Home
http://www.faz.net/-g7u-10qzs
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Deutsch-türkischer Kulturaustausch Der Euphoriker

18.10.2008 ·  Die Kulturstiftung des Deutschen Fußball-Bundes findet mit ihrem deutsch-türkischen Veranstaltungsmarathon große Resonanz: Oden an den Fußball und fundierte Informationsrunden, zum Abschluss fliegt noch Bundestrainer Joachim Löw ein, und Europa kocht vor Begeisterung.

Von Jochen Hieber
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Die im vergangenen Jahr gegründete Kulturstiftung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) hat kräftig Tritt gefasst. Es spricht sehr für sie, dass sie am ersten Publikumstag im stets überfüllten „Europa“-Saal vom Halle 4 einen fast sechsstündigen deutsch-türkischen Veranstaltungsreigen präsentieren konnte, der abwechslungsreich und locker war. Substantielle Gespräche paarten sich mit Showeinlagen.

Der Sieg war bereits perfekt, als, pünktlich um 18 Uhr, Bundestrainer Joachim Löw direkt aus dem Frankfurter Stadion aufs Messepodium kam und zuallererst die zahlreichen Fans von Fenerbahçe Istanbul auf Türkisch begrüßte – die anschließende Diskussion über „Spieler und Trainer zwischen Deutschland und der Türkei“ war dann eine ebenso belangvolle Zugabe wie das Finale fabelhaft: die amerikanische Jazz-Sängerin Jocelyn B. Smith bot eigene Songs und Lieder des türkischen Vielfachartisten Zülfü Livanelli.

Eine Ode an den Fußball

Als wirklichen Erfolg werten darf der DFB, dass sich unter dem messeadäquat fluktuierenden Publikum, das gleichwohl für konstante 350 Zuschauer sorgte, tatsächlich sehr viele Deutschtürken befanden, sehr viele junge Leute zudem, die sich bei den Rap-Einlagen von Muhabbet als Fans outeten – davor und danach aber höchst aufmerksam zuhörten, als Albert Ostermaier Fußball-Oden und Liebesgedichte las, Feridun Zaimoglu die Eingangsszene des Romas „Liebesbrand“ rezitierte oder eine Runde aus türkischen Wissenschaftlern und Sportjournalisten informativ über die Rolle des Fußballs in ihrem Land diskutierte.

Spannend war, dass sich die deutschtürkischen Podiumsgäste – Zaimoglu nicht minder als Muhabbet oder der U-19-Nationalspieler Ömer Toprak aus Freiburg – ausnahmslos als Musterknaben gelungener Integration präsentierten, gar öffentlich Dankbarkeitsgefühle gegenüber Deutschland bekundeten. Wasser in den Wein der deutsch-türkischen Fußballeuphorie zu gießen, blieb erstaunlicherweise dem DFB-Präsidenten Theo Zwanziger vorbehalten: Er kennt die Probleme an der Fußballbasis zu genau und will eines partout nicht: „die Dinge schönreden“. In Sachen Euphorie aufs Neue nicht zu bremsen war die Grünen-Chefin Claudia Roth, die vor Monaten die Idee zu dieser Veranstaltung hatte. Und als Löw dann von seinen Trainerlehrjahren bei Fenerbahçe und der dortigen, na klar!, „absoluten Fußball-Euphorie“ schwärmte, kochte „Europa“vor Begeisterung.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1951, Redakteur im Feuilleton.

Jüngste Beiträge