15.10.2008 · Dieser Mann, Concierge im Frankfurter Hof, kennt jedes Geheimnis der Buchmesse. Alle, die etwas zu sagen haben, gehen bei ihm ein und aus. „Ich könnte alle Verleger umarmen“, sagt er. Und von Literatur versteht er auch etwas.
Von Elke HeidenreichZwischen dem Herrn Karl von Helmut Qualtinger und dem Herrn Carl vom Frankfurter Hof liegen Welten. Der Herr Karl ist ein opportunistischer Mitläufer, ein Profiteur ohne Skrupel, ein kaltherziger Kleinbürger, ein Banause, der gemütlich tut und gefährlich sein kann, kurzum: der Herr Karl ist der ewige Spießer, er trägt Hut und arbeitet bei Feinkost Wawra.
Der Herr Carl dagegen ist ein wacher Menschenfreund, kann ahnen, was man fühlt und denkt, kann Wünsche erfüllen, freundlich sein und hat doch durchaus eine eigene Meinung, kurzum: der Herr Carl ist eine äußerst angenehme, erstaunlich zeitlose Erscheinung, trägt niemals Hut und arbeitet seit unfassbaren 42 Jahren im Hotel Frankfurter Hof, viele Jahre davon schon als Concierge.
„Als ich mir endlich Bücher leisten konnte . . .“
Der Herr Karl hat keinen Nachnamen, der Herr Carl hat keinen Vornamen – doch, er hat natürlich einen, aber der ist zu modern und passt irgendwie gar nicht zu ihm und den muss man auch nicht wirklich wissen, außer man schreibt sich mit ihm Briefe. Da gehört ein Vorname drauf.
Und so kenne ich den Vornamen des Herrn Carl, denn wir schreiben uns seit vielen Jahren Briefe, sehr häufig, sehr regelmäßig, die Briefe handeln ein bisschen vom Leben und sehr viel von den Büchern.
Irgendwann fing das an. Und immer schreiben wir beide mit der Hand, ich mit schräger Schrift und Tinte, er mit geraden Buchstaben und Kugelschreiber. Durch seine Briefe weiß ich, was Herr Carl denkt und liest. Er liest unendlich viel. Er kommt, wie ich, aus Verhältnissen, in denen Bildung und Bücher nicht in der sogenannten Wiege lagen, das entdeckte und erkämpfte man sich nach und nach selbst. „Als ich mir endlich Bücher leisten konnte . . .“, schrieb er mir einmal, und auch ich erinnere mich gut an die Zeit, als ich mir endlich Bücher leisten konnte.
Ahnt ihr das, ihr Verleger?
Heute bekomme ich Bücher von den Verlagen geschickt, umsonst, für meine Arbeit, und noch immer empfinde ich (fast!) jedes Bücherpaket als kostbares Geschenk. Der Herr Carl kauft sich die Bücher. Wenn die Verleger wüssten, wie unendlich liebevoll er über sie und ihre Arbeit redet, müssten sie sie ihm auch schicken und schenken – wem, wenn nicht ihm, der schwärmt: Daniel Keel verdanke ich so viel – die Ausgrabungen, die verborgenen Schätze, und alles in bezahlbaren Taschenbüchern! Und immer so schönes Papier! Er sagt: Durch Manesse kenne ich die Großen der Weltliteratur, und da habe ich gelernt, dass alle Länder der Erde große Schriftsteller hervorgebracht haben.
Er schreibt mir in einem Brief: „Ich habe schon so viele Verleger im Hotel kennengelernt, alles weltoffene, kluge Menschen, ihre Arbeit hat mein Leben glücklich gemacht, ich könnte sie alle umarmen.“
Herr Carl hat noch Lothar Blanvalet gekannt, der 1979 starb, Kurt Desch, der 1984 starb, Carl Hanser, der 1985 starb, Willy Droemer, der 2000 starb. Er hat Unseld gekannt, und er kennt natürlich die agierenden Verleger, die während der Buchmesse im Frankfurter Hof Empfänge abhalten. Er kennt alle Friedenspreisträger und viele Autoren, und er mag und bewundert sie alle.
Wisst ihr das, ahnt ihr das, ihr Verleger? Euer treuester Kunde ist der Mann, der euch am Empfang begrüßt, der das richtige Zimmer und die Opernkarten besorgt und einen Platz an der Bar, der die Post und die neueste Zeitung aufs Zimmer bringen lässt, und mir streicht er sogar in der Tageszeitung die Artikel an, die ich lesen soll. Ich plädiere für lebenslange Buchpakete dankbarer Verleger an diesen Herrn Carl, der der beste Multiplikator ihrer Produkte ist. In jedem seiner Briefe schreibt er mir, was ich lesen soll. „Tannöd“ kannte er, ehe es irgendjemand sonst kannte. Wenn ich komme, fragt er als Erstes, wie es mir geht, als Zweites erzählt er, was er gerade gelesen hat, an seinen freien Tagen liest er den ganzen Tag. Philosophische, religiöse Bücher interessieren ihn, katholisch, evangelisch, jüdisch, das Thema beackert er, immer auf der Suche nach dem Sinn der Schmerzen und der Tiefen in seinem eigenen Leben. „Man braucht Wegweiser“, sagt er still.
