14.10.2008 · Zwei Jahre sind keine lange Zeit, um die Gesellschaft eines Landes verstehen zu lernen. Dessen ist sich die Journalistin Annette Großbongardt bewusst. Dennoch ist ihr mit „Istanbul Blues“ eine Momentaufnahme gelungen, die viel über die Türkei verrät.
Von Karen KrügerWas macht eine Auslandskorrespondentin, die in ein Land versetzt wird, das sie bisher nur vom Hörensagen und aus den Medien kannte? Sie verschafft sich einen Überblick über die wichtigsten politischen Ereignisse, büffelt Zahlen und Fakten, sucht sich eine fähige Assistentin und belegt einen Sprachkurs, damit es bei Terminen für den Austausch von Höflichkeitsformeln reicht. Die echte Herausforderung aber ist, ein Gefühl für das neue Land und die Mentalität seiner Menschen zu bekommen. Denn nur so lassen sich die neuralgischen Punkte einer Gesellschaft erkennen. Und nur so ist eine Berichterstattung möglich, die nicht beim bloßen Nacherzählen von Ereignissen stehenbleibt. „Ich hatte immer großen Respekt vor dem Mut der Gastarbeiter, in ein völlig fremdes Land aufzubrechen. So empfand ich es als eine Art Ausgleich, dass ich mich umgekehrt in der türkischen Realität zurechtfinden musste“, schreibt Annette Großbongardt in ihrem Buch.
Zwei Jahre lang, von 2005 bis 2007, berichtete die Journalistin von Istanbul aus für den „Spiegel“ über die Türkei. Sie reiste bis an die Schwarzmeerküste und in noch fast unberührte Gegenden Anatoliens, recherchierte in Malatya, wo fanatische Nationalisten vier Christen ermordet hatten, und gehörte zu dem Journalistentross, der Papst Benedikt XVI. im Jahr 2007 auf seiner Reise nach Ankara und Izmir begleitete. Istanbul aber blieb immer ihr Angelpunkt, die Basis ihres Schaffens und vor allem das prägende Moment für ihren Blick auf die Türkei. Hier bekam die Korrespondentin eine Vorstellung von den tiefen Wiedersprüchen, die die türkische Gesellschaft prägen, und erkannte die tiefe Verunsicherung der Menschen darüber, wohin ihr Land treibt.
Die Metropole als türkische Zukunftswerkstatt
Denn wie unter einem Brennglas finden sich in Istanbul alle Gegensätze der Türkei auf dichtem Raum vereint: Die Stadt sonnt sich im Glanz ihrer osmanischen Vergangenheit und will dennoch ihren Anker in der europäischen Gegenwart setzen, ist hin- und hergerissen zwischen Aufbruch und konservativem Rückwärtsgang. Was in Istanbul passiert, verrät viel über das Tempo und die Richtung, in die sich die Türkei bewegt. „Zukunftswerkstatt“ nennt Annette Großbongardt die Metropole.
Auf ihren Erkundungstouren durch die Stadt trifft sie auf Habenichtse und Wirtschaftsbosse, Religiöse und Säkulare, Pro-Europäer und Nationalisten, Intellektuelle und ungebildete Tagelöhner aus der Provinz. Sie nimmt uns mit zu ihnen, wir hören von ihren Hoffnungen und Sorgen. Doch damit begnügt sich die Journalistin nicht: Jede Begegnung wird eingebettet in die sozialen und historischen Zusammenhänge des Landes und in die Konflikte, die sich aus dem Miteinander dieser so unterschiedlichen Menschen ergeben. Es ist ein Kampf zwischen Islam, Nationalismus und Demokratie, durch den sich die Türkei und ihre Chance auf den EU-Beitritt immer wieder ins Wanken bringt. Vor allem an der Auseinandersetzung zwischen Religiösen und Säkularen scheint sich die Zukunft des Landes zu entscheiden. Das Kopftuch ist zu einer politischen Obsession geworden, Frauenorganisationen fordern es als individuelles Menschenrecht im Sinne der Religionsfreiheit ein.
Sie fordern die säkulare Oberschicht heraus
Da ist etwa die Anwältin Fatma Benli, die in Fatih, einem sehr konservativen und religiösen Stadtteil, mit ihrem Verein „Akder“ Frauen vertritt, die sich wegen ihres Kopftuchs diskriminiert fühlen. Mit ihrem verhüllten Haar darf die Anwältin keinen Gerichtssaal betreten, deshalb begleitet immer ihre Partnerin die Klientinnen zu den Verhandlungen. Fatma Banli ist davon überzeugt, dass das Kopftuchverbot an den Universitäten und in öffentlichen Berufen dafür sorgen soll, frommen muslimischen Frauen den Aufstieg in die Elite des Landes zu verwehren. Auf Diskussionen, ob eine moderne Frau überhaupt ein Kopftuch tragen muss, lassen Frauen wie Benli sich nicht mehr ein - nicht das Kopftuch ist für sie repressiv, sondern die Gesetze, die es verbieten. Sie machen ihre Religiosität öffentlich und verlangen ihre Rechte; sie fordern die säkulare Oberschicht heraus, die bisher die Elite in Bildung, Wirtschaft und Politik stellte. Ihr politisches Instrument ist die Partei von Ministerpräsident Erdogan, die AKP.
