichte abseits der Wettkämpfe. Wenn sie in Athen nicht dabei gewesen wäre, wenn sie sich dort beim Starttraining nicht mit einem amerikanischen Läufer über die Nutzung einer Bahn in die Haare geraten wäre – dann wäre sie heute nicht mit diesem Roderick Green verheiratet und würde nicht mit ihm in Edmond in Oklahoma leben und dort Spanisch und Krankenpflege studieren.
„Wir haben uns getroffen, kennengelernt und verliebt“, sagt Katrin Green. Nach den Spielen von Athen, bei denen sie Siebte über 100 Meter und Fünfte im Weitsprung wurde, trennten sich die Wege noch einmal, allerdings nur für kurze Zeit. Er reiste zurück in die Heimat, sie machte erst noch einen Rucksackurlaub in Australien – der Kontakt per Telefon und E-Mail aber wurde intensiver. „Ich habe ihn dann besucht und bin nicht mehr weggeflogen.“ Obwohl sie schon das Rückflugticket hatte.
Hand in Hand vom Publikum verabschiedet
Roderick ist inzwischen nicht nur ihr Ehemann, sondern zugleich ihr Trainer. Auch wenn der Neunundzwanzigjährige in Peking selbst nicht mehr startet, ist er natürlich an ihrer Seite. Über den Frust nach der knappen Niederlage wird er Katrin nicht alleine hinwegtrösten müssen. Siegerinnen und Besiegte, das kündigte Katrin Green gleich nach dem Wimpernschlag-Finale an, wollten den Abend bei einem gemeinsamen Essen ausklingen lassen und dabei auch noch einmal „über das Rennen sprechen“.
Angefangen haben sie damit schon auf der Ehrenrunde, als sich die ganze Gruppe – darunter auch die Leverkusenerin Astrid Höfte, die Siebte wurde – gemeinsam und zum Teil Hand in Hand vom Publikum verabschiedete. Man konnte auch dort nicht auf den ersten Blick ausmachen, wer voranging.