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Interview zu den Paralympics „Peking ist ein kleiner Durchbruch“

14.09.2008 ·  Der kleinwüchsige Leichtathlet Mathias Mester hält in seiner Klasse die Weltrekorde im Kugelstoßen, Speerwurf und Diskus. In Peking kann er nur im Kugelstoßen antreten - weil er zu gut für die Konkurrenz ist.

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Der kleinwüchsige Leichtathlet Mathias Mester hält in seiner Klasse die Weltrekorde im Kugelstoßen, Speerwurf und Diskus. In seinem Heimatverein in Leverkusen wird er von der Speerwurf-Europameisterin Steffi Nerius trainiert. Bei den Paralympics in Peking kann der 21 Jahre alte Mester nur im Kugelstoßen antreten – weil er zu gut für die Konkurrenz ist.

Müssen Sie wirklich aufpassen, dass Sie nicht so deutlich gewinnen?

Da bin ich schon etwas vorsichtiger geworden. Ich habe neue Konkurrenz bekommen.

Was kann passieren, wenn Sie mit zu großem Abstand vorne liegen?

Mein Trainer sagt immer, ich mache die Klasse kaputt. Ich bin der Einzige, der über elf Meter gestoßen hat. Damit zieht dann auch die Norm an, und irgendwann haben wir nicht mehr genug Teilnehmer. In meiner Klasse müssen es mindestens sechs Athleten aus vier Nationen sein. Deswegen wurde vor ein paar Jahren auch festgelegt, dass Diskus und Speerwurf in Peking nicht dabei sind.

Am Montag treten Sie im Kugelstoßen an – droht auch dort die Streichung der Disziplin?

In der Praxis haben wir Luft für die Spiele in London 2012. Das Leistungsniveau steigt wirklich. Es sind viele junge Athleten, die auch immer besser werden. Auch im Speerwurf und im Diskus sieht es für London schon etwas besser aus.

So viel Behindertensport im Fernsehen war noch nie – ist Peking ein Durchbruch?

Ich habe nicht die genauen Zahlen, aber ich habe schon gehört, dass in Deutschland viele gucken. Man kann schon sagen, dass das ein kleiner Durchbruch ist. Wenn wir nach Hause kommen, werden wir nicht so schnell in Vergessenheit geraten.

Ihr Mannschaftskollege Heinrich Popow hat gesagt, die Behindertensportler wollten „nicht mehr bei Aktion Mensch, sondern im Sportstudio“ auftreten. Trifft das die Stimmung im Team?

Im Sportstudio aufzutreten wie jeder normale Sportler auch wäre für einen Behindertensportler schon etwas Schönes. Wir trainieren genau so hart, wir leisten auch Riesendinge – das ist schon so, dass man darauf stolz sein kann und natürlich auch gerne ins Sportstudio kommen würde.

Wie erleben Sie die Spiele in Peking?

Was hier in China aufgebaut ist, ist einfach Wahnsinn. Es ist sehr professionell organisiert, die Leute sind begeistert, hilfsbereit. Und dann die Zuschauerzahlen: Das Stadion ist schon nachmittags fast ausverkauft. Wann kann ein Behindertensportler schon sagen, er startet vor 80.000, 85.000 Zuschauern? Das wird so schnell nicht zu toppen sein.

Wenn die Paralympics größer und größer werden – hat das nicht auch negative Seiten? Zum Beispiel, dass die Versuchung steigt zu betrügen?

Ich finde es gut, dass die Paralympics wachsen. Na klar, es wird vielleicht auch hier mal auf illegalem Weg versucht, der Beste zu sein. Aber das gibt es überall.

In der Berichterstattung geht es häufig vor allem um die Menschen und ihre Schicksale und nicht so sehr um das Sportliche. Wie möchten Sie wahrgenommen werden?

Das hat sich gebessert. Es sind inzwischen schon die sportlichen Sachen, die gezeigt werden. Außerdem möchte man ja auch wissen, mit welcher Person und mit welcher Behinderung man es zu tun hat. Auch, um die Sportler einschätzen zu können. Es gibt ja Wettkämpfe, in denen einer kürzer wirft als der andere – und trotzdem gewonnen hat. Das will der Zuschauer natürlich verstehen.

Halten Sie den Trend, bei den Paralympics Klassen zusammenzulegen und mit einem Punktesystem für Ausgleich zu schaffen, für eine gute Entwicklung?

Für die Menschen in der Klasse ist es schon ein bisschen schade. Wir haben ja auch ein Beispiel im Team. Die Kugelstoßerin Michaela Floeth, eine Unterschenkelamputierte, die zusammen mit Oberschenkelamputierten in einer Klasse antritt, hat 12,58 Meter geschafft, zweieinhalb Meter weiter als die Erste, Weltrekord noch dazu. Wenn man dann aber aufgrund des Punktesystems nur Dritte wird, ist das keine Belohnung. Aber andererseits. Wenn man nicht genügend Athleten hat – was soll man sonst machen?

Es gibt für Sie noch ein besonderes Problem: Sie dürfen auch nicht größer werden.

Ja, das ist so. Meine Kumpels sagen immer: Du musst noch wachsen, und die können dann nicht verstehen, dass ich sage: Nee, ich möchte gar nicht. Aber bei 1,42 liegt die Grenze für meine Klasse, und da bin wirklich genau passend.

Und wenn doch noch ein, zwei Zentimeter dazukommen?

Für mich wäre das dann vorbei. Aber ich bin jetzt 21, da dürfte nichts mehr schiefgehen.

Das Gespräch führte Christian Kamp.

Quelle: F.A.Z.
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