17.10.2008 · Bratwürste in Altöl, Wiener-Schnitzel-Imitate unter Panadepanzern, brikettharte Brötchen: Muss man auf der Buchmesse hungern oder ist es möglich, sich kulinarisch durchzuschnorren? Es ist möglich - man muss aber schon genau wissen wo.
Von Jakob Strobel y SerraWir boykottieren die Buchmesse. Nein, nicht die Bücher, sondern die Barbareien, die dort unwidersprochen und ungestraft als Essen verkauft werden. Es ist eine Schande, eine Beleidigung, kulinarischer Sadomasochismus, es ist zu arg: all diese Bratwürste in Altöl, Wiener-Schnitzel-Imitate unter Panadepanzern, brikettharten Brötchen mit dem immerselben Käse-Salami-Schinken-Trübsinn, diese schrecklichen Frittenbuden wie an Fernfahrerparkplätzen, diese Käsebrezeln, die aussehen, als hätten sie die Krätze, diese süßlichen Stände mit Nutella-Crêpes und Nutella-Mandeln, die viel zu früh die Luft mit Weihnachtsmarkt-Odeur verpesten.
Und überall lange Schlangen, freudlose Gesichter, halb aufgegessene Teller, jetzt wissen wir endlich, warum es während der Buchmesse immer regnet. Wer klug ist, hockt ab mittags an den Weißbierständen und ernährt sich nur noch flüssig. Doch Frusttrinken ist auch keine Lösung. Deswegen verkünden wir unseren Boykott: Nicht einen Cent werden wir für die Frankfurter Fast-Food-Schauderhaftigkeiten ausgeben und uns stattdessen bei den Verlagen durchschnorren. Das ist unser fester Schwur.
Plätzchen aus Omas Küche
Hart ist das Los der Standhaften. Denn an den Ständen herrscht die Tyrannei des Kekses, die Diktatur des Gummibären, die Herrschaft der Salzstange. Wir sind tapfer und klauen Lakritzkringel, Fruchtbonbons, Erdnussflips, versorgen uns bei der Korea Culture and Content Agency mit schlaffem Popcorn, stibitzen bei einem österreichischen Software-Unternehmen echte Mozart-Kugeln und bleiben lang bei einem Verlag aus Mainz hängen, der in all der Ödnis wie ein Feinkostladen wirkt: Er hat Wurst aus der Türkei, Oliven aus Italien, Plätzchen aus Omas Küche und übrigens Literatur aus dem Maghreb. Dafür hungern wir bei den Skandinaviern, Spaniern und Italienern, die überhaupt nichts zu essen da haben und zur Strafe jetzt nach Frittieröl riechen.
Nichts gibt es bei Chinesen und Japanern, die sonst sich sonst gern lustvoll den Bauch vollschlagen, hier aber fernöstlich weise der Askese huldigen. Linderung verspricht die nächste Halle, dort naschen wir, was am Wegesrand zu holen ist, Aprikosen bei den Armeniern, Rosinen bei den Kasachen, Pistazien bei den Iranern, Branntwein bei den Bosniern, Datteln mit Schokolade bei den Saudis und Datteln mit Mandeln bei den Dubaiern, diese mit besten Grüßen überreicht von Scheich Mohammed bin Rashid Al Maktoum, der wandbreit an der Standwand mahnt: „No power is greater than pen and knowledge“. Der Scheich hat gut reden, er kennt nicht die revolutionäre Macht des knurrenden Magens.
Das beste Restaurant der Stadt
Doch auch das kleine Glück des Gaumens begegnet uns. In einer Blechtonne rösten baumzertifizierende Umweltschützer Esskastanien aus dem Heidelberger Stadtwald, im Zelt der türkischen Handelskammer nebenan verklebt uns türkischer Honig den Kiefer, und in einem zugigen Verbindungsgang stoßen wir auf italienische Eismacher aus Treviso, die für eine Tizian-Veranstaltung Vanille-Erdbeer-Eis mit Himbeermarmelade angerührt haben und die Reste jetzt frohgemut an die Laufkundschaft verschenken.
Und viel zu spät, um unseren Schwur noch zu überdenken, landen wir bei dem hessischen Kochbuchverlag Tre Torre, der seinen Stand in ein Esslokal für den gehobenen Geschmack umgewandelt hat. Es sei „das beste Restaurant der Stadt“, heißt es hochtrabend, es ist aber gewiss das beste Restaurant der Messe, in dem Gerichte von den Sterneköchen des Verlags serviert werden, von Ingo Holland, Jörg Sackmann, Hans Stefan Steinheuer, Zanderfilet auf Schalottenconfit mit Pancetta, Hirschgulasch mit Brezelknödeln und Waldpilzen, Mango-Waffel mit Ananasragout und Schokoladeneis, das Leben ist ungerecht.
Schinken, so mürbe wie ein Mousse
Mit hängendem Kopf schleichen wir davon, durch Halle drei zur Garderobe, vorbei an lauter Buchdeckeln mit wunderbarsten Speisen darauf. Der Messetag dämmert schon, als plötzlich die Sonne aufgeht: Sie blitzt am Stand eines Münchner Kulinariaverlages in Form einer monumentalen Schinkenschneidemaschine, an der sich der Chef des Hauses zu schaffen macht. San Daniele, achtzehn Monate luftgetrocknet, mürbe wie ein Mousse, weich wie der Schnee, „den müssen Sie probieren, nehmen Sie, und dazu ein Glas Sauvignon Blanc aus dem Friaul“.
Sein Schinken habe schon Tradition auf der Messe, „das muss einfach sein, schauen Sie sich doch nur um“, sagt der Chef und schnalzt mit der Zunge. Wir schnalzen mit, wie betäubt vom Duft des Schinkens, und könnten diesem Mann um den Hals fallen, so schön ist das Leben.
Wo bleiben die Frankfurter?
Hans-Helge Hansen (Nordmensch)
- 17.10.2008, 15:07 Uhr