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Zwei Hörbücher zur RAF Zwischen Aggression und Wehleidigkeit

14.10.2008 ·  Wer hören will, wie larmoyante Terroristen der Rote-Armee-Fraktion, die vor keiner Bluttat zurückschreckten, sich selbst nach ihrer Festnahme und Inhaftierung in Stammheim zum Opfer eines „faschistischen“ Staates stilisieren, der greife zu den beiden neuen Hörbüchern über die RAF.

Von Wolfgang Schneider
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Politisch war die RAF ein Fehlschlag, da sind sich inzwischen alle einig. Aber die Gruppe hat Kulturgeschichte geschrieben, sie gehört zur Folklore einer Generation und zieht mittels ihres popkulturellen Potentials auch Nachgeborene in den Bann. Wer überblickt noch all die Filme und Romane, die Sachbücher und Begnadigungsdebatten, die zur Dauerbeschäftigung mit dem deutschen Terrorismus beitragen? Fehlt nach Punkrock- und Hip-Hop-Reverenzen nur noch das große Baader-Meinhof-Musical - mit Stars, die singend ihre Bömbchen hinterlegen.

Bevor die RAF-Gründer endgültig im Mythos unkenntlich werden, kommt hier die nötige Portion Ernüchterung: ein Hörbuch mit O-Tönen aus dem Stammheim-Prozess. Andreas Baader ist nur auf diesen Dokumenten zu hören. Die Mitschnitte waren als Hilfe für die Protokollanten gedacht; oft wurden sie nach der Abschrift wieder überspielt.

Im Keller gefunden

Eine Kiste mit 21 Spulen (dreizehn Stunden) verblieb jedoch im Keller des Oberlandesgerichts Stuttgart, wo sie vor einiger Zeit wiederentdeckt wurde. Maximilian Schönherr hat daraus ein faszinierendes Tondokument zusammengestellt, das mit knappen Kommentaren auskommt. Es spricht für sich.

In der bemühten Business-as-usual-Attitüde des Vorsitzenden Richters Theodor Prinzing, in der höhnenden Obstruktionstaktik der Verteidiger und schließlich in den Auftritten der Gefangenen selbst, denen es auf die Umfunktionierung des Verfahrens zur politischen Bühne ankam, zeigen sich die hysterischen Qualitäten des Prozesses in der Stammheimer Gerichtsfestung.

Er sollte ein Verfahren gegen „gewöhnliche Kriminelle“ sein, aber genau dies war er zu keinem Zeitpunkt. Hier wurde im größten Rahmen Psychodrama gespielt - das Psychodrama eines dreißig Jahre zu spät gekommenen antifaschistischen Widerstands. Der Terror der RAF agierte drastisch-blutig all jene politischen Aufarbeitungsstreitgespräche aus, die eine junge Generation mit ihren Eltern beim Abendessen führte.

Larmoyante Terroristen

Beinahe erschüttert hört man, wie sich Baader am Ende nach einem „faschistischen Militärgericht“ sehnt, weil es „wenigstens die Würde der Eindeutigkeit einer Maßnahme hat, die sich zu ihren Mitteln bekennen kann“.

Vom überlieferten Desperado-Charme und Macho-Kraftmeiertum des Terror-Chefs schlägt sich nichts in den Aufnahmen nieder. Es liegt nicht nur an der lispelnden Stimme und der fehlenden rhetorischen Begabung, sondern mehr noch an einer Larmoyanz, die eines Terroristen eigentlich unwürdig scheint. Eine ungute Mischung aus Aggression und Wehleidigkeit bestimmt die Auftritte der Gefangenen.

Immer wieder stilisieren sie sich zu Opfern der angeblich faschistischen Justiz. „Folter - exakt Folter!“, klagt Ulrike Meinhof, die doch so coole Sätze über das Schießen schrieb. Obwohl sie selbst skrupellos Blutbäder anrichteten, gerieren sie sich überaus gekränkt und sehen sich einem „ungeheuren Repressionspotential“ ausgesetzt. „Wir sind verhandlungsunfähig, weil wir seit drei Jahren gefoltert werden“, meint Baader.

Die „Big Raushole“ war das einzige Ziel

So befremdlich diese Opferpose anmutet, es war eine außerordentlich erfolgreiche Strategie. Nach den Festnahmen von 1972 wurde der RAF-Terrorismus selbstreferentiell. Sein Ziel war nun die „Big Raushole“, und seine Anlässe musste er nicht mehr draußen in der imperialistischen Welt suchen - Stammheim war die große Ungerechtigkeit.

Wichtiger als die ideologischen Verlautbarungen war deshalb die permanente Beschäftigung der Gefangenen mit sich selbst. Ihre Körper wurden zu Schauplätzen des bewaffneten Kampfs, von der einen Seite mit Hungerstreiks, von den anderen mit den Mitteln der „Isolationsfolter“ geführt. Das ausgemergelte Christus-Bildnis von Holger Meins wurde zum Fanal für Hunderttausende von Sympathisanten.

„Faschistische Arschlöcher“ und „imperialistische Staatsschweine“

Im Prozess wurde der Vorsitzende Richter mit einem Befangenheitsantrag nach dem anderen eingedeckt; die Kunst der aggressiven Konfliktverteidigung machte seinerzeit Schule. Von Seiten der Gefangenen hören wir Beleidigungen wie „faschistisches Arschloch“ oder „imperialistisches Staatsschwein“. Trotzdem wirkt Theodor Prinzing überraschend besonnen, selbst Morddrohungen bringen ihn scheinbar nicht aus der Ruhe.

„Ich will mal sagen, wir werden das nicht vergessen, was Sie hier abziehen“, so Meinhof. Und mit sirenenhaftem Ton verkündigt Gudrun Ensslin: „Du wirst nicht vergessen, Prinzing, dafür hast du gesorgt!“ Tatsächlich war ein Anschlag auf ihn geplant und scheiterte nur an Problemen der Funkzündung. Dass der 85. Befangenheitsantrag Otto Schilys schließlich Erfolg hatte und Prinzing am 174. von 192 Verhandlungstagen das Verfahren abgeben musste, war überlebenstechnisch vermutlich sein Glück.

Bei allem tödlichen Ernst wirken die Aufnahmen bisweilen wie Kabarett, etwa wenn Axel Azolla, der Verteidiger Meinhofs, konzise begründet, warum weitere Beweisaufnahmen irrelevant seien - eben weil sich die Gefangenen „im Kriegszustand befanden“ und "die in der Anklageschrift bezeichneten Taten im Kriege nicht strafbare Handlungen sind“.

„Heil, Dr. Prinzing“

Weshalb sie entweder freizusprechen oder in Kriegsgefangenschaft zu überführen seien. Azolla erweist sich seinerseits als Gegner des „Imperialismus des internationalen Kapitals und seiner Agenten“. Überhaupt teilen die Verteidiger meist das Weltbild der Gefangenen. Anwalt Rupert von Plottnitz beklagt die „politische Justiz der BRD“ und grüßt gelegentlich mit „Heil, Dr. Prinzing“.

Etwas Erschreckendes haben die schneidenden Auftritte Otto Schilys. Er verlässt sich nicht auf seine rhetorische Brillanz, sondern gefällt sich in schreienden Interventionen. Staatsanwalt Klaus Pflieger wirft Schily heute noch vor, entscheidend an der Legende von der Ermordung der Stammheimer Gefangenen mitgewirkt zu haben, die nicht nur für zahllose Sympathisanten, sondern auch für die RAF-Mitglieder der zweiten und dritten Generation die entscheidende Motivation war.

Nichts macht das deutlicher als der im Hörbuch dokumentierte Auftritt des RAF-Mitglieds Klaus Jünschke. Als Zeuge geladen, beleidigt er zunächst nach Kräften die Staatsanwälte und kassiert einige Wochen Ordnungshaft, was er mit "Na, mach doch, du Faschist!" kommentiert. Dann stürzt er los, springt über den Richtertisch und wirft Prinzing mitsamt Stuhl zu Boden. "Für Ulrike, du Schwein!", ruft er aus, bevor er beiseite gezogen wird.

Angehörige der Opfer traumatisiert

Dass unter dem Druck der kritischen Öffentlichkeit den Gefangenen vergleichsweise luxuriöse Haftbedingungen gewährt wurden - diese Tatsache konnte sich kaum durchsetzen gegen den großen Verdacht. Genährt wurde er unter anderem von Jean-Paul Sartre, der nach einem Besuch in Baaders Zelle die menschenverachtenden Zustände beklagte.

Zu hören ist sein Statement im Hörbuch „Die RAF“ von Peter Ochs, das eine grandios komprimierte Geschichte des deutschen Terrorismus und seiner Hindergründe bietet. Über den Motiven der Täter vergisst Ochs nicht die Traumatisierung der Opfer-Angehörigen. Ein Reiz sind wiederum die vielen klug einmontierten Originalaufnahmen.

So vernimmt man, wie Jan-Carl Raspe über die Aufgabe der Psychologie bei der systematischen Vernichtung der Häftlinge räsoniert und dabei den Psychiater Gross, einen Holocaust-Überlebenden, zum Dr. Mengele stilisiert. Ensslin definiert im verkorksten Seminarton der siebziger Jahre „proletarische Politik“ als „bewaffnete Interpretation des Widerspruchs im Imperialismus“. Und wirft anderen Linksgruppierungen vor, am „falsch rezipierten chinesischen Revolutionsmodell“ anzusetzen - „falsch, insofern die Kulturrevolution bei ihnen nicht reflektiert ist“.

Peter Ochs: „Die RAF“. Geschichte, Hintergründe, Originalaufnahmen. Der Hörverlag, Hamburg 2008. 1 CD, 80 Min., 14,95 [Euro].

Maximilian Schönherr: „Die Stammheim-Bänder“. Baader-Meinhof vor Gericht. Der Audioverlag, Freiburg 2008.1 CD, 80 Min., 14,99 [Euro].

Quelle: F.A.Z.
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