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Buch und Elektronik Vom Ende des Buchs

17.10.2008 ·  Es ist wieder vom Ende die Rede. Nicht von dem der Geschichte oder der Finanzordnung, sondern von dem des gedruckten Buches. Die Verlage fürchten, von dem E-Book-Grossisten Amazon unter Druck gesetzt oder überflüssig gemacht zu werden. Im Notfall müssten sie dann Kaffeebecher verkaufen.

Von Jordan Mejias
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Auf 120.000 schätzte Philip Roth die Zahl der amerikanischen Leser, die ernsthaft an Literatur interessiert sind. Das war vor fünfzehn Jahren. Alle zehn Jahre aber, so Roth weiter, verringere sich diese Zahl um die Hälfte. Bis zum Ende des Jahrhunderts wäre demnach das literarische Amerika verschwunden. Im Vergleich mit dieser Voraussage nimmt selbst die gegenwärtige Wirtschaftskatastrophe freundliche Züge an. „The End“ überschrieb denn auch gnadenlos das Stadtmagazin „New York“ seine Geschichte, in der es nicht um Bankenkollapse, wertlose Aktien und geplatzte Kredite ging, sondern um Bücher.

Der Kindle, jener vom Internethändler Amazon vor knapp einem Jahr auf den Markt gebrachte Leseapparat, hat die gesamte Branche in helle Aufregung versetzt. Was braucht auch ein Leser noch bedrucktes Papier, wenn er sich zu jeder Tages- und Nachtzeit, ganz ohne umständliche Kabelverbindung und folglich im Schlafzimmer ebenso wie im Büro, Bücher, Zeitungen und Zeitschriften herunterladen kann? Amazon verrät nicht, wie viele derartige Geräte bereits im Umlauf sind, aber Schätzungen belaufen sich bereits auf viele Zehntausende, wenn nicht einige Hunderttausende.

Druck auf die Verlage

Der Amazon-Chef Jeffrey P. Bezos mag den Kindle als Verbesserung des Buchs preisen und die im Papiergeschäft dahinkriselnde Konkurrenz damit zu trösten suchen, dass Amazon zwar weit mehr als 100.000 Titel elektronisch anbiete, deren Verkauf aber erst sechs Prozent des Firmenumsatzes an Büchern erreiche. Zudem hätten Kunden, die einen Kindle besitzen, deswegen nicht weniger Bücher bestellt. Doch das reicht alles nicht, um die traditionellen Verleger zu beruhigen. Vor allem trauen sie Bezos nicht über den Weg, weil er für den Kindle Bücher noch zu einem Preis anbietet, der unter dem Betrag liegt, den er dafür den Verlagen zahlt. Steigt die Popularität des Geräts, könnte Amazon auch die größten Verlage unter Druck setzen, ihre Preise zu senken.

Der Kindle allein ist für die Krise aber nicht verantwortlich. Die inzwischen oft in die Millionen gehenden Vorschüsse zahlen sich allenfalls bei massentauglichem Lesestoff aus. Ob etwa Warren Buffetts neue Biographie, für die Bantam Dell der Autorin Alice Schroeder stolze sieben Millionen im Voraus überwiesen hat, diese Summe wieder einspielt, wird sich zeigen. Ehe es die Profitzone erreicht, müsste das Buch sich rund zweimillionenmal verkaufen.

Marktkonzentration und elektronische Debuts

Von solchen Beträgen verführt, wechselten auch Tom Wolfe und Richard Ford ihre Verlage. Nach 42 Jahren bei Farrar, Straus & Giroux ging Wolfe zu Little, Brown, wo ihm für sein nächstes Buch sieben Millionen zugesichert wurden. Ford, bisher bei Knopf untergebracht, kasssiert nun von Ecco drei Millionen für seine nächsten drei Romane. Auch wenn Vorschüsse bisweilen als Werbekosten gelten dürfen, sind derart üppige Beträge schwer zu rechtfertigen. Qualität spielt dabei keine Rolle mehr.

Die Konsolidierung der Verlage geht einher mit jener der Buchhandelsketten. Am Rande des Ruins steht die Borders Groupe. Wenn Barnes & Noble sie übernähme, wären dreißig Prozent des amerikanischen Marktes in einer Hand. Mit zehn Prozent machen sich die unabhängigen Buchhandlungen gerade noch bemerkbar, den Rest teilen sich die Großmärkte und Amazon. Bezos wird zudem zugetraut, ein vertikales Unternehmen aufzubauen, also vom Ankauf von Manuskripten bis zur papierlosen Lieferung den Kunden mit dem gewünschten Lesestoff zu versorgen. Dann wären Verlage und Buchhandlungen überflüssig. Angeblich sollen Biographien von Michelle Obama und Cindy McCain demnächst direkt auf dem Kindle ihre Premiere haben.

Vom Computerspiel zum Buch

Ob „Books on demand“ oder E-Bücher – so gut wie alle künftigen Buchformate dürften ohnehin bald, wenn Zukunftsforscher recht behalten, kostenlos angeboten werden. Profit käme durch Nebeneinnahmen zustande, zum Beispiel durch den Verkauf einer besonders schön und aufwendig gestalteten Edition, von T-Shirts oder Kaffeebechern, alles zu erwerben bei Lesungen, für die natürlich Karten verkauft werden. Einige Rock- und Popgruppen haben dieses Geschäftsmodell schon ausprobiert. Bücher wären so im Grunde nur noch Werbematerial für Veranstaltungen und Handelswaren, die im Gegensatz zu Wissen und Information eben nicht zu digitalisieren sind.

Neueste Hoffnung oder auch Albtraum eines jeden Verlegers ist das Computerspiel, das zum Buch hinführen soll. In seinen Science-Fiction-Romanen, für die sich der kanadische Schriftsteller PJ Haarsma das Planetensystem Orbis ausgedacht hat, sind Hinweise versteckt, ohne die kein Weiterkommen in dem von ihm ebenfalls entwickelten Spiel ist. Wer spielt, muss auch lesen. Könnte das ein Ausweg aus der Buchkrise sein?

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Jahrgang 1949, Feuilletonkorrespondent in New York.

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