06.09.2008 · Am Samstag um 14 Uhr beginnt die Eröffnungsfeier der Paralympics in Peking. Wojtek Czyz war der deutsche Star bei den „Olympischen Spielen“ der Behindertensportler vor vier Jahren. Im FAZ.NET-Gespräch spricht er über seine Prothese, seine Erwartungen und den Fall Pistorius.
Der 28 Jahre alte Leichtathlet Wojtek Czyz war mit drei Goldmedaillen der deutsche Star bei den Paralympics 2004 in Athen. Bei den an diesem Samstag beginnenden Spielen in Peking wird er nur im Weitsprung antreten. Czyz musste vor sieben Jahren sein linkes Bein infolge einer beim Fußball erlittenen Verletzung amputiert werden. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung spricht er über seine Prothese, seine Erwartungen sowie die Fälle Pistorius und du Toit.
Wie muss man sich den Hochleistungssport mit einer Prothese vorstellen?
Sie ist ein Hilfsmittel, aber auch ein Teil von mir. Ich spüre die kleinsten Veränderungen. Es ist vielleicht vergleichbar mit dem Stabhochsprung, wo man auch auf einen guten Stab angewiesen ist. Der Stab ist auch ein Hilfsmittel, aber man versucht, eine Einheit damit zu bilden. Man hofft natürlich auch, wenn man anläuft, dass der Stab nicht kaputtgeht.
Ist Ihnen das mit Ihrer Prothese schon einmal passiert?
Mehrere Male. Letztes Jahr im Juli gab es ein Stadionfest bei meinem Verein, dem 1. FC Kaiserslautern. Dort wurden speziell für mich eine Bühne und ein Steg aufgestellt; zwölftausend Leute waren da, es war auch ein Qualifikationssprung für Peking. Und dann laufe ich an, und ein Teil meiner Prothese bricht, das eigentlich nie hätte brechen dürfen – gleich beim ersten Versuch. Da war die Enttäuschung natürlich riesig. Aber lieber dort als in Peking im Finale.
Haben Sie für einen solchen Notfall vorgesorgt?
Das Teil, das als unkaputtbar galt, habe ich inzwischen als Ersatzteil dabei.
Mit welchen Erwartungen gehen Sie in die bevorstehenden Spiele?
Ich denke, es werden mit die besten Spiele, die es jemals im Behindertenbereich gegeben hat. Peking wird eine wunderschöne Kulisse bieten – und eine große Begeisterung. Ich freue mich ungemein auf die Menschen, auf die sehr freundlichen und hilfsbereiten Chinesen, auf die perfekten Organisatoren.
Die Dinge, die vor den Olympischen Spielen eine Rolle gespielt haben – Meinungsfreiheit, Zensur –, beschäftigen Sie sich auch damit?
Ich bin in erster Linie als Sportler dort, für alles andere habe ich keinen Kopf. Wenn man sich mit solchen Dingen beschäftigt, merkt man schnell, dass die Konzentration schwindet.
Trübt es aber nicht auch ein bisschen die Vorfreude?
Nein, überhaupt nicht. Ich denke, dass auf der politischen Ebene selbstverständlich ein Dialog herrscht zwischen China und der Welt. Das ist eine zaghafte Entwicklung, die auch noch weitergehen muss. Aber ich überlasse das absolut unseren hellen Köpfen in der Politik, sich darum zu kümmern.
Beschäftigen Sie sich damit, wie in China mit Behinderten umgegangen wird?
Ich weiß, dass China 80 Millionen Behinderte hat. Das ist natürlich eine Dimension, die wir uns hier nicht vorstellen können. Ich weiß, dass gerade in den letzten vier Jahren eines der größten Scoutings in der Weltgeschichte des Behindertensports stattgefunden hat. Man hat behindertengerechte Trainingsstätten hingezaubert, nach denen sich jeder Athlet der Welt die Finger lecken würde. Man sieht, dass China auch bei den Paralympics an die Spitze will, und ich bin überzeugt, sie werden die meisten Medaillen gewinnen.
Im chinesischen Alltag wird Behinderung immer noch häufig als großer Makel gesehen – es geht so weit, dass behinderte Kinder von ihren Eltern versteckt werden. Ist das für Sie ein Problem?
Das weiß ich nicht, weil ich selbst noch nicht in China war und mir deshalb kein Bild machen konnte. Ich weiß nur, dass sehr viele Chinesen sich freuen auf die Paralympischen Spiele und sicher auch stolz sein werden auf die Medaillengewinner, die China in der Welt repräsentieren mit ihren Leistungen.
Das deutsche Team will besser abschneiden als in Athen, wo es Achter der Nationenwertung wurde. Wie viele Medaillen können Sie beitragen?
Ich werde die 100 Meter wegen meiner Mittelfußprobleme absagen, um mich zu hundert Prozent auf den Weitsprung zu konzentrieren. Da möchte ich in erster Linie meine Bestleistung von 6,23 Metern verbessern. Aber wenn man Gold geholt hat in Athen und den Weltrekord hält, ist natürlich auch die Ambition da, eine Medaille zu holen.
Was haben Ihnen die drei Goldmedaillen von Athen persönlich gebracht?
Ich bin dorthin gefahren als ein Niemand, und auf einmal war Interesse da für die Person Wojtek Czyz und die Paralympics. Ich war auch über eine gewisse Zeit im Fokus der Öffentlichkeit, das war eine neue Situation, auf die man sich einstellen musste. Aber es war und ist eine tolle Erfahrung. Trotzdem ist es schwer, im Behindertensport von seinen Leistungen zu leben. Mit Hilfe meines Vaters und mit einigen Sponsoren bekomme ich es einigermaßen hin, dass ich neben Sport und Studium nicht arbeiten muss.
Wie haben sich der Behindertensport und seine Wahrnehmung in der Öffentlichkeit verändert in den vier Jahren seit Athen?
Im Vergleich zu vor vier Jahren gar nicht so viel. Immer mehr Leute sehen Menschen mit Behinderung und sehen auch, dass diese Menschen imstande sind, tolle Leistungen zu bringen. Die Spiele in Athen haben viel dazu beigetragen – und natürlich auch Beispiele wie Oscar Pistorius.
Hat mit Sportlern wie Pistorius – der sich das Recht erstritt, mit zwei Beinprothesen an den Olympischen Spiel teilnehmen zu dürfen, dann aber die Qualifikation nicht schaffte – oder der Schwimmerin Natalie du Toit – die trotz eines amputierten Unterschenkels am 10-Kilometer-Rennen von Peking teilnahm – eine neue Ära im Behindertensport begonnen?
Es wird immer Menschen geben, die das Talent und den Willen haben, sich in ihren Disziplinen trotz ihrer Behinderung mit Nichtbehinderten messen zu können. Aber das sind schon Dinge, die mich begeistern, wenn Natalie da die zehn Kilometer schwimmt und Sechzehnte wird in der Weltelite.
Ist es aber nicht so, dass durch Athleten wie Pistorius eine neue Differenzierung entsteht: einige wenige, die den Anschluss schaffen, und viele andere, die gewissermaßen zurückbleiben?
Was heißt viele andere, die zurückbleiben? Es wäre auch mein Ziel, wenn ich die Möglichkeit hätte, mal bei Olympia teilzunehmen. Dafür fehlen mir aber einfach die physiologischen Voraussetzungen. Man sollte auf keinen Fall versuchen, die behinderten Menschen von den Olympischen Spielen auszugrenzen, weil man sagt: Du bist anders, du gehörst da nicht hin. Aus diesen Zeiten sind wir heraus und haben uns auch so weit entwickelt, dass so eine Diskriminierung nicht stattfinden darf.
Werden wir in Zukunft immer mehr solche Fälle erleben?
Es hängt immer von den Sportlern ab. Natalie du Toit ist nicht die einzige unterschenkelamputierte Schwimmerin, aber sie hat nun einmal das Talent, den Willen und den Trainingsfleiß, mit dieser Behinderung in der Weltelite zu schwimmen. Und wenn einige wenige es schaffen, zu den Spielen zu kommen, dann gehören sie auf jeden Fall dorthin. Es wird aber absolut die Ausnahme bleiben.