14.10.2008 · Istanbul stinkt, duftet und leuchtet: „Unbegrenztheit, hergestellt aus begrenzten Mitteln, Reichtum geboren aus Armut, endlose Vielfalt entstanden aus Krümeln“. Elif Shafaks „Der Bonbonpalast“ handelt von einem Haus in Instanbul, als Metapher für die ganze Stadt.
Von Friedmar ApelDie erste amtliche Müllabfuhr in Istanbul gab es 1886, vorher wurde die Stadt lediglich nach Brauchbarem durchkämmt. Damit begann die türkische Moderne. Kämmerer gibt es aber auch heute noch, und mit der ökologischen Disziplin der Hauptstädter steht es nicht gut. Die 1971 in Straßburg geborene Elif Shafak hat in Spanien und in den Vereinigten Staaten gelebt und gelehrt und wohnt nun umso lieber wieder in Istanbul, obwohl sie durch ihren Roman „Der Bastard von Istanbul“ (deutsch 2007) Bekanntschaft mit dem Paragraphen gegen Verunglimpfung des Türkentums gemacht hat. Ihrem sondernden Blick wird der Müll der wuchernden Stadt lesbar als so unkontrollierbare wie charakteristische Vermengung des Geschichtlichen und des Gegenwärtigen.
Der Bonbonpalast ist ein unscheinbares Mietshaus in einem belebten Viertel Istanbuls. Zehn Parteien wohnen darin, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Mehr oder weniger traditionelle türkische Familien, ein russisch-türkisches Ehepaar, ein morbider Student mit seinem Bernhardiner, den er aus seiner Schweizer Zeit behalten hat, eine sensible Mätresse und Tantchen Madam, die älteste Bewohnerin, über die man nur weiß, dass sie am Bosporus das Strandgut durchkämmt und sich die Haare wenig altersgerecht platinblond färben lässt.
Das Haus als Metapher der Stadt
Die Zwillinge Cemal und Celal, auf dem Land aufgewachsen der eine, in Australien der andere, betreiben einen Friseursalon, der zugleich die Nachrichtenzentrale des Hauses ist. Häufiges Thema ist der Müll vor dem Haus, der manchmal auf mysteriöse Weise verschwindet. Leider stinkt es auch im Inneren nach Abfällen, niemand weiß warum. Kakerlaken vermehren sich rapide, was vor allem die putzsüchtige Hygiene-Tijene in den Wahnsinn und dazu treibt, alles vermeintlich Verseuchte aus dem Fenster zu werfen. Das ruft den Kammerjäger auf den Plan, der auf den Namen Unrecht hört, behauptet jedenfalls der Erzähler.
So ist das Haus eine Metapher der Stadt und bezeichnet zugleich das Konstruktionsprinzip von Elif Shafaks Roman. Dessen Architektonik steht jedoch eine Poetik der Mixtur gegenüber, gleich jener Süßspeise, die angeblich auf der Arche Noah entstand und in die man so ziemlich alles hineingeben kann, was gerade vorhanden ist. Auch die ist „wie eine kosmopolitische Stadt, in der sich Zugereiste schnell mit den Alteingesessenen vermischten und Ausländer nicht alleine blieben“. In solcher Bildlichkeit fällt die Beschreibung der Produktivkraft der Stadt mit einer poetischen Definition der schöpferisch verwendeten Sprache zusammen: „Unbegrenztheit, hergestellt aus begrenzten Mitteln, Reichtum geboren aus Armut, endlose Vielfalt entstanden aus Krümeln.“
Ein Ich, das dem Leser seinen Namen nicht verrät
Warum das Haus Bonbonpalast genannt wird, darf nicht verraten werden. Der Name erklärt sich aus der Geschichte eines russischen Immigrantenehepaars, die für sich eine hübsche und bittere Novelle darstellt. Auf dem Grundstück befand sich vorher ein Friedhof, auf welchem sich bei den Bauarbeiten das doppelte Grab eines Heiligen fand. Nach einem bekannten Muster aber erwiesen sich die Gräber als leer. Der Heilige hatte sich offenbar gleich zweimal auf und davon gemacht. Ihm wird im Roman eine fiktive Auferstehung zuteil.
Der solche Anekdoten überliefert, wohnt auch in dem Haus: ein Ich, das dem Leser seinen Namen nicht verrät. Er stellt sich von vornherein als ziemlich unzuverlässiger Charakter mit „blühender Phantasie“ vor. Er ist angeblich ein ungläubiger Universitätsprofessor, der über Machiavelli liest, gut aussieht und zu viel Raki trinkt. Seine schöne und vermögende Frau hat er notorisch mit seiner weniger attraktiven jüdischen Freundin betrogen. Nun ist er geschieden und lebt recht provisorisch in der Wohnung Nummer sieben, wo er wie unwillkürlich zu einem zynischen und doch menschenfreundlichen Chronisten wird. Liebe, so weiß er, „macht jeden zum Narren, selbst ein Kind“. Für das Kind ist er bereit, eine Laus nachzumachen, seine eigene Kindheit hat er nicht vergessen. In der liebenden Zuwendung zu den Bewohnern fällt ihm schließlich das Geheimnis des Hauses in den Schoß, das aller Verknüpfung der verschiedenen Geschichten die Richtung gibt.
Eine höchst muntere, leicht satirische Sachlichkeit
Der Müll wird ihm im Lauf der Geschichte zur Obsession. Mit seiner Freundin Esther hat er schon immer gern das Spiel „wiederverwendbarer Sprachmüll“ gespielt, eine Unterhaltung, in der Versatzstücke neu zusammengesetzt werden. So wird er zum Kämmerer des Überlieferten und Erzählten, er sammelt Geschichten wie Graffiti und prüft sie auf ihre Wiederverwendbarkeit. Daher seine Neigung zum Sortieren in Form von Listen und kombinatorischen Modellen. Der Schriftsteller als Müllwerker und Ärchäologe des Abfalls. Er selektiert und kombiniert im Interesse eines Verstehens durch Geschichten. Was fehlt, wird dazuerfunden. Das ist gelegentlich ein wenig verquasselt, und dabei muss der Leser noch dankbar sein, dass der Erzähler ihm „Tausende unwichtiger Einzelheiten“ erspart, die ihm seine Personen an den Kopf werfen.
Elif Shafaks Schreibweise ist grundsätzlich eine des modernen europäischen Romans, im Deutsch von Eric Czotscher erscheint ihr Stil in einer höchst munteren, leicht satirischen Sachlichkeit, die nur durch oft erheiternd an den Haaren herbeigezogene Metaphern unterbrochen wird.
Mehr Europa und Globalisierung als in manchem Kölner oder Neuköllner Bezirk
Sinnlich wird dieser Stil durch eine hohe Aufmerksamkeit für Dinge und ihr Eigenleben, was dadurch unterstrichen wird, dass „Der Bonbonpalast“ auch ein Roman der Farben ist, frei nach Goethe einer der Taten und Leiden des Lichts in der großen Stadt, schließlich auch nicht nur eine Geschichte des Gestanks, sondern auch der lieblich duftenden Speisen und des betörenden Geruchs der weiblichen Haut. Da aber der ganz und gar weltliche Erzähler sich wie immer ironisch auch für die Geschichten der Heiligen oder der Dschinne interessiert, mit denen Opa Hadschi Hadschi aus Wohnung Nummer fünf angeblich die Kinder vergiftet, führt das Konstruktionsprinzip des Sammeln wie die Poetik des Raums zu einer Integration modernen und traditionellen, westlichen und östlichen Erzählens, wie sie sich in Istanbul schon lange ereignet.
Gegen die weltläufige Vielfalt bei allen Antagonismen und anachronistisch erscheinenden Auseinandersetzungen, in der die Stadt als Gewebe von Geschichten in Elif Shafaks so liebevoller wie kritischer Darstellung erscheint, kommt einem die Abkapselung von Milieus hierzulande geradezu hinterwäldlerisch vor. In Istanbul, so scheint es, ist mehr Europa und Globalisierung als in manchem Kölner oder Neuköllner Bezirk. Vieles an dem Bild mag bei aller Kritik freilich liebende Idealisierung und in die Zukunft blickende Utopie sein. Gerade das aber verleiht dem klugen Roman dieser überaus begabten und reflektierten Erzählerin und damit dem Bild Istanbuls etwas wunderbar Leuchtendes und Verlockendes.