Über Eitelkeiten sieht er großzügig hinweg
„In ‚Glaube und Denken – Dimensionen der Wirklichkeit‘ von Kurt Hübner habe ich heute einen Satz gefunden, über den es sich lohnt, lange nachzudenken“, schreibt mir Herr Carl. „Er lautet: ‚Wendet sich der Mensch gegen Gott, so wendet er sich in Wahrheit gegen sich selbst, gegen das, was er eigentlich ist: Gottes Ebenbild.‘“
Ja, lieber, sehr verehrter und wunderbarer Herr Carl, es lohnt sich, über diesen Satz nachzudenken, es lohnt sich, über Ihre Güte und Warmherzigkeit, über die Quelle für Ihre Kraft und unermüdliche Freundlichkeit nachzudenken. Natürlich ist Freundlichkeit Teil Ihres Jobs. Natürlich sind alle Concierges im Frankfurter Hof freundlich, ich mag sie alle. Aber Sie strahlen. In Ihnen ist irgendetwas, das man hat oder nicht hat, Charisma? Das Besondere eben. Das, was manchmal Menschen haben, die Schweres erlebten und dadurch nicht bitter wurden, sondern eher heiter und gelassen, dankbar. Herr Carl liebt seinen Beruf, freut sich über die Chancen, die er gehabt hat, er liebt die Bücher, er liebt die Hotelgäste, das tut er wirklich. Aber vor allem liebt er die Menschen, die zur Buchmesse anreisen, die Presseleute, die Kritiker, er bewundert, was sie leisten, und dankt dafür, dass sie es auch für ihn leisten, dass sie ihn mit geistiger Nahrung versorgen. Über Launen, Anmaßungen, Eitelkeiten sieht einer wie Herr Carl großzügig hinweg. Das sind Momentaufnahmen, die werden nicht gespeichert. Es bleibt die Freude über die Begegnung.
Der Herr Karl hatte leidenschaftslose, berechnende Beziehungen zu Frauen, mit Harmonikaspiel und Schlagern brachte er sie auf seine Seite, „mit’m Schmäh“, wie er selbst abfällig sagt. Er war dreimal verheiratet und hat am Ende gern den Weibern ein „Schleich di!“ hinterhergerufen.
„Ömer, hier übergebe ich Ihnen Frau Heidenreich“
Das Verhältnis des Herrn Carl zu Frauen ist ganz speziell. Sie sind wirklich für ihn: Freunde. Auf jede Dame schießt Herr Carl zu und begrüßt sie überschwenglich und lässt sie denken, sie sei die Einzige, die Schönste, die Wichtigste für ihn. Wir lachen darüber, aber gut tut es doch, und manchmal spürt man sehr wohl, ob eine Begrüßung einen Hauch inniger ist, als es das Geschäftsgebaren verlangt. Wir kennen unsern Herrn Carl. Wir trauen ihm nicht immer über den Weg, er kann auch spöttisch sein, aber wir vertrauen ihm bedenkenlos. Wenn er uns empfängt, sind wir zu Hause. Er kennt unsere Geheimnisse und plaudert sie nicht aus. Nie würde er sagen: „Schleich di“, immer ist er da, wenn man abreist, und sagt: „Kommen Sie bald wieder, bitte.“
Man kommt gern wieder. Es ist ein angenehmes Hotel, auch außerhalb der Messe. Aber während der Messe ist es die Zentrale, in der man alles sieht, erlebt, hört, was man für ein Jahr wieder wissen muss, und zwar abends in der Bar, so ab 23 Uhr. Natürlich ist es brechend voll. Natürlich ist nirgends ein Platz. Herr Carl nimmt meine Hand, führt mich bis vor die Theke, übergibt mich an den nächsten liebenswerten Menschen, sagt: „Ömer, hier übergebe ich Ihnen Frau Heidenreich.“ Und Herr Ömer, der Ömer genannt werden möchte und wird, übernimmt.
Kein Getümmel bringt ihn je aus der Ruhe. Er weiß genau zwischen Eintagsfliegen und Stammgästen zu unterscheiden. Und es muss ein gutes Hotel sein, das solche Menschen über Jahrzehnte hält und beschäftigt. Nein, umgekehrt. Solche Menschen machen ein Hotel zu einem guten, in dem man glücklich schläft.
P.S. Ich habe Herrn Carl gesagt, dass ich über ihn schreibe. Prompt kam ein Brief. „Lassen Sie mich bitte ganz klein in Ihrem Artikel sein“, schrieb er. „Groß an mir ist nur die Liebe zum Buch und die Achtung vor den Büchermenschen.“
Herr Carl ist, das stimmt, zart und klein. Die Seele, die in diesem zarten Körper wohnt, ist riesengroß und wärmt uns alle. Danke, lieber Jürgen Carl, für alles.