15.10.2008 · Abendessen mit John Brockman, dem großen New Yorker Literaturagenten. Brockman hat die schöne Literatur beiseite gelegt. Ihn interessieren die Naturwissenschaften und ihre prominentesten Publizisten: Richard Dawkins, Daniel Dennett, Jared Diamond.
Von Thomas DavidEs ist nicht schwer, sich mit John Brockman zu streiten. Der New Yorker Literaturagent, einer der echten global player des Geschäfts, hat zwar ein einladendes Lächeln, eine leise, sagen wir altersmilde, freundliche Art: Aber wenn man sich im „Gallo Nero“, einem Frankfurter Italiener, zu ihm in die Runde geladener Gäste wagt, ist der handelsübliche Small Talk, der einem ansonsten gut über die Messe hilft, plötzlich eine Nummer zu klein. „Was halten Sie von den Auslassungen des schwedischen Nobelpreissekretärs über die amerikanische Literatur?“, fragt Brockman, dessen erstaunlicher, für Frankfurt eher ungewöhnlicher Hut so aussieht, als müsste es gleich regnen oder schneien. Na ja, also, entgegne ich, DeLillo, Updike, Roth, ich finde ja, dass . . .
„Wissen Sie was,“ sagt Brockman, während sich um ihn, um seine Frau Katinka und Sohn Max immer noch weitere Gäste scharen: „Ich habe seit zehn Jahren keinen einzigen Roman mehr gelesen“, sagt er, „und ich habe nicht die geringste Lust, über Literatur zu reden.“ Nichts gegen Literatur, sagt Brockman, als man die letzten Lanzen für sie bricht: „Aber sie langweilt mich. Reden wir doch über Interessanteres.“
Die größeren Ideen der Naturwissenschaften
John Brockman interessiert sich vor allem für die großen Ideen. Er ist der Agent von Richard Dawkins, Jared Diamond und Daniel Dennett, er vertritt einige der interessantesten Gedanken unserer Zeit. „Ich finde, die Naturwissenschaften haben im Vergleich mit der Literatur eine ungleich größere Resonanz.“ Der italienische Kellner serviert den zweiten Gang, es wird dunkel über der Stadt, es wird Zeit, für den Weg in die Nacht. Die Sterne, heißt es bei Philip Roth, sind unverzichtbar.