15.10.2008 · „Prokrastination“, Aufschiebementalität, ist das Verhalten der Stunde. Zahlreiche Studien über das Phänomen sind erschienen, oft in alarmistischem Tonfall gehalten. Sascha Lobo und Kathrin Passig haben ein durchgängig positives Buch darüber geschrieben. Ein Bloginterview mit Oliver Jungen.
„Prokrastination“, Aufschiebementalität, ist das Verhalten der Stunde. Zahlreiche Studien über das Phänomen sind schon erschienen, oft allerdings in alarmistischem, sogar pathologischem Tonfall gehalten. Pünktlich zur Buchmesse erscheint nun im Rowohlt Verlag ein brachiales, ein so kluges wie lustiges Buch zum Thema Prokrastination von Kathrin Passig und Sascha Lobo mit dem schönen Titel: „Dinge geregelt kriegen - ohne einen Funken Selbstdisziplin“.
Ein Trostbuch für Betroffene: Wer prokrastiniert, ist nicht nur nicht krank, sondern oft nur ein kleines Bewusstseinsschrittchen vom Glück entfernt. Das meiste, was uns drängend im Nacken sitze, sei nämlich gar nicht wert, beachtet zu werden. Die beiden Berliner Autoren gehören zur „Zentralen Intelligenz Agentur“ (ZIA). Ihr Buch ist nicht zuletzt ein hintersinniges Manifest für mehr Selbstbestimmung - überhaupt und ganz besonders im Arbeitsalltag. Prokrastination also. Taugt der Begriff etwas? Ist er belastbar? Wo führt er hin? Ein Zwitter zwischen Blog und Interview von Oliver Jungen, Kathrin Passig und Sascha Lobo, in dem die Prokrastination auf manche Spitze getrieben wird.
Oliver Jungen schreibt:
Hurra, wir veröden. Alle Studien sind eindeutig. Das amerikanische „National Endowment for the Arts“ hat schon 2004 eine große Alarmstudie vorgelegt und im letzten November den Zustandsbericht „To Read or Not To Read“ draufgepackt: Nur noch knapp über die Hälfte aller Amerikaner lesen Bücher aus Spaß, je jünger, desto weniger. Im Januar legte das University College London nach: Die „Google-Generation“ habe regelrecht Angst vor Bibliotheken und ernste Probleme bei der Informationsevaluation. Das größte Problem aber sei: „dass sie einfach nicht bemerken, dass sie ein Problem haben“. Und zwar dieses: Wenn sie heute keine Bücher mehr lesen, werden sie morgen vergessen haben, wie das überhaupt funktioniert.
Kathrin Passig schreibt:
Ja, wir haben Angst vor Bibliotheken. Natürlich kann man in und mit Bibliotheken leben, man gewöhnt sich schließlich an alles. Und seit einigen Jahren haben die Bibliotheken ja auch ihr Instrumentarium an Regelungen, Sonderregelungen, Öffnungszeiten, Ordnungssystemen, Zettelkästen, missmutigem Personal, unauffindbaren Bänden („evtl. Kriegsverlust“), Fernleihverfahren, wochenlangen Wartezeiten, Kopierverboten und in Haus 3 untergebrachten Magazinen zurechtgestutzt. Aber dass die Benutzung von Bibliotheken heute etwas bequemer als früher ist, ändert wenig an der Umständlichkeit dieser Form der Informationsbeschaffung. Ein von freundlichen Fachleuten bereitgestellter, gut gewarteter Faustkeil bleibt ein Faustkeil. Zum Glück ist die Angst vor Bibliotheken heute eine völlig folgenlose Angst, vergleichbar etwa mit der Angst vor Speed-Dating-Partys oder Höhlentauch-Expeditionen.
Sascha Lobo schreibt:
Der große Feind unserer Zeit heißt Kulturpessimismus. Nur wenige können ihre Gedanken davon rein halten, es ist so grauenvoll, wie alles Neue schlechtgeredet wird. Vor mehr als zweitausend Jahren lässt Platon im Dialog mit Phaidros Sokrates eine meckernde Anklage schreiben - gegen die neue Kulturtechnik Buchstaben. Sie würden dazu führen, dass die Jugend kaum mehr auswendig lerne, weil nun ja alles geschrieben stehe und nachlesbar sei. Phaidros habe mit der Erfindung der Buchstaben Schein statt Weisheit verbreitet. So geht es heute mit dem Internet, einer Kulturtechnik von ähnlicher Größe wie Buchstaben. Das Geplärre ist kaum mehr zu ertragen. Natürlich fördert das Netz die Prokrastination, ebenso wie Bücher, Filme, Strickmode zum Selbermachen, Sport und die Kapernernte; alles, was gut und richtig ist, fördert die Prokrastination, weil es Beschäftigungsvolumen absaugt von den doofen, lästigen Dingen.
Oliver Jungen schreibt:
Tatsächlich, darüber ist man sich einig in all den Studien: Das Internet ist schuld. Kurze Texte, unendliche Masse, viele Bilder, Armageddon der Konzentration. Ein paar Befürworter des Online-Lesens wie der Psychologe Rand J. Spiro von der Michigan-State-Universität fallen da kaum ins Gewicht, zumal die Debatte ja schließlich übersprang vom Fachterrain auf das allgemeine Feuilleton. Jonathan Carr, den nach Selbsteinschätzung Google dumm gemacht hat, auch wenn er noch einen recht gewitzten Essay darüber zu schreiben in der Lage war, brachte den Aufruhr in die Presse. Die Kassandrarufe hallten einmal quer durch den Wald. In der „New York Times“ war jüngst ein großes Stück über abnehmende Lesekompetenz zu lesen, hernach ganz ähnlich im „Spiegel“. In beiden Fällen fanden auch Gegenstimmen Erwähnung, aber die Stoßrichtung war eindeutig: höchster Handlungsbedarf, weil die „grassierende Fettsucht unter Amerikanern und Europäern“ („Spiegel“) sonst schnell ein mentales Pendant erhalte. Fast immer fällt dabei das böse Wort: Prokrastination. Eine suizidale Ökonomie, hartgesottene Aufschubmentalität: Nur noch Nahziele werden verfolgt und selbst die stetig unterlaufen durch noch näher liegende.
Sascha Lobo schreibt
Jetzt davon zu sprechen, dass auf dem Laptop lange Texte zu lesen unmöglich sei, schon aus Konzentrationsgründen, das ist, als hätte man Anfang des 19. Jahrhunderts behauptet, dass Kutschen niemals schneller als siebzig Stundenkilometer fahren werden wegen der Holzräder. Es lohnt sich, hier die vermeintlichen Expertenaussagen noch mal auf den Prüfstand zu stellen, wenn eine geschmeidige Technologie massenverfügbar ist. Das Internet ist unser Segen, ohne Wenn und Aber, und alles, was die Beschwerdeführer jetzt dagegen vorbringen, war schon immer da. Sie haben es aus der Perspektive ihrer schallgedämmten Bibliotheken nur nicht gesehen. Man schaue sich nur einmal die unfassbare Renaissance der Schriftkultur an: Wie viel Text hat ein Dreizehnjähriger 1990 am Tag geschrieben? Und um wie viel mehr schreibt er heute? Unabhängig von der meinetwegen im Schnitt nur mäßigen Qualität hat ihn das Netz, hat ihn die Technologie doch wieder an die schriftliche Kommunikation herangeführt.
Oliver Jungen schreibt:
Im „Spiegel“ wurde sogar schon eine schockierende Auswirkung entdeckt: „Immer mehr Kinoregisseure erzählen Geschichten nicht mehr von Anfang bis zu ,The end‘, also chronologisch.“ Filme mit Rückblenden! Ja, wenn es dahin kommt, dann aber gute Nacht, Europa. Kurz: Das Prokrastinieren ist schuld an allem Unglück der Welt. Und da wollt ihr uns erzählen, das sei im Grunde ganz gesund?
Kathrin Passig schreibt
Was soll eine wachsende Abneigung gegen unprofessionelle Zeitverschwendung sein, wenn nicht gesund? Dem Prokrastinierer wird häufig unterstellt, er fürchte sich vor einer Tätigkeit, wo er in Wahrheit nur eine berechtigte Abneigung gegen die Komplikationen empfindet, die Steuererklärungen, Ämtergänge und der Umgang mit deutschen Universitätsverwaltungen mit sich bringen. Wenn eine Tätigkeit nicht entweder Spaß macht oder wenigstens spielend leicht zu erledigen ist, wird sie aufgeschoben werden. Und zwar zu Recht: Wie soll die Welt jemals ein besserer Ort werden, wenn wir Zumutungen nicht so lange wie möglich aus dem Weg gehen?