Ihr Aufstieg versinnbildlichte lange die Emanzipation einer bisher benachteiligten Bevölkerungsgruppe, für die sich die von Staatsgründer Atatürk zur Staatsdoktrin erhobene Trennung von Staat und Religion vor allem mit Verboten verband: Menschen aus einfachen Verhältnissen, die sich seit den neunziger Jahren durch Fleiß und Zähigkeit zu einer neuen konservativen Mittelschicht formiert haben und nun selbstbewusst für ihre Interessen einstehen. Doch spätestens seit dem überwältigenden Wahlsieg der AKP im Jahr 2007 haben auch Linke, Liberale und Weltliche die AKP zu ihrer neuen Heimat gemacht. Sie glauben, dass die Partei von Ministerpräsident Erdogan die modernste Politik im Land macht.
Wer sind in der Türkei die eigentlichen Blockierer?
In der Türkei galten lange die Säkularen als Reformer. Doch angesichts der Radikalität, mit der viele von ihnen gegen Andersdenkende vorgehen, fragt sich die Journalistin zu Recht, wer in der Türkei die eigentlichen Blockierer sind. Einer direkten Antwort enthält sie sich, stellt uns aber Türkan Saylan, die Vorsitzende eines Atatürk-Gedenkvereins vor. Nachdem Erdogan Anfang dieses Jahres verkündet hatte, dass Abdullah Gül zum neuen Staatspräsidenten gewählt werden solle, organisierte der Verein Demonstrationen gegen die AKP in allen größeren Städten des Landes. Die pensionierte Hautärztin vertritt die Meinung, dass Gül den Präsidentenpalast in einen religiösen Orden verwandeln wolle. In den Anhängern der AKP sieht sie Verführte, die dem Einfluss der arabischen Welt erlegen sind - modern zu sein bedeutet für Saylan vor allem, das Haar unbedeckt zu tragen. Einen Jünger Atatürks nannte sich auch Kemal Kerincsiz, als er Großbongardt im Sommer 2006 in sein Büro einlud. Mit seiner ultranationalistischen Anwaltskanzlei verfolgte Kerincsiz Schriftsteller und Künstler wie Orhan Pamuk und brachte sie wegen Beleidigung des Türkentums vor Gericht. Als es im Januar zu den ersten Razzien gegen „Ergenekon“, eine Gruppierung extremistischer Nationalisten, kam, war auch Kerincsiz unter den Verhafteten - „Ergenekon“ wollte die Türkei durch politische Morde zum Umsturz bringen.
So wie Annette Großbongardt Istanbul und die Türkei erfahren hat, so stellt sie auch uns das Land vor: mit dem Blick einer Europäerin, die das Land bis dahin vor allem über die Gastarbeiter in Deutschland kannte, sich nun aber respektvoll und mit wachsamem Auge auf das neue Terrain begibt und dabei Pauschalurteile revidiert. Den ersten Wahlsieg der AKP im Jahr 2002 hatte sie nur aus der Ferne, aus Jerusalem, wo sie damals für den „Spiegel“ arbeitete, miterlebt. „Nun seien Islamisten, wenn auch gemäßigte, am Ruder, hieß es“, erinnert sie sich an die Reaktionen auf das Wahlergebnis. „Islamisten waren für mich bisher die Hamas, die aus Palästina einen Gottesstaat machen wollte und Terrorkommandos schickten, angeblich, um ihr Volk zu befreien. Bei der AKP konnte ich keine Radikalität entdecken, nur sittenstrenge Muslime.“
Zwei Jahre sind keine lange Zeit, um die Gesellschaft eines Landes verstehen zu lernen. Dessen ist sich die Journalistin - das spürt man zwischen den Zeilen und das ist das Großartige an dem Buch - bewusst. Dennoch ist ihr mit „Istanbul Blues“ eine Momentaufnahme gelungen, die viel über die Türkei verrät. Annette Großbongardt hat nicht den Anspruch, uns die Türkei zu erklären, aber sie lässt uns teilhaben an ihrer Sicht, die eine ganz persönliche ist und die sie auch ausdrücklich als solche benennt. Wer Istanbul noch nicht verfallen ist, wird die Stadt spätestens am Ende der Lektüre ins Herz geschlossen haben - und die Türkei besser verstehen.