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Das E-Book „Kindle“ im Test Die Wundertüte aus Seattle

16.10.2008 ·  Alle reden davon, aber keiner hat es: Amazons E-Book Kindle verspricht vieles, nicht nur Entlastung für Rücken und Wände. Aber was taugt es wirklich? Hans Magnus Enzensberger hat es für uns getestet.

Von Hans Magnus Enzensberger
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Es kann gar nicht genug Geräte geben. Reichtum ist nämlich, wie Aristoteles sagt, nichts weiter als eine Ansammlung von Werkzeugen zur Führung eines Haushaltes. Solche Prothesen haben allerdings die Tendenz, sich wie Fliegen zu vermehren. Kaum piepst der Wecker, schon rülpst die Kaffeemaschine, das Frühstücksfernsehen zwitschert, und der Toaster glüht. Wer würde das Haus verlassen ohne Mobiltelefon, Rechner, Digitalkamera, Blackberry, iPod, Playstation und Navigationssystem? So gegürtet wie ein japanischer Tourist, sieht man froh dem neuen Tag entgegen.

Kein Wunder also, dass eine tüchtige Industrie uns fortwährend neue Apparate beschert. Sie sind ja derart praktisch! Besonders jüngere Personen, sagen wir: unter dreißig, gehen so mühelos mit ihnen um, als hätte eine gute Fee sie ihnen in die Wiege gelegt. Mögen andere sich durch dickleibige Betriebsanleitungen quälen – sie brauchen solche Notbehelfe nicht. Plug and play ist ihre Devise. Je neuer das Medium, desto müheloser sein Gebrauch.

Im Griff des Geschäftsmodells

Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Kunst der Programmierer auch der archaischen Kulturtechnik des Lesens Beine machte. Mobil, drahtlos, flexibel kommt ihr Produkt daher. Seine Vorzüge liegen auf der Hand. Gewicht: 300 Gramm, Speicherplatz 256 MB (aufrüstbar); 170.000 Bücher und alle möglichen Zeitungen und Zeitschriften lassen sich jederzeit abrufen; eine Suchmaschine, ein Wörterbuch und einen Lautsprecher gibt es als Dreingabe; außerdem kann man mit dem Gerät nach Herzenslust Musik hören, bloggen und mailen. Das Ding passt in eine Manteltasche und trägt den Namen Kindle®, was im Deutschen heimelig klingt wie ein Kosewort für das Baby.

Bewundernswert ist auch das Geschäftsmodell der Firma Amazon, der wir diesen Gegenstand aus grauem Kunststoff verdanken. Wer es zum Preis von 359 Dollar erworben hat, gehört fortan zum Kundenkreis dieses Unternehmens, das ihn so leicht nicht mehr aus den Klauen lassen wird. Ohne Registrierung und Passwort kommt keiner davon, der sich mit ihm einlässt. Dafür, dass sich keinerlei Konkurrenz auf dem Maschinchen tummeln darf, ist gesorgt, so dass mit der Treue des Käufers gerechnet werden kann.

Ein neuer Anlauf

Bitte melden Sie Ihre Kreditkarte an! Dann stehen Ihnen nicht nur der Kindle® Store und die Kindle® Storefront, sondern auch die Kindle® Top Sellers jederzeit zur Verfügung. Amazon weiß auch, was gut für Sie ist, merkt sich, was Sie gelesen haben, und berät Sie unaufgefordert beim Kaufen und beim Abonnieren. Die Amazon 1-Click Payment Method sorgt dafür, dass das Bezahlen leichter denn je von der Hand geht.

Seit diese unerhört günstige Form des Shoppings, zumindest in den Vereinigten Staaten von Amerika, von sich reden macht, ist in Verlegerkreisen eine gewisse Nervosität zu spüren. Obwohl früheren Versuchen, elektronische Bücher auf den Markt zu bringen, wie beispielsweise dem Rocket eBook von 1999, ein trauriges Ende beschieden war, fürchten sie, dass große Konzerne wie Amazon oder Sony diesmal mehr Glück haben und sich auf längere Sicht große Stücke aus dem Kuchen schneiden werden; die sogenannten „Analysten“ träumen bereits von fünfzehn bis zwanzig Prozent des Umsatzes an ihrem Content. So heißen bei Amazon Musikstücke, Texte, Bilder und Filme.

Die Verwertungskette schrumpft

Wer einen Kindle® besitzt, kann einen neuen Bestseller für zehn statt für achtzehn Dollar lesen. Amazon muss dem Buchverleger bislang pro Download ungefähr die Hälfte als Lizenzgebühr zahlen. Aber warum eigentlich? Wenn das Kindle®-Kalkül aufgeht, wird der Konzern auf die Dienste der Verleger entweder ganz verzichten oder ihnen Konditionen diktieren, die sie erbleichen lassen. Oder er verhandelt direkt mit den Autoren oder ihren Agenten.

Auch die werden sich allerdings kaum mit einer Kalkulation abfinden, die ganz offensichtlich darauf hinausläuft, sie über den Tisch zu ziehen. Denn beim elektronischen Buch entfallen die Herstellungskosten für Papier, Druck und Bindung und der Lagerhaltung. Handelsvertreter werden nicht mehr benötigt, und der Löwenanteil des Vertriebs verdunstet. Natürlich möchten alle Rechteverwerter gerne an dem bisher üblichen Honoraranteil von zwölf bis fünfzehn Prozent festhalten und die Differenz in die eigene Tasche stecken. Ob sie das durchsetzen können, steht dahin.

Gratis-Mentalität

Über solche Verteilungskämpfe hinaus stellt sich die Frage, ob das Urheberrecht, eine kaum zweihundert Jahre alte Idee, das elektronische Zeitalter überleben wird. Jüngeren Generationen ist zwar bekannt, dass es Klamotten, Hamburger und Joints normalerweise nicht gratis gibt; sie sehen aber nicht ein, warum sie für Lieder, für Zeitungen oder gar für Bücher zahlen sollen. (Darin werden sie von vielen Medienwissenschaftlern bestärkt, die allerdings nur ungern auf ihre Gehälter und Pensionen verzichten würden.)

Solche Überlegungen scheren allerdings den Verbraucher, besser gesagt, den User wenig. Er wird an seinem Kindle® ganz andere Kleinigkeiten auszusetzen haben. Vielleicht missfallen ihm die winzigen, nur für Liliputaner geeigneten Eingabetasten; vielleicht stört ihn das löchrige Satzbild, das umständliche Aufsuchen von Seitenzahlen oder das Fehlen von Funktionen wie Bild auf, Bild ab, Seitenlauf und Rücktaste, die er von seinem Rechner gewohnt ist. Aber das sind Kinderkrankheiten, und gewiss werden wir uns auf verbesserte Versionen dieser Wundertüte freuen können.

Das beste Betriebssystem: das Buch

Wie gut, dass wir nie wieder schwere Lexika, unhandliche Gesamtausgaben und mehrbändige Romane mit uns an den Strand oder auf den Golfplatz schleppen müssen! Und wie schwer war es doch, sich in einer Buchhandlung zu orientieren! Das ist nun nicht mehr nötig; denn Amazon weiß, was uns frommt. Auch können wir die Bücherregale entbehren, die so viel Platz an unseren Wänden in Anspruch nehmen, und dafür einen 42-Zoll-Flachbildschirm aufhängen oder ein riesiges Kunstwerk aus der neuesten Art-Basel-Kollektion.

Wehklagen über den Stand der Dinge wäre vergeblich. Dennoch erlauben wir uns zum Schluss, ein paar Kleinigkeiten zu erwähnen. Als Betriebssystem ist das Buch schwer zu toppen. Es braucht keine Batterie und keine Antenne. Man kann darin blättern, man kann es verschenken oder wegschmeißen. Es ist auf keinen Monopolisten angewiesen. Sein Betriebssystem hält sich seit Jahrhunderten; es veraltet nicht innerhalb von zehn Jahren. Bücher kann man anfassen. Sie liegen angenehm in der Hand. Wir bitten um Nachsicht für Leser, die das lässiger finden als eine Plastikschachtel.

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