20.10.2008 · Mit jedem Begriff, den wir in die Suchmaske von Google eintippen, geben wir der Krake neue Daten über uns preis. Lars Reppesgaard ruft die Internetnutzer in seinem Buch „Das Google-Imperium“ auf, ihre Privatsphäre klüger zu schützen.
Von Gesine HindemithDie Lösung, die Lars Reppesgaard zu bieten hat, ist nicht Technologiefeindlichkeit, sondern mehr Technologiebewusstsein. Er ruft den Nutzern der Internet-Dienste zu: Ihr habt es selbst in der Hand, ob Google bald alles über jeden Einzelnen von euch weiß! Teilt und herrscht: Verteilt eure Daten auf mehrere Suchmaschinen, so dass es dem Riesenindex Google, diesem größten Datenfresser der Welt, schwergemacht wird, ein bis in intime Details reichendes Profil von euch zu erstellen!
Suchgewohnheiten ändern, damit Google nicht zu viel über uns weiß: Das ist, kurz gesagt, die Botschaft, die Lars Reppesgaard in seinem hervorragend recherchierten Buch über das Google-Unternehmen lanciert, das in nur zehn Jahren der Hauptlieferant für den Rohstoff „Daten“ wurde. Der Autor will das Datenschutzbewusstsein, das Google selbst (noch) nicht hat, wenigstens bei seinen Nutzern wachrufen. „Internetnutzer müssen lernen, ihre Privatsphäre in der digitalen Welt aktiv zu managen. Sie müssen entscheiden können, wann sie anonym bleiben wollen und wann sie identifiziert werden möchten. Und sie müssen einschätzen können, wann was der Fall ist.“ Kommt auf diese Weise „eine breite Nutzerbewegung“ zustande, die auf Anonymisierung der Datenerhebung dringt, hält der Autor die Reform von Google hin zu mehr Datenschutz für absehbar: „Google ist ein Unternehmen, in dem unterschiedliche Strömungen miteinander ringen und in dem nicht alle den Datenhunger für die beste Strategie halten.“
Technisch kein Problem
Auch wenn Google in einer „Uns kann keiner“-Allüre im Augenblick noch nicht bereit ist, „den bereits angesammelten Datenschatz radikal zu anonymisieren und seine Neugier beim Bereitstellen und Betrieb seiner Dienste einzuschränken“, so sei doch die Auseinandersetzung über das Datenproblem in der kalifornischen Zentrale angekommen. Zumal die Anonymisierung technisch offenbar kein Problem darstellt: „Dazu reicht es in der Regel bei derartigen Massendaten aus, bestimmte Teile der Informationen zu entfernen.“ Die langfristige Speicherung von IP-Adressen und die lange Laufzeit der Cookies, die am eigenen Computer die Suchhistorie registrieren, seien nach Meinung von Suchmaschinenfachleuten weder für die Marketingnutzung noch für den Betrieb einer guten Suchmaschine zwingend notwendig. Google argumentiert hier nach wie vor fadenscheinig.
Das Verdienst dieses Buches ist es, dem sorglosen Internet-Surfer sehr anschaulich vor Augen zu führen, was das eigentlich genau bedeutet: dass von Google keine Information zu haben ist, ohne dass ich dem Unternehmen Informationen von mir preisgebe. Die Anwendungen, die Google bereitstellt, sind zwar kostenlos, umsonst gibt es sie aber nicht: „Der Preis, den wir für die Nutzung bezahlen, sind die Daten, die von jedem Nutzer gesammelt werden“, schärft uns dieses Buch ein.
Nichts wird vergessen
Das gilt natürlich für jeden Begriff, den wir in das Suchfeld der Google-Website eintippen. Reppesgaard möchte uns die Zusammenhänge des Nutzerverhaltens vor Augen zu führen, die grundlegend, aber dennoch den wenigsten bewusst sind. Googles Rechnersystem ist nun mal nicht nur deshalb so riesig, damit Millionen von Surfern gleichzeitig darauf zugreifen können, sondern auch, damit Google alles speichern kann, was die Nutzer tun. Google kann nicht nur alles, was im Internet zu finden ist, aufspüren; auch nichts von dem, was auf den Google-Rechnern geschieht, wird vergessen.
„Wer Googles E-Mail-Dienst, das Online-Fotoalbum oder die Büroprogramme nutzt, legt seine Nachrichten nicht auf dem eigenen Computer ab, sondern irgendwo im Supernetz von Google“, erklärt der Autor. „Das gilt nicht nur für Youtube. Jeder Begriff, der in das Suchfeld der Google-Website eingetippt wird, wird irgendwo in dem riesigen Rechnerpark aufbewahrt - zusammen mit der Information, von wo die Anfrage kam. Ob sich Menschen, die Suchbegriffe wie ,Schulden nicht bezahlen' oder ,schmutziger Latex-Sex' eingeben, dessen immer bewusst sind?“ Grundsätzlich gilt das Motto, das der Autor mit einer Reihe unheimlicher Beispiele belegt: Wer sucht, wird gefunden. Jeder Nutzer ist auffindbar, erst recht, wenn er seinen eigenen Namen googelt und nach seiner Rezeption fahndet.
Die Kleinen können manches besser
Unterschiedliche Suchmaschinen auszuprobieren ist freilich auch ein inhaltlicher Gewinn, weil man Perspektiven erweitert und wechselt. Neben den Suchdiensten von Yahoo und Microsoft gibt es etliche andere kommerzielle Anbieter wie Ask.com, die ebenfalls akzeptable Suchergebnisse lieferten, darunter echte Google-Herausforderer wie die Neuentwicklung Cuil.com. „Metasuchmaschinen wie Ixquick und Metacrawler fassen die Suchergebnisse von mehreren Suchmaschinen zusammen und senden die Suchanfragen auch an kleine Spezialsuchmaschinenanbieter, die in bestimmten Fachgebieten Google und anderen kommerziellen Alleskönnern klar überlegen sind. Es lohnt sich, sie auszuprobieren, auch wenn Anfragen an eine Metasuchmaschine meist etwas langsamer beantwortet werden als Anfragen an eine normale Suchmaschine.“
Die Antworten kommen hier nach Sekunden, nicht nach Sekundenbruchteilen, weil die Metasucher erst alle Ergebnisse von den befragten Suchmaschinen zusammenfassen und nach ihrer Relevanz sortieren müssen. Für die Praxis, so meint der Autor, seien sie ebenso wie die Suchmaschine Exalead.com und Clusty.com trotz der Zeitverzögerung sehr brauchbare Suchwerkzeuge. Die erwähnte Metasuchmaschine Ixquick streicht Reppesgaard besonders heraus. Sie speichere Suchergebnisse nur 48 Stunden und liefere dennoch gute Ergebnisse. Technisch könne man Suchanfragen auch sofort nach dem Anzeigen der Ergebnisse anoymisieren oder gar löschen. Cuil.com funktioniere sogar, ohne dass die Suchmaschine überhaupt Log-Files und IP-Adressen speichert.
Zwei zukunftsweisende Trends
Leider wird in diesem Buch nicht deutlich und ausführlich genug auf die beiden wirklich zukunftsweisenden Trends im Suchmaschinenbereich eingegangen: die Verfeinerung der sogenannten semantischen Suche (statt Suchbegriffen werden ganze Fragen beantwortet) und die Datenerhebung nach dem dezentralen Prinzip. Für Letzteres wird nur die Suchmaschine Yacy erwähnt, die es vermeidet, einen einzelnen Gesamtindex aufzubauen, welcher bei Erfolg des Projektes ja zu den gleichen Problemen wie bei Google führen würde. Der Clou von Yacy ist, „dass etliche tausend Internetnutzer sie betreiben und nicht ein einzelner Anbieter. Jeder, der sich an Yacy beteiligen will, lädt sich eine Software auf seinen Rechner und wird so zu einem Teil des Yacy-Netzes. Wer zum Suchindex beitragen will, kann selbst Crawler auf die Reise schicken. Durch das dezentrale Prinzip des verteilten Rechnens ist Yacy resistent gegen Ausfälle - und dagegen gefeit, dass ein Einzelner den gesamten Index kontrolliert.“
Lars Reppesgaard betreibt keinen Alarmismus. Aber er schlägt Alarm. Zwar sagt er ganz klar: Bisher gibt es keinen Hinweis darauf, dass Google seine eigenen Datenschutzrichtlinien verletzt, etwa indem es Benutzprofile an andere Unternehmen verkauft. Erst im Juli 2008 habe die Google-Managerin Marissa Mayer dieses Versprechen mit den Worten „Vertrauen ist die Basis für alles, was wir tun“ erneuert. Aber ein Versprechen, so der Autor, reicht nicht aus für das, was auf dem Spiel steht (an möglichem Missbrauch durch Regierungen, Arbeitgeber, Versicherungen, Industriespione). Letztendlich ist Vertrauen die Ressource, die bei Google am wenigsten gesichert ist.
Keine Garantie
„Eine Garantie, dass Google die freiwillig zugeteilte Macht nicht missbraucht, bekommen die Nutzer nicht. Und ein Versprechen ist etwas anderes als ein einklagbares Recht oder ein Gesetz, an das sich jeder halten muss.“ Es ist schön und gut, dass die jetzige Google-Führung angibt, mit dem riesigen Datenschatz verantwortlich umgehen zu wollen. Doch was, so fragt der Autor, wenn die Gründer bei einem Flugzeugabsturz umkommen oder Google durch einen anderen Schicksalsschlag plötzlich führungslos wird? Was, wenn später einmal die Erben der Gründer nichts dagegen haben zu verkaufen? Was, wenn sie selbst die Kontrolle über Google behalten wollen, aber andere Ansichten als ihre Vorgänger darüber haben, was dem Nutzer zuzumuten ist?
Lars Reppesgaard lässt nicht locker, und das ist gut so: Wenn eine Firma, so sein Fazit, das Potential hat, aufgrund ihrer Informationen einen Menschen bis in die intimsten Details seines Lebens zu durchleuchten, dann ist es trotz all der anderen Datenkraken der freundliche Suchmaschinenriese Google. „Technisch wären die Googler jederzeit in der Lage, Nutzerdaten zusammenzufassen und aus den einzelnen Datenschnipseln so viel herauszulesen, dass Verhaltensprofile von namentlich bekannten Einzelpersonen daraus werden. Viele Patente, die Google angemeldet hat, und die einzigartige Expertise der Googler beim Entwickeln von Verfahren, riesige Datenbestände zu sortieren und zu durchsuchen, lassen da wenig zweifeln.“ Wer wollte dem Leser das tiefe Unbehagen nehmen, mit dem er nach Lektüre dieses Buches alleine bleibt?
Es geht auch anders : SCROOGLE
David Johannson (davidjohannson)
- 20.10.2008, 20:44 Uhr