Oliver Jungen schreibt:
Sympathisch - und natürlich hochnäsig. Es arbeiten schließlich in diesen wie in allen Institutionen ja selbst Überforderte. Wenn die - mal abgesehen von der Deutschen Bahn, wo das ja praktiziert wird - ebenfalls alles freudig verschieben würden, würden wir wahrscheinlich verhungern, an Schnupfen sterben oder zehn Jahre auf einen Internetanschluss warten. Also darf vielleicht doch nur die freiberufliche, kreative Elite ausschlafen?
Sascha Lobo schreibt:
Unter Festangestellten wird mehr prokrastiniert als unter Freiberuflern. Es fällt nur nicht so auf, weil zur Grundausbildung des Büroangestellten zentral die Arbeitsvortäuschung zählt. Oft täuscht man sich sogar selbst, das wirkt echter nach außen. Das Weltbild des ausschlafenden Prokrastinierers steht tatsächlich hier und dort unter Luxusverdacht. Dabei hätte man allen Grund dazu, das anders zu sehen, denn schließlich soll aller Fortschritt der Welt uns dienen und nicht umgekehrt. Es heißt also, die Früchte der technischen Verbesserung nicht in einem fort zu reinvestieren, sondern auch ein wenig zu genießen. Das fängt damit an, dass die Zeit, die man einspart, weil man nicht mehr von Hand waschen muss, gefälligst nicht mit anderen Zwängen gefüllt zu werden hat. Insofern ist Prokrastination und der Wunsch nach freier Zeiteinteilung als paradigmatischer Überbau für alle Berufe, Schichten und Altersgruppen zu betrachten.
Oliver Jungen schreibt:
Aufmerksamkeit ist begrenzt, ganz wie Erdöl. Da muss man haushalten. Wo alles flimmert, verfeuern wir das kostbare Gut nun mal schneller. Ein Fachmann sagt das so: „Beharrende Eindrücke (…) verbrauchen sozusagen weniger Bewusstsein als die rasche Zusammendrängung wechselnder Bilder, der schroffe Abstand innerhalb dessen, was man mit einem Blick umfasst.“ Hier Bücher, dort Websites, könnte man jetzt denken. Das Zitat entstammt allerdings einem abgedrifteten Vortrag von 1903. Eigentlich sollte Georg Simmel damals die „geistigen Kollektivkräfte der Großstädte“ darstellen. Stattdessen redete er davon, wie desaströs das Großstadtleben für das Nervenleben des Einzelnen ist. Die Großstädter haben demnach aber ein „Schutzorgan gegen die Entwurzelung“ entdeckt: den Verstand. Der sei „ein Präservativ des subjektiven Lebens gegen die Vergewaltigungen der Großstadt“. So geschützt vor den penetranten Angriffen der Moderne, entsteht eine fast meditative Gleichgültigkeit des Gemüts, individuell als „Blasiertheit“ und sozial als „Reserviertheit“ auftretend. Genau das aber, so Simmel, der ja leidenschaftlicher Großstädter war, gewähre „dem Individuum eine Art und ein Maß persönlicher Freiheit, zu denen es in anderen Verhältnissen gar keine Analogie giebt“. Anders formuliert: Erst weil man, total überfordert, alles Unpersönliche von sich wegschiebt, aufschiebt, kommt man zu sich selbst. Vielleicht führt auch die Google-Überforderung zu einer neuen Form der Freiheit und Subjektivität? Eben im Gegenschlag? Via Prokrastination?
Sascha Lobo schreibt:
Überforderung ist in der Tat ein Problem, aber eben nicht die Überforderung durch Reizüberflutung, sondern die durch Erwartungsüberflutung - zwei ganz verschiedene Dinge. Was wird alles auf aggressivste Weise von uns erwartet? In wie unendlich vielen Bereichen kann man bitte schön inzwischen versagen? Die Gesellschaft erwartet - obwohl doch einst auf Arbeitsteilung aufgebaut - nicht weniger von einem, als dass man gefälligst Spezialist in allem zu sein habe. Besonders im ungeliebten Bereich Organisation, der räderwerkgleich den Betrieb einstellt, wenn nur ein Rädchen defekt ist. Gerade weil die Aufmerksamkeit begrenzt ist, müssen wir im hämmernden, stroboskopischen Sinne in jeder Millisekunde prüfen, ob sie genau jetzt geeignet eingesetzt ist. Eindrücke, Einflüsse, Reizungen, immer her damit; wer daran spart, verCSUt früher oder später dramatisch. Also ein klares Ja: Die Reizüberflutung ist die Meditation unserer Zeit.
Oliver Jungen schreibt:
Aber Meditieren hat aber nun auch selten zu etwas geführt. Und das Internet ist ja tatsächlich voll von Müll, der blinkt und piept. Auch die permanente Erreichbarkeit auf mehreren Kanälen führt sicher zu Dauernervosität. Völlig unverständlich aber, warum man in der hieraus abgeleiteten Prokrastination etwas Schlechtes sehen wollte. Nun also die überfällige Umkehrung: Prokrastination als Überlebensstrategie im Internetzeitalter. Eine Rehabilitation des fast schon ausgestorbenen inneren Schweinehunds, der nur müde grinst, wenn Bernhard Bueb ihm wieder einmal befiehlt, Stöckchen zu holen. Das muss dann aber wohl auch zu einem anderen Umgang mit dem Blinken und Piepen der digitalen Moderne führen: Nutzt man die Verhütungsmethode Verstand, nimmt man sich also die Freiheit, all das zu ignorieren und stattdessen, sagen wir, in Ruhe eine Zeitung zu lesen?
Sascha Lobo schreibt:
Eine Betrachtung des auf ADS spezialisierten Arztes Dr. Edward M. Hallowell, ausformuliert im Buch „Crazy Busy“: Die heute normalen Arbeitsabläufe des Büroalltags ähneln der Symptomatik des Attention Deficit Syndrome so sehr, dass eigentlich jeder unter ADS leidet. Tatsächlich ist die Zahl der zu beachtenden Kommunikate und zu bearbeitenden Informationseinheiten mit der digitalen Bürovolution dramatisch angestiegen, wie ein von uns ausgedachtes Gutachten der Universität Calgary eindeutig belegt. Besonders ärgerlich ist dieser Umstand für mich, weil ich als ADS-Träger mich kaum mehr unterscheide von all den stellvertretenden Vizeabteilungsleitern dort draußen in den Großraumbüros. Mein biologischer Distinktionsgewinn, einst mit Stolz vorgetragen - zerstoben im Blackberrygetöse der Vorstadtvertriebstruppen.
Oliver Jungen schreibt:
Der niederländische Medienhistoriker Geert Lovink geht in seinem soeben erschienenen, zum Teil am Wissenschaftskolleg Berlin entstandenen Buch „Zero Comments“ von einem „nihilistischen Impuls des Bloggens“ aus: „Blogs bringen Verfall.“ Was dabei verfällt, „ist der 'Glaube an die Botschaft‘“. Blogger böten bewusst keine Alternative zu den Massenmedien: „Bloggen ist kein digitaler Klon des Leserbriefs. Anstatt zu klagen und zu streiten, nehmen Blogger die pervers angenehme Position des Medienbeobachters ein.“ Das Blog ist in Lovinks skeptizistischer Meditation ein notwendig plurales Phänomen und großer Zweifelgenerator. Es ist ja etwas dran: Man kommt in der Blogsphäre kaum je zu Endergebnissen. Das Reden über eine Sache ist das Ziel, nicht ihre Fixierung. Prozessuale, unabschließbare Kommunikation ist natürlich schön, weil sie ziemlich hierarchiefrei ist. Aber man kann es auch als Hinausschieben einer Entscheidung sehen: ein kafkaesker Prozess, unendliche Prokrastination des Urteils durch Beibringen immer neuer Zeugen. Kann man - um nicht ganz der Urteilskraft verlustig zu gehen - diese Logik zur Selbstapplikation zwingen? Das Aufschieben aufschieben und, sagen wir, einen Vergleich schließen?
Sascha Lobo schreibt:
Okay, ich fühle mich mit unseren eigenen Waffen geschlagen. Ein vollidiotischer Kommentator hat in einem der gefühlt dreiundzwanzig ZIA-Weblogs einmal geschrieben, wir könnten aufgrund zugegeben unterhaltsamer Formulierungskunst alles mit jedem in pseudokau sale Beziehung setzen und anschließend daraus ein Buch machen. Der Trick sei: anekdotische Evidenz, aufgepeppt mit der statistischen Untermauerung irrelevanter Randfakten. Dieses Rezept befolgend kann man, in diesem Fall Lovink, natürlich behaupten und scheinbeweisen, was man möchte, und Blogs und Botschaftsverfälle beliebig miteinander vermählen. Was also Blogs mit Prokrastination zu tun haben sollen, weiß ich auch nicht, kann aber bei Bedarf gern einen an den Haaren herbeigelovinkten Zusammenhang konstruieren.
Oliver Jungen schreibt:
Nicholas Carr sagt nicht nur eine individuelle Verblödung, sondern auch eine korrespondierende neue Zentralisierung voraus: Strukturell den Stromanbietern vergleichbar, werde Google in Zukunft Rechenleistung gegen monatliche Abrechnung zur Verfügung stellen. Das eigentliche Problem bei den großen Rechenkraftwerken sei die punktgenaue Manipulation der Kunden zu kommerziellen Zwecken. Das klingt nicht ganz unwahrscheinlich. Und die Googlokratie ist ja wahrlich keine Schimäre. Neunundneunzig Prozent seiner 4,2 Milliarden Dollar Jahresgewinn soll Google schon heute durch Werbeanzeigen akquirieren. „Kann jemand ohne die Patronage durch Google zum Präsidenten der Vereinigten Staaten werden?“, fragte der „Observer“ kürzlich. Können wir dem durch Ausschlafen und Boykott entgehen?
Sascha Lobo schreibt:
Ich finde es nur mäßig überraschend, dass ein Anzeigenvermittler den Großteil seines Geldes mit Anzeigenvermittlung verdient. Dass aber das Machtinstrument Boykott rein zufällig oft mit der Annehmlichkeit der Nichtaktivität zusammenfällt, ist der Hauptgrund, warum Revolutionen, angetrieben durch eine Minderheit, überhaupt zu einer Massenbewegung werden können beziehungsweise zu einer Massenträgheit. Ich sehe übrigens eine große Zukunft für den Liegestreik.
Oliver Jungen schreibt:
Michael Maiers jüngst veröffentlichte, radikal optimistische Überlegungen zum Internet setzen Carrs Pessimismus die Idee vom „Superhirn-Komplex“ entgegen: die Verschaltung und somit Potenzierung der Intelligenz durch das Netz. Bereits nach nicht einmal fünftausend Tagen sei eine „Explosion an Kreativität (YouTube), Gemeinsinn (Wikipedia) und Innovation (Google)“ festzustellen. Gemeinsames Denken verändere tatsächlich unser Gehirn - aber nur im Positiven. Doch lauerten auf diesem Weg Gefahren, die abzuwenden seien. Verschieben sei verboten: „Eine Vertagung ist nicht möglich, wenn es um den jüngsten Tag geht.“ Und so endet das Buch in dem schlichten und sprachlich geradezu irren Aufruf: „Mailen, chatten, twittern, googeln, bloggen Sie, was das Zeug hält.“ Vielleicht hätte er sein Zeug lieber im Zaum gehalten. Erst kauen, dann schlucken. So aber bietet er immerhin ein anschauliches Beispiel dafür, was passiert, wenn man nicht prokrastiniert.
Sascha Lobo schreibt:
Witzig, ich kenne etwa fünf Michael Maiers, darunter zwei Autoren, zwei Musiker und ein Artist. Dieser spezielle Michael Maier hat in einem Punkt recht: Natürlich sollte man nach Kräften an der digitalen Gesellschaft teilnehmen und versuchen, seiner jeweiligen Zeit auch technologisch gerecht zu werden. Langsamkeit wird in letzter Zeit bedenklich oft mit Tiefe oder gar Reflexionsfähigkeit verwechselt, Kontemplation passt heute auch in die Sekundenbruchteile zwischen zwei Handytelefonaten. Mit Prokrastination hat das insofern zu tun, als dass eher selten gar nichts getan wird beim Aufschieben. Häufiger tut man alles Mögliche, nur eben nicht das scheinbar Dringende oder das Notwendige. Und die erlösende - weil dem ständigen Sinn- und Zweckdiktat entfliehende - Entfokussierung des eigenen Handelns fällt bedeutend leichter, wenn man vier bis fünf Dinge gleichzeitig tut.
Oliver Jungen schreibt:
These: Aufgeschoben ist aufgehoben im Hegelschen Sinn. Die einzig adäquate Sicherheitsverwahrung für brillante Ideen, deren Umsetzung sie verschleißen würde. Manche Ideen sind ja wie Milchkühe: Man kann sie natürlich einmal schlachten, oder man kann jahrelang von ihnen leben. Vielleicht gilt das nicht nur im Kreativsektor. Es mag doch sein, dass das Fatale an der „verspäteten Nation“ - ganz entgegen Plessners Intention - gerade nicht die Verspätung war: Wie wäre alles geworden, hätte man nicht aufgehört, aufzuschieben? Doch wohl wahrscheinlich weniger fatal. In der Prokrastination steckt damit auch ein Plädoyer für Regionalismus im Denken, für eine partikularistische Rückeroberung der hegemonialen Diskurse.
Sascha Lobo schreibt:
Hegel, Hegel, Popegel; in einen Topf mit den anderen Vertretern des ein- und abschnürenden Systems und flugs hingewandt zu Poppers offener Gesellschaft, die sicher in ihrer schönsten Form auch dem Prokrastinisten ein warmes, weiches Plätzchen geboten hätte. Man sollte sich ansonsten nicht in die Überinterpretation der Prokrastination hineinsteigern, das Ding an sich neigt einfach dazu, aus wesentlich mehr Gründen nicht getan werden zu können, als schließlich getan zu werden. Was den Kreativsektor angeht, ist eine der wichtigsten Grundlagen unserer Kultur immer noch der Quatsch, also das begeisterte Rudern im Kreis auf den toten Nebenarmen des Funktionsflusses, der dem herrschenden Gedankensystem Unterworfenen als alternativlos erscheint.
Oliver Jungen schreibt: Das retardierende Moment ist auch die Geheimformel aller Dramaturgie.
Sascha Lobo schreibt:
Hä?
Oliver Jungen schreibt:
Poetologisch gemeint. Die fünf Akte des Aristoteles: Exposition, Komplikation, Peripetie, Retardation, Katastrophe - wobei eben das Retardationsmoment mit der Geniezeit nicht endet, sondern in jedem Blockbuster ausgereizt wird. Blockbuster sind ja pure Retardation: Wen interessiert schon, wer gewinnt? Das gilt aber ja nicht nur für die Kunst. Was ist überhaupt Leben, wenn nicht Retardation des Endes? Anwendung der These: Der Kalte, der erfolgreich prokrastinierte Krieg war eine und vielleicht die zu dieser Zeit einzig mögliche Form von Frieden. Ausweitung der These: Die Welt besteht aus dem Aufhalten des Weltendes, aus purer Prokrastination. Sein Aufhalter ist das steinalte „Katechon“ des Paulus.
Sascha Lobo schreibt:
Vorsicht. Bei aller Verehrung für steile und steilste Thesen möchte ich das Aufhalten des Weltendes nicht als pure Prokrastination verstanden wissen. Das Gegenteil könnte eher schon der Fall sein. Der Kalte Krieg war in meinen Augen kein Kind der Prokrastination, sondern ein anstrengendes, vielleicht auch notwendiges Konstrukt, dessen aktive Ausbalancierung viel mehr Energie gekostet hat als die Eskalation in die ein oder andere Richtung. Unabhängig vom, sagen wir, unangenehmen und verlustreichen Ende auf der einen Seite ist das Bild, das mir der Kalte Krieg im Kopf hervorruft, das von zwei Sisyphossen, die eine riesige Steinkugel auf dem Gipfel in jeweils entgegengesetzte Richtungen schieben wollen. Welt endenaufhalten ist harte Arbeit.
Oliver Jungen schreibt:
Apropos Weltende: Da wären wir ja wieder beim Internet. Das der Googlegeneration attestierte Problem aber ist in Wahrheit das der vorangegangenen Generation: Wir sind es ja, die nicht wissen, dass wir ein Problem haben. Ganz und gar unvergleichbar mit dem Angriff auf die Vernunft durch das Internet ist ja der Vernichtungskrieg, den das vorausgegangene Leitmedium führte. Wahrscheinlich hatten sie doch alle recht, die Rundfunk-Apokalyptiker der ersten und der zweiten Stunde, von Richard Kolb bis McLuhan, Virilio, Baudrillard und ihre ganzen Adepten. Vielleicht ist das Originale längst der Simulation gewichen, auch im Bereich der eigenen Meinung. Informieren als In-Formation-Bringen. Nie zuvor hatte die Hierarchie von Zentrum und Peripherie eine solche totale Gewalt. Was anderes war es als die Fortführung von Jeremy Benthams panoptischem Projekt, nur dass die Zentralmacht seine Gefangenen gar nicht mehr beobachten muss, sondern punktgenau steuern kann? Strukturell konnte der Rundfunk über den Volksempfänger ja nie hinauskommen, weil er seinen Konsumenten nichts abverlangt außer passiver Aufmerksamkeit. Anders als Bücher oder Zeitungen. Das formte unsere Denkkategorien und Hirnstrukturen nicht nur, sondern verwüstete sie, bohrte einen Befehlskanal tief ins Schädelinnere, den es erst einmal zuzuschütten gilt. Wir müssen neu sprechen lernen.
Sascha Lobo schreibt:
Befehlskanal ins Schädelinnere, Quatsch. Mein lieber Freund Wolfgang Herrndorf hat vollkommen recht, wenn er behauptet, dass die Menschen früher dümmer waren, generell dümmer. Langsamer auch. Wie kann man da von verwüsteten Denkkategorien und Hirnstrukturen sprechen und sich das Damals zurückwünschen oder irgendwelche medial mühsam in die Köpfe gereizten Kanäle zuschütten wollen? Dieser stinkende Kulturpessimismus, der natürlich in unserem neuen Goldenen Gott, dem Internet, seinen radikalsten Feind gefunden zu haben glaubt, war schon früher verantwortlich für den Feldzug gegen den Rundfunk und kreischte davor vermutlich das Hohelied auf die Marmortafel, wohingegen das Papier vergänglicher Tand sei. Das Original ist im Digitalen stärker denn je, weil es sich vom Dinglichen verabschiedet hat und nur noch als Idee vorhanden ist. Ich kenne keine Kopien, ich kenne nur Originale. Hunderttausende, gleich aussehende Originale. Wunderbar!
Oliver Jungen schreibt:
Im Zustand seines Zusammenbruchs setzt das Fernsehen auf Schwachsinnsbombardement. Es tritt dennoch mit dem Anspruch auf, der Gesellschaft einen Stundenplan vorzulegen. Nur gut, dass Prokrastinierer - mit schlechtem und vielleicht ja nun bald auch mit gutem Gewissen - höchst allergisch reagieren auf Stundenpläne.
Sascha Lobo schreibt:
Ich möchte aus Gründen der Pietät nicht auf einem sterbenden Medium herumhacken, dessen stundenplanerisches Diktat auch längst Geschichte ist. Mit einer kleinen Ausnahme vielleicht, nämlich dem Faszinosum der Gleichzeitigkeit, der Synchronizität, die unabhängig vom Inhalt sinnstiftend wirken kann; allein das Wissen, dass genau in diesem Moment fünf Millionen andere Menschen Gomez aus 75 Zentimeter Entfernung das leere Tor verfehlen sehen, kann einen mit Erhabenheit ausfüllen. Dass 30 Millionen andere Menschen auch genau jetzt irgendwas googeln, ist da nur ein schwacher Trost. Glücklicherweise ist der Prokrastination egal, was aufgeschoben und welche Tätigkeit stattdessen ausgeübt wird. Da ist kegeln genauso gut wie Dichtungen erneuern.
Oliver Jungen schreibt:
Als Bebilderung schlage ich vor: Lothar Späth.
Sascha Lobo schreibt:
Die Idee mit dem Bild von Lothar Späth ist ärgerlich genial, den hätten wir als Paten gewinnen sollen, ähnlich wie das Listenbuch von Tex Rubinowitz als Schutzpatron Franz Liszt ausweist. Naja, egal.
Oliver Jungen schreibt: Es ist nie zu spät.
Die Autoren schreiben in ihrem Glossar zum Begriff „Prokrastination“: „Dass der im Englischen gebräuchliche Begriff für ,Aufschiebeverhalten‘ im Deutschen zunächst etwas sperrig wirkt, soll uns nicht weiter stören. 1967 bezeichnete der Psychologe Paul Watzlawick in einem Buchvorwort den Begriff ,Kommunikation‘ als ,im Deutschen ungewohnt‘. Vierzig Jahre später gibt es anderthalb Millionen deutschsprachige Googletreffer für ,Kommunikation‘. Geh hinaus in die deutschsprachige Welt, nützliches Wort Prokrastination! 2048 zählen wir mal nach, wie es dir geht.“