14.10.2008 · Bei der Frankfurter Buchmesse ist die Türkei Ehrengast. Kaum einer im Sport kennt das Land so gut wie Christoph Daum. Er sieht die Türkei auf rasantem Weg in Richtung Westen. Der Fußball-Trainer und Türkei-Liebhaber im Gespräch bei FAZ.NET.
Bei der Frankfurter Buchmesse ist die Türkei Ehrengast. Kaum einer im Sport kennt das Land so gut wie Christoph Daum. Er sieht die Türkei auf rasantem Weg in Richtung Westen.
Sie haben sich einmal als „halber Türke“ bezeichnet und sogar daran gedacht, die türkische Staatsbürgerschaft anzunehmen. Was ist denn das Türkische an Ihnen?
Dadurch dass ich mehr als sechs Jahre in der Türkei gelebt habe und dadurch dass ich sehr viele türkische Mitbürger zu meinen engsten Freunden und Bekannten zähle, habe ich viele Verbindungen. Die traditionellen Feste feiere ich mit meinen türkischen Freunden, und wenn ich mit ihnen diskutiere, nehme ich viele Dinge in mein Denken, Fühlen und Handeln auf. Außerdem habe ich sehr großen Respekt vor den wissenschaftlichen und geistigen Leistungen der Türkei, die gemeinsam mit der arabischen Hochkultur bis ins Mittelalter führend war.
Was macht die Türkei für Sie aus?
Die Türkei ist ein Land, das sich in allen möglichen Bereichen mit einer riesigen Geschwindigkeit gen Westen bewegt. Am deutlichsten sichtbar wird das in der Infrastruktur, im Wachsen der großen Städte, aber auch im Denken und in der Einstellung eines Großteils der türkischen Bevölkerung. Je mehr man gen Westen kommt, umso aufgeschlossener und toleranter werden die Menschen. Aber auch im Osten treffen wir etwas Tolles an, nämlich eine unheimliche Herzlichkeit, Bodenständigkeit und Zusammenhalt in der Familie.
Viele Westeuropäer haben ein festes Bild von der Türkei: Istanbul erkennen sie als weltoffene Stadt an, doch die ländlichen Gebiete im Osten halten sie in vielerlei Hinsicht für rückständig. Greifen diese Vorstellungen zu kurz?
Wenn jemand behaupten würde, München sei weltoffen und der Bayerische Wald rückständig, würden alle aufschreien. Das Bild von der Türkei ist oft noch ein orientalisch-verklärtes, das so nicht mehr haltbar ist. Man muss nur sehen, was nach Ausrufung der türkischen Republik unter Mustafa Kemal Atatürk 1923 für eine Revolution erfolgt ist. 1928 wird von heute auf morgen eine Schriftsprache durch eine neue ersetzt, das Arabische durch das Lateinische. Von heute auf morgen wird eine Gleichstellung der Frau ausgerufen, die natürlich erstmal gelebt werden muss. Die Umwälzungen in der Türkei waren in dieser Zeit gigantisch.
Es bleibt aber immer noch die Frage der Menschenrechte.
Wie wird denn mit den Menschenrechten in den Vereinigten Staaten umgegangen? Wer spricht über Guantánamo? Ich will nichts schönreden, aber die Türkei hat in den letzten Jahren über siebentausend Reformen für den EU-Beitritt durchgebracht. Bis diese Dinge gelebt werden, braucht es aber eine gewisse Zeit. Aber die Bereitschaft der Türken ist da, deshalb müssen wir jetzt unseren Partner Türkei unterstützen. Sie hat den Einfluss des Militärs zurückgefahren und die Justiz umgestaltet – sie hat so viele Dinge gemacht, bei denen ich sagen muss: Das ist ein deutliches Signal der meisten Türken, dass sie sich dem Westen zugehörig fühlen.
Hat sich Ihr Bild von der Türkei geändert, seit Sie dort erstmals als Trainer gearbeitet haben?
Das erste Mal war ich 1993 in einem längeren Urlaub in der Türkei. Nach dem Brandanschlag in Solingen habe ich meinen anders geplanten Sommerurlaub umgebucht und bin in die Türkei geflogen, um den Türken zu zeigen, dass wir Deutsche uns solidarisch zeigen. Zwei Jahre später bekam ich die Gelegenheit, dort auch als Trainer zu arbeiten. Ich habe damals schon ein Land gesehen, das wie eine Lokomotive ist. Der Kessel ist voll beheizt, und die Lokomotive fährt mit Volldampf gen Westen – aber die Schienen können gar nicht so schnell verlegt werden. Plötzlich explodierte der Tourismus, es explodierte die Automobilindustrie, die in Lizenz hochwertige Fahrzeuge herstellte. Allmählich gab es nicht mehr nur Arm und Reich, sondern es entstand ein bürgerlicher Mittelstand. Auch das Stadtbild hat sich verändert. 1993 war Istanbul schmutzig, weil überall Braunkohle verbrannt wurde, heute haben die meisten Hauptstädter Gasheizung.
Nach Jupp Derwalls Vorarbeit vertrauen türkische Erstligaklubs oft auf Trainer aus Deutschland. Wollen die Vereine die sprichwörtlichen deutschen Tugenden als Ergänzung zur eigenen türkischen Mentalität?
Der Pionier ist ganz klar Jupp Derwall. Er hat zusammen mit den Türken die professionellen Strukturen dort eingeführt, und die Trainer, die danach gekommen sind, haben diese Dinge weiter fortgesetzt. Die Türken waren sehr offen gegenüber diesen Ideen. Heutzutage kommen die deutschen Trainer gut mit der türkischen Mentalität zurecht und feiern Erfolge. Ich habe zudem versucht, die deutsch-türkischen Beziehungen über den Fußball hinaus zu stärken, unter anderem, indem wir über die Stiftung meines Sponsors Gazi ein Waisenhaus in einem Erdbebengebiet gebaut haben. Aber nach hundert Tagen wird gnadenlos öffentlich abgerechnet; dann ist es egal, ob der Trainer ein Deutscher, Spanier oder Türke ist. Im Vergleich zur kritischen Berichterstattung in der Türkei erscheint unsere „Bild“-Zeitung wie ein Kirchenblatt.
Es heißt, der Fußball spiegele die Mentalität einer Nation. Was sagt der türkische Fußball über die türkische Mentalität aus?
Mit nationalen Zuschreibungen im Fußball würde ich heute etwas vorsichtiger umgehen als noch vor fünfzehn, zwanzig Jahren, als wir auch in Deutschland eine Ausländerreglementierung hatten. Den türkischen Fußball zeichnen eine sehr hohe Emotionalität und ein sehr hohes Ehrgefühl aus. Ein Türke ist stolz, für seinen Verein und für sein Land zu spielen. Der Fußball ist für viele der Lebensmittelpunkt, in den jemand hineingeboren wird. Davon kommt man nicht mehr los, egal, welches Geschlecht man hat oder zu welcher sozialen Schicht man gehört.
Wie zeigt sich das Leben mit dem Fußball im Alltag?
In Deutschland haben wir mehr Begeisterung für den Fußball, aber in der Türkei gibt es auch diesen Fanatismus. Wenn der Verein verloren hat, sind auch die Sympathisanten ein, zwei Tage krank. Aber nach einer heftigen Entrüstung, die viel größer ist als bei uns, stehen sie wieder auf. Sie sind nicht nachtragend; anders als in Deutschland, wo einem Niederlagen noch Wochen, Monate oder Jahre aufs Butterbrot geschmiert werden. Außerdem hängt überall ein Bildnis von Mustafa Kemal Atatürk, und jeder Verein versucht, ihn auf seine Seite zu ziehen. Fenerbahce sagt, Atatürk steht uns am nächsten; Besiktas behauptet, eigentlich sei er ein Besiktas-Sympathisant, und Galatasaray meint, unser größter Freund war Mustafa Kemal Atatürk. Ich weiß auch nicht, ob es in Europa vorstellbar ist, dass ein Verein für das Erreichen der Meisterschaft und für den Aufbau einer starken europäischen Mannschaft sogar Prämien vom Staat bekommt. Das hat die damalige Ministerpräsidentin Tansu Ciller damals mit Galatasaray gemacht. Das wäre in Deutschland unvorstellbar – da würden die Steuerzahler aufspringen!
In den vergangenen Jahren sind viele junge Türken, die in Deutschland geboren und groß geworden sind, in die „Süperlig“ gewechselt, oder sie spielen für die Nationalmannschaft aus der Heimat ihrer Eltern. Welche Folgen hat das für die Türkei?
Durch sie kommt ein etwas anderes Denken in den türkischen Fußball. Denn sie haben in Deutschland eine gewisse Disziplinierung erfahren. Das ist wie eine Blutauffrischung, die dem türkischen Fußball sehr gut tut. Viele dieser Spieler müssen sich aber erstmal an die dortigen Lebensbedingungen gewöhnen, denn oft sprechen sie besser Deutsch oder Englisch als Türkisch.
Inwieweit hat die Identifikation der türkischen Fußballfans mit ihren Vereinen darunter gelitten, dass plötzlich zunehmend Fremde in der Mannschaft spielten?
Die Ausländer werden toll aufgenommen. Wir haben auch eine brasilianische Gemeinschaft in Istanbul, das war eine sehr gute Verbindung zwischen Türken und Brasilianern. Die Fans waren wie ein Team. Es gibt aber eine starke Verbindung zur Türkei, die sich darin ausdrückt, dass vor jedem Liga-Spiel die Nationalhymne gesungen wird. Die habe ich immer mitgesungen, weil es ein schönes Symbol ist für die nationale Identität.
Als Trainer des 1. FC Köln haben Sie vor dieser Bundesligasaison den Türken Ümit Özat zum Kapitän gemacht. Was hat er, was andere nicht haben?
Er hat es verstanden, sich innerhalb einer kurzen Zeit einzuleben. Er hat vom ersten Tag an die deutsche Sprache erlernt. Und er hat sich durch sein Verhalten auf dem Platz und abseits eine große Anerkennung erarbeitet.
Nach der Halbfinalniederlage der Türken gegen die deutsche Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft in diesem Sommer haben viele Beobachter festgestellt, dass die Spieler sich dem oft zur Schau gestellten Nationalismus verweigerten. Kann der Fußball eine Gesellschaft verändern?
Sehr sogar, weil der Fußball die gesellschaftlichen Veränderungen in einer Art Mikrokosmos widerspiegelt. Der türkische Fußball hat zwar noch eine Ausländerreglementierung, was im internationalen Vergleich einen Wettbewerbsnachteil für diese Klubs darstellt. Aber inzwischen ist diese Beschränkung aufgeweicht, weil die Einbürgerung erleichtert wurde. So ist aus dem Brasilianer Marco Aurelio nach seiner Einbürgerung der Nationalspieler Mehmet Aurelio geworden. Durch diese Öffnung im Fußball hat sich auch das ganze Denken in der türkischen Gesellschaft etwas mehr geöffnet.
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