10.09.2008 · Rollstuhl-Basketballer Ahmet Coskun wurde positiv auf Finasterid getestet. Er hatte ein Haarwuchsmittel benutzt, das diese verbotene Substanz enthält. Der Dopingfall drängte im deutschen Lager den Sport in den Hintergrund. Der brachte fünf Medaillen.
Aus Eitelkeit ist Rollstuhl-Basketballer Ahmet Coskun ist bei den Paralympics in Peking in die Dopingfalle getappt. Offenbar ohne Täuschungsabsicht, aber mit großer Blauäugigkeit nahm der 33-Jährige ein Jahr lang täglich das Haarwuchsmittel Propecia, informierte den Deutschen Behindertensportverband (DBS) nicht darüber und wurde vier Tage nach Beginn der Paralympics als Doping-Sünder überführt. Der Jurist wurde umgehend nach Hause geschickt, muss wohl die Entsendungskosten übernehmen und wird gesperrt werden.
„Ich bin sehr bestürzt und stinkesauer“, meinte der deutsche Chef de Mission Karl Quade: „Er war nicht professionell, hat alles nicht ernst genug genommen, und nun hat er die Quittung dafür.“ Coskun, der in Hamburg lebt und derzeit ohne Verein ist, fiel aus allen Wolken, als er am Mittwochmorgen vom Ergebnis der Urinprobe aus dem Trainingslager vom 23. August in Wetzlar unterrichtet wurde. „Ich habe an meine Haare gedacht und hatte keine Ahnung, dass das Haarwuchsmittel eine verbotene Substanz enthält“, beteuerte er: „Ich bin völlig bestürzt, Doping ist mir nie in den Sinn gekommen.“
„Auf uns wirkte er sehr glaubwürdig“
Das glauben ihm die Verantwortlichen durchaus. Das Mittel Finasterid selbst ist nicht leistungsfördernd, steht aber seit 2005 als maskierendes Mittel auf der Dopingliste, weil es andere Substanzen verschleiern könnte. „Auf uns wirkte er sehr glaubwürdig“, erklärte der deutsche Teamarzt Jürgen Kosel. Quade ergänzte: „Oft werden in solchen Fällen noch andere Mittel gefunden, um die es eigentlich geht. Das war hier aber nicht der Fall.“
Nach seiner Ansicht wollte der Athlet kurdischer Abstammung „einfach einem gewissen Schönheitsideal entsprechen“. Was die Wut auf ihn nicht mindert. „Das war ein klassischer Fall von dem, was man eine Dopingfalle nennt“, meinte Quade: „Man dopt unbewusst, obwohl man etwas anderes im Sinn hat. Aber genau deshalb betreiben wir seit Jahren erhebliche Aufklärungsarbeit.“
Coskun gab ein leeres Blatt ab
Vor den Paralympics musste jeder Athlet eine Liste ausfüllen. Coskun gab ein leeres Blatt ab. „Er hat gesagt, er habe einfach nicht daran gedacht. Dieses Mittel war für ihn etwas Alltägliches, etwas Normales“, berichtet Kosel. „Das zeigt, dass wir weiter aufklären, aufklären, aufklären müssen“, meinte Quade: „Bis auch der letzte Athlet nicht mehr glaubt, das sei ja nur ein Hustensaft oder eine Kopfschmerz-Tablette.“
Coskun war bis einschließlich Dienstag in drei Spielen für die deutsche Mannschaft zum Einsatz kommen. Sie wird allerdings nicht bestraft werden. Ulf Mehrens, der Vorsitzende des Deutschen Rollstuhlsportverbandes, erklärte nach Rücksprache mit dem Basketball-Weltverband FIBA, dass keinerlei Möglichkeit mehr für einen Protest bestehe. Um eine Sperre wird Coskun, der sich nach Angaben von Kosel „sehr kooperativ“ zeigt, aber nicht rumkommen.
Fünf Medaillen für Deutschland
Der Dopingfall drängte im deutschen Lager den Sport in den Hintergrund. (Siehe: Sieger im Leben: Schicksal in Medaillen umgesetzt). Die nach einem Messerattentat inkomplett querschnittsgelähmte Radsportlerin Natalie Simanowski fuhr in ihrer Spezial-Disziplin Einer-Verfolgung zwar die beste Zeit (4:19,396 Minuten). Die Amerikanerin Barbara Buchan benötigte zwar 4:33,459 Minuten - da sie stärker behindert ist, wurde sie mit einem entsprechenden Faktor aber mit 4:15,848 Minuten gewertet. Die 30 Jahre alte Simanowski hatte bereits Silber im 500 m Zeitfahren gewonnen.
Auch Schwimmerin Kirsten Bruhn gewann ihre zweite Medaille. Die 39-Jährige aus Neumünster sicherte sich über 100 m Rücken die Silbermedaille, nachdem sie über 100 m Freistil Bronze geholt hatte. Dabei musste sich Deutschlands Behinderten-Sportlerin der Jahre 2004 und 2005 in 1:25,97 Minuten der Amerikanerin Katrina Porter geschlagen geben, die in 1:24,30 Weltrekord schwamm. „Am Ende hatte ich keine Kraft mehr“, sagte Bruhn, die nun auf ihre Spezialdisziplin hofft: „Über 100 m Brust habe ich noch Chancen auf Gold.“
Zweite Medaille für Britta Näpel
Andrea Zimmerer aus Preetz in Schleswig-Holstein hat die erste Tischtennis-Medaille gewonnen. Die 43-Jährige gewann das Spiel um Platz 3 der Klasse 5 gegen Khetam Abuawad aus Jordanien souverän 3:0. Diskuswerferin Frances Herrmann (Cottbus) und Reiterin Britta Näpel (Wonsheim) haben zum Abschluss des vierten Wettkampftages zwei weitere Medaillen gewonnen.
Die 19 Jahre alte Herrmann gewann mit dem Leistungsklassen-Weltrekord von 21,19 m Silber im Diskuswurf. Die 23 Jahre ältere Näpel, die in der Individualprüfung bereits Gold gewonnen hatte, errang Bronze in der Kür. Beide Athletinnen sind spastisch gelähmt.
Muss man das glauben?
Robert Klemme (rklemme)
- 10.09.2008, 14:00 Uhr