17.09.2008 · Günther Beckstein tritt vor der Landtagswahl im Kampfanzug seines Vorgängers Stoiber auf. Und die CSU fühlt sich auf einmal ihrem Slogan „Näher am Menschen“ ganz nah, als der Ministerpräsident gegen die Drogenbeauftragte Bätzing poltert.
Von Albert Schäffer, AubingEs ist nicht leicht, Günther Beckstein im Endspurt des Landtagswahlkampfs zu beschreiben. Wo immer er in Oberbayern auftritt, ist er in eine fesche Trachtenjacke gekleidet - und damit fangen die Schwierigkeiten an. Noch vor nicht allzu langer Zeit wäre ein solches Kleidungsstück „Sommer-Stoiber“ genannt worden, nach der saisonalen Arbeitskleidung des gleichnamigen Landesherren aus Wolfratshausen. Beckstein war damals Innenminister, und niemand wäre auf den Gedanken verfallen, er könnte je seine geliebten Anzüge in gedeckten Farben aus einem Fabrikverkauf in Hersbruck gegen einen peppigen „Sommer-Stoiber“ vertauschen.
Aber, wie es in Bayern im Franz-Josef-Strauß-Idiom heißt: „Tempera mutantur, nos et mutamur in illis“ - und so ist es wirklich Beckstein, der an diesem kalten Vormittag in einem hellen „Sommer-Stoiber“ in das Bierzelt in Aubing, einem Stadtteil im Münchner Westen, unter den Klängen des Bayerischen Defiliermarschs einzieht.
Erschütternd: Ein Franke in Trachtenjacke
Welcher Hauch von Zeitenwende damit verbunden ist, kann jenseits der bayerischen Landesgrenzen kaum ermessen werden. Allenfalls Leser Franz Kafkas, geschult an der Verwandlung Gregor Samsas in ein riesiges Insekt, mögen die Erschütterung verspüren, die ein Franke in einer oberbayerischen Trachtenjacke im Takt des Defiliermarschs für die Landesidentität bedeutet - immerhin liegt es erst zwei Jahrhunderte zurück, dass unter der Herrschaft des Kurfürsten Max IV. Joseph, dem späteren bayerischen König, fast ganz Franken an Bayern fiel.
Eine Landesidentität, zu der auch gehört, nicht allzu botmäßig gegenüber der Obrigkeit zu sein: Nachdem der Defiliermarsch verklungen ist, wird Beckstein von Josef Schmid, dem Vorsitzenden des Kreisverbands München-West und der CSU-Fraktion im Münchner Stadtrat, mit den Worten begrüßt, ein Franke sei der missglückte Versuch, aus einem Preußen einen Bayern zu machen. Selbstverständlich wird diese liebevolle Charakterisierung als Zitat gekennzeichnet und mit einem Augenzwinkern versehen - und selbstverständlich kontert Beckstein sie äußerst kunstvoll.
Kamillentee im Bierkrug?
Artig bedankt er sich bei Schmid, als Münchner Gwachs Seppi genannt, für das nette Willkommen - und variiert dessen Vornamen zu „Seppel“, einer Kurzform, die zumindest in Oberbayern von „Zuagroastn“, sei es aus Preußen, Japan oder Franken, nur für die einschlägige Figur des Kasperltheaters gebraucht werden sollte. Was natürlich auf Anhieb zeigt, dass der Franke Beckstein unter Bayern durchaus satisfaktionsfähig ist - und der Ministerpräsident sich noch nicht ganz den Schalk hat austreiben lassen, obwohl die SPD und andere Spielverderber an seine launigen Worte, ein anständiger Bayer könne nur CSU wählen, sofort die Elle der politischen Korrektheit angelegt haben.
Aber ein Franke, der einen „Sommer-Stoiber“ überzieht, darf als fast angstfrei gelten - und Beckstein stellt auch gleich das Glas Wasser, das neben das Rednerpult plaziert worden ist, auf den Boden und rückt an seine Stelle einen Maßkrug. Dieses Gefäß, dessen identitätsstiftende Wirkung in Bayern weit über die Regulierung des Flüssigkeitshaushalts hinausgeht, war bei Bierzeltauftritten seines Vorgängers Stoiber ein Objekt immerwährender Mystifikationen; Legion sind die Legenden, was sich an Stelle von Gerstensaft in Stoibers Krug befunden haben soll - manche Beobachter schworen Eide, sie hätten Kamillentee gerochen.
Devise: Keinem Streit ausweichen
Bei Becksteins Krug deuten an diesem Vormittag jedoch alle Indizien auf das süffige Augustinerbier hin, das im Festzelt ausgeschenkt wird; jedenfalls nimmt er gleich nach einem kräftigen ersten Schluck ungewohnt schnell rhetorische Fahrt auf, indem er die Zuhörer wissen lässt, Umweltminister Otmar Bernhard, der Vorsitzende der Münchner CSU, erinnere ihn an einen Onkel, der er in der Landeshauptstadt gehabt habe. Ein ziemlicher Grantler sei das gewesen, hochkommunikativ, wenn er nicht angesprochen worden sei - und äußert zuverlässig.
Zuverlässig ist Beckstein auch: Bei jedem seiner Wahlkampfauftritte weicht er örtlichen Zwistigkeiten und Schwierigkeiten nicht aus, sondern wählt für einen Wahlkämpfer ungewohnt klare Worte. Als er einige Tage vor Aubing in Erding war, ging er ohne Umschweife auf die Pläne des Münchner Flughafens ein, eine dritte Startbahn zu bauen. Dieses Vorhaben schürt in Erding und anderen Gemeinden, die an den Flughafen grenzen, Sorgen, nur noch eine Art Vorfeld eines europäischen Verkehrskreuzes zu sein.
Das eine tun, das andere nicht lassen
Wenn sich zeige, dass die dritte Startbahn nicht notwendig sei, werde er nicht zögern, wie beim Transrapid zu entscheiden, sagte Beckstein in Erding - ließ aber zugleich keine Zweifel an dem Ziel seiner Regierung, dass München nach Frankfurt der zweitgrößte Flughafen in Deutschland bleibe. Auch in Aubing treiben die Nachfahren von Dädalus und Ikarus die Bürger um, seitdem auf den Flugplatz in Oberpfaffenhofen im Westen Münchens, den bislang Unternehmen der Raum- und Luftfahrt nutzen, begehrliche Blicke von Geschäftsreisenden gefallen sind, die nach der Landung ihrer Privatjets kurze Wege und staufreie Autobahnen bevorzugen.
Es sei sichergestellt, dass es bei der Nutzung als Werks- und Forschungsflughafen bleiben müsse, sagt Beckstein. Ein älterer Herr am Tisch kommentiert dieses Versprechen mit den Worten „Schmarrn, glab i net“ und applaudiert dann umso heftiger, als Beckstein Revue passieren lässt, wie wirtschaftlich stark Bayern in den Jahrzehnten geworden sei, in denen die CSU die Regierungsverantwortung trage - ein Aufschwung, an dem die Raum- und Luftfahrt einen nicht unerheblichen Anteil hat.
Gelbe Gefahr, überlebensgroß
Viel wird in diesen Tagen vor dem 28. September gerätselt, welche Partei der CSU am gefährlichsten werden könne. Ein untrügliches Zeichen dafür ist, welche Aufmerksamkeit Beckstein in seinen Reden der FDP angedeihen lässt - zumindest in der Optik der CSU-Strategen ist die „gelbe Gefahr“, wie das scherzhafte Kürzel lautet, riesengroß. Die Freien Wähler, die SPD, die Grünen, die Linkspartei - sie streift Beckstein in seinen Reden nur, ein wenig nach der Linie des Wahlkämpfers Stoiber vor fünf Jahren, der gegenüber der Opposition nach der Devise „Net amal ignorieren“ verfuhr. Statt die Zuhörer mit Petitessen wie dem Namen des sozialdemokratischen Spitzenmannes zu belasten, sprach Stoiber lieber über die CSU und sich selbst - wahlweise auch in der umgekehrten Reihenfolge.
Beckstein jedoch pumpt die FDP zur Überlebensgröße auf, gleichsam als Remake des Filmklassikers, in dem Wallace und Gromit das Riesenkaninchen jagen - die FDP wird im Aubinger Bierzelt zur Partei der Globalisierung, die nur die internationalen Unternehmen im Blick habe, während sich die CSU auch um die Handwerksmeister sorge.
Von Wilderern und Wildgewordenen
„Die FDP wildert in unserem Wald“, empört sich Beckstein und fragt sein Publikum, ob ihnen irgendein FDP-Politiker durch landespolitische Vorstöße bekannt worden sei. Manche sind in diesem Augenblick zwar mehr mit dem Wiesnhendl vor ihnen beschäftigt - für kulinarische Wechselwähler auch als Pfefferhendl erhältlich -, aber Beckstein gibt natürlich gleich selbst die Antwort. Nur Westerwelle sei im Wahlkampf zu hören - und der betreibe eine Berliner Politik. Der FDP-Vorsitzende als Wildschütz in Bayern, auf seinen Spuren Beckstein als Revierförster der CSU - für das mitunter immer noch anarchisch verfasste Bayern, in dem das Aufmucken gegen die Obrigkeit eine lange Tradition hat, könnten das nicht ungefährliche Metaphern sein. Zumindest nicht nach der dritten Maß Bier, wenn der Kreuzzug, den der CSU-Vorsitzende Huber gegen die Linkspartei ausgerufen hat, mit Becksteins Pirsch auf die FDP-Wilderer zu einer Gesamtkomposition verschwimmt.
Apropos Bier: Zur absoluten Lieblingssozialdemokratin der CSU - neben der Hessin Andrea Ypsilanti - ist im Wahlkampf Sabine Bätzing, die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, avanciert. Eine anständige Maß Bier sei ein Lebensmittel in Bayern, poltert Beckstein in Erding, das man sich nicht auf den Index setzen lasse. Völlig legitim sei es, wenn man nach getaner Arbeit seine Maß genieße - und in einem Festzelt dürften es auch zwei sein. Und wer sich danach hinters Steuer seines Autos setze, brauche sich auch nichts denken, sagt Beckstein; später wird er hinzufügen, selbstverständlich müsse die Trinkzeit sechs, sieben Stunden betragen - sprich Dauernippen statt Dauertrinken. Da hat die Drogenbeauftragte Bätzing schon längst ihr eigenes Resümee über den Wahlkämpfer Beckstein gezogen: „Günther Beckstein hat wohl einen über den Durst getrunken.“ Und die CSU fühlt sich auf einmal ihrem Slogan „Näher am Menschen“ ganz nah. (Siehe: Empörung über Becksteins Bier-Berechnungen)
Selbst Otmar Bernhard, der Wiedergänger des Becksteinschen Onkels, der sein Amt als Umweltminister mit einer soliden Unauffälligkeit versieht und Bürger allenfalls mit Meldungen zur jährlichen „Zugvogelzählung“ aufzurütteln sucht, steigert sich in Aubing in endzeitliche Erregungszustände hinein. Wild geworden sei die Frau Bätzing, die am liebsten an jeden Zapfhahn ein Warnschild hängen wolle, ruft Bernhard - und sieht schon eine veritable Kulturrevolution in Bayern heraufziehen; schließlich ist es aus Sicht der CSU allemal besser, dass die Wähler sich über den Gedanken gruseln, in der Öffentlichkeit vielleicht nur fade Limonade trinken zu dürfen, als sich zu erinnern, wer ihnen das strikte Rauchverbot in der bayerischen Gastronomie beschert hat.
Umstürzlerische Landesminister
Ungewohnt umstürzlerisch gibt sich Bernhard ohnehin an diesem Vormittag - und lässt Beckstein auf der rhetorischen Standspur stehen. Während Beckstein noch doziert, ein geplanter Moscheebau in Münchner Stadtteil Sendling müsse sich in die Umgebung einfügen, hat Bernhard schon längst die Worte des Ministerpräsidenten auf Bierzeltformat gezoomt. Minarette dürften nicht in den Himmel wachsen, echauffiert sich Bernhard - und prägt gleich mehrere Klassiker der politischen Prosa: Muslime müssten „auf dem Teppich bleiben“ - und in den Moscheen müsse zu Allah und nicht zu Usama bin Ladin gebetet werden.
Früher wären solche Sätze Franz Josef Strauß oder Edmund Stoiber eingefallen - oder zumindest ihren Redenschreibern; und ein Landesminister hätte in ihrer Gegenwart allenfalls durch Ausführungen zum Landesplanungsgesetz glänzen dürfen. Aber die Zeiten ändern sich auch in Bayern - