17.10.2008 · Was als gewöhnlicher Messetag beginnt, endet in einem unfassbaren Gemetzel auf dem Gelände der Buchmesse. Unbekannte schießen jeden nieder, der sich im Freien zeigt. Dritter Teil unseres Buchmesse-Fortsetzungsromans.
Wir haben einen namhaften deutschen Romanautor gebeten, uns einen Messe-Roman zu schreiben. Er bleibt auf eigenen Wunsch anonym und wird sich erst in der letzten Folge zu erkennen geben. Für Kollateralschäden übernehmen wir keine Haftung.
„Mit dem Sadismus verhält es sich folgendermaßen. Er wird auf der ersten, natürlichen Wahrnehmungsebene abgelehnt, auf der nächsten Reflexionsstufe - der Stufe des kulturellen Urteils - völlig akzeptiert, auf der dritten Stufe, auf der man Vorsätze hinsichtlich der eigenen Lebensgestaltung fasst, meist wieder rundum abgelehnt. So kommt es, dass sich auf der Kulturstufe alle einig darüber sind, dass es zum Menschen dazugehört, andere gern zu schlagen, zu quälen, aufzuschlitzen (oder zu bepinkeln), und das, obgleich doch nur wenige diesen Neigungen nachkommen.
Hier spielt nun Kunst und Literatur eine kathartische Rolle, indem sie dem Menschen dazu verhilft, das auszuleben, was ihm aus zivilisatorischen Gründen verboten ist. Daher der boomende Massenmarkt an Weltuntergangsliteratur. Ein Welt- und Zivilisationsende, bei dem alle bekifft und glücklich in ihren Kissen liegen, wäre ja nicht film- oder buchreif. Nein, wir brauchen Feinde, Vergewaltigung, Tod und Folter, erst das erlöst uns stellvertretend von dem, was wir sind.“ Etc.
Die Menschen in Halle 4 am Stand H128 wandten sich gelangweilt von diesen Ausführungen ab. Der Vortragende (eine anämische Gestalt von dreißig Jahren) war vermutlich Psychologieprivatdozent oder so etwas. Seit einiger Zeit nannte man solche Stubenhockergestalten, die gern vom Großen und Ganzen reden, Nerds. Bei dem Vortragenden handelte es sich zweifelsfrei um einen Nerd. Der Verlag hieß Edition Kritisches Denken (EKD). Er war einer der tausendfältigen winzigen Geistesblüten, die über alle Messehallen gleichsam hingestreut sind wie die Wiesenblumen auf einer saftigen Almaue im Frühling. Es gab am Stand von EKD während des Nerd-Vortrags über Sadismus und Weltuntergang nicht einmal, wie sonst messeüblich, Sekt zu trinken. So liefen die Zuhörer nach kurzem wieder weiter.
Es war ein gewöhnlicher Messemorgen, heute, an diesem 17. Oktober. Ein herrliches Morgenrot hatte über der Stadt gelegen, als all die Russen, Kongolesen, Mexikaner, Spanier, Chinesen, Norweger, Russen, Venezolaner und die Einwohner sämtlicher anderen Länder dieser kleinen Erde aus ihren völlig überteuerten Hotelbetten hervorgekommen waren, nur um sich zu ärgern, am Vorabend doch gegen jeden Vorsatz viel zu viel getrunken zu haben. Morgens auf der Messe wurde man von einem ersten, kühlen Schwall aufbereiteter Hallenluft empfangen. Man sprach über den gestrigen Brand in Halle 5.1. Nicht, dass man eine Bedrohung für den eigenen Leib und das eigene Leben gesehen hätte. Aber dennoch war „etwas“ passiert, und dieses „etwas“ war schon mehr als etwa jener langweilige Vortrag am Stand von EKD.
Heute war viel Prominenz zugegen. Jonathan Franzen zeigte sich, Inger Christensen sah man einen Espresso in Halle 4 schlürfen, Daniel Kehlmann saß mit Außenminister Steinmeier auf dem Blauen Sofa und diskutierte über das Schicksal der gegenwärtigen spanischen Arbeiterschaft und die agrarische Zukunft der iberischen Halbinsel. Dass die Zahl der ermordeten Schriftsteller in Deutschland und den umliegenden Ländern weiter stieg, wurde der Öffentlichkeit verschwiegen.
Gegen fünfzehn Uhr kippte die Stimmung. Im Hof war es an einer Würstchenbude zu einer Schießerei gekommen, zwei Messebesucher lagen blutüberströmt auf dem Boden. Man erschrak darüber, dass Waffen auf das Messegelände gelangt waren. Später kam es zu einem Zwischenfall in einem Sendewagen: Um 15.28 Uhr war bei einem Live-Interview des MDR deutlich zu hören, wie jemand (oder etwas) in den Wagen eindrang, worauf es zu einer Schreierei kam und das Interview abbrach. Dann erfolgte eine große Explosion nahe der Festhalle. Alle rannten wie panisch in die nächsten Hallen hinein. Gegen sechzehn Uhr saß ein Großteil des Messepublikums in den Hallen fest und verfolgte mit Grausen die Szenen, die sich unten im Hof abspielten. Wahllos wurde geschossen und gemetzelt. Der Innenhof wurde großflächig von unsichtbaren Heckenschützen mit Kugeln bestrichen. Eine halbe Stunde später brannte Halle 3. Schreie drangen aus der Halle, niemand konnte helfen. Die Frankfurter Buchmesse 2008 wurde zum Blutbad.
Die Besucher, die Autoren, die Verlage und die Messeorganisatoren verrammelten sich gegen den unbekannten Aggressor. Als das allabendliche Messeende durchgegeben wurde, herrschte Totenstille. Nur vereinzelte Schüsse waren noch zu hören, anonyme Hinrichtungen irgendwo in der Peripherie des Messeareals. Niemand konnte das Gelände mehr verlassen. Mit Bangen erwartete man die Nacht und den folgenden Tag.
Fortsetzung folgt