16.09.2008 · Trotz Mittelfußbruch holte sich der deutsche Paralympics-Star Woytek Czyz die Goldmedaille. Bei seinem einzigen Sprung verbesserte der Pfälzer sogar den Weltrekord. Einer der ersten Gratulanten war Miroslav Klose.
Von Christian Kamp, PekingSo vertreibt man Schmerz und Zweifel: 6,50 Meter, 27 Zentimeter weiter als der eigene Weltrekord – es war ein Sprung wie ein Ausrufezeichen, den Wojtek Czyz am Dienstag in die Sandgrube des Nationalstadions von Peking setzte. Eine sportliche Antwort auf all die Fragen und Rätsel, die ihn in den vergangenen Wochen begleitet hatten.
Es gab nicht wenige, die vor diesen Paralympischen Spielen gemutmaßt hatten, der große deutsche Star von Athen 2004 könne diesmal als einer der Verlierer nach Hause fahren. Nicht einmal Karl Quade, der deutsche Chef de Mission, vermochte vor Beginn der Wettkämpfe die Frage nach der Form des 28 Jahre alten Kaiserslauterers zu beantworten. „Fragen Sie ihn am besten selbst“, sagte er. Zuversicht und Vertrauen klingen anders.
Operationen bremsten Czyz in der Vorbereitung
Czyz hatte sich rar gemacht vor den Paralympics, kaum etwas von seiner Vorbereitung drang an die Öffentlichkeit. Nun gilt der oberschenkelamputierte Leichtathlet durchaus als Eigenbrötler, als einer, der lieber seine eigenen Wege geht, als sich in ein Team zu fügen.
In diesem Fall aber hatte seine Zurückgezogenheit nichts mit übersteigertem Individualismus zu tun – es war einfach so, dass Czyz ein Jahr voller Rückschläge und Probleme hinter sich bringen musste, um überhaupt in Peking an den Start gehen zu können. Zwei Operationen, eine am Stumpf seines linken Beines, eine am Kiefer, ein Ermüdungsanbruch des Mittelfußes, Pfeiffersches Drüsenfieber, und kurz vor dem Abflug erkrankte auch noch sein Vater schwer. „Wenn man die letzten Wochen sieht“, sagte Czyz am Dienstag, „kann man das eigentlich alles kaum glauben.“
Das Gesicht des deutschen Behindertensports
Drei Goldmedaillen hatte er vor vier Jahren in Athen gewonnen, über 100 Meter, 200 Meter und im Weitsprung. Nach dem 200-Meter-Rennen entstand das berühmte Foto, auf dem ihn der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder so innig herzte. Mit einem Mal gab Wojtek Czyz dem deutschen Behindertensport ein Gesicht. Er war ein Star, er wurde in Talkshows eingeladen, seine Geschichte wieder und wieder erzählt. Wie er, auf dem Sprung zu einer Karriere im Profifußball, beim Zusammenprall mit einem gegnerischen Torwart (oder war es ein Foul?) so schwer verletzt wurde, dass sein Bein amputiert werden musste. Erst vor kurzem war er noch einmal bei Johannes B. Kerner zu Gast, in der Sendung über die besten olympischen Momente. Da habe er noch einmal den Stolz über die Leistungen von Athen gespürt. Da wusste er aber auch schon, dass es eng werden würde mit Peking.
„Damals bin ich als junger Kerl zu den Spielen gefahren und habe ganz unbeschwert dreimal Gold geholt“, sagte er am Montag. „Aber diesmal hängt so unheimlich viel dran an diesem Sieg.“ Auch, weil der Weitsprung seine einzige Chance war, eine Medaille zu holen. Die 200 Meter waren ohnehin schon aus dem Programm gestrichen. Ein paar Tage vor Beginn der Spiele kündigte er aber auch seinen Verzicht auf die 100 Meter an. Nach dem Mittelfußbruch fühlte er sich noch nicht imstande, die Belastung, vor allem beim Start, auf sich zu nehmen.
Es musste der erste Sprung sein
Aus der Sicht der deutschen Leichtathletik war es schade, weil so das Duell mit Heinrich Popow nicht zustande kam. Czyz gegen Popow, das wäre auch aus Marketingsicht eine attraktive Sache gewesen, denn Popow gilt als aufstrebende Kraft auf der Bahn und als Kronprinz für die Rolle des Publikums- und Medienlieblings. Es war aber die richtige Entscheidung von Czyz, er hätte in diesem Duell (Popow gewann Silber) nur verlieren können und obendrein Kräfte für den Weitsprung vergeudet. „Wir haben auf ein sicheres Silber und die Chance auf Gold verzichten müssen, aber das Risiko war einfach zu groß“, sagte Ralf Otto, der Leichtathletik-Teamchef.
Doch auch so waren die Voraussetzungen für Czyz alles andere als optimal. Er habe gewusst: „Die Schmerzen waren groß, aber für einen guten Sprung könnte es reichen. Und das musste der erste sein.“ Die 6,50 Meter waren dann nicht nur der mit Abstand weiteste Sprung seiner Karriere. Er war auch weiter, als alle unterschenkelamputierten Konkurrenten in Peking sprangen. Zum ersten Mal sind die beiden Klassen bei den Paralympics zusammengelegt und nach einem Punktesystem gewertet worden. Czyz’ Vorsprung am Ende war gewaltig.
Kumpel Klose
Zu den Anrufern, die ihm gratulierten, gehörte auch Miroslav Klose, der Fußball-Nationalspieler. Die beiden teilen nicht nur denselben Berater, sondern sind, seit gemeinsamen Pfälzer Tagen, auch Freunde. Klose, sagt Czyz, habe ihm nach den Erfolgen von Athen Tipps gegeben, wie er mit Neid und Missgunst umgehen könne. Denn natürlich hatte nicht allen im deutschen Team die exponierte Rolle gepasst, vor allem in Verbindung mit Czyz’ ungeheurem Ehrgeiz und auch einer Portion Eitelkeit.
Aus der Distanz betrachtet, überwiegt aber der Nutzen, den die Vorzeigefigur Czyz dem deutschen Behindertensport gebracht hat. Bei seiner Paralympics-Bilanz am Montag – Czyz war da noch nicht gesprungen – bedauerte Delegationsleiter Quade, dass sein Team in Peking keinen neuen Star hervorgebracht habe. Jetzt kann er froh sein, dass der alte auch gleich der neue ist. (siehe: Wojtek Czyz: „Für Olympia fehlen die Voraussetzungen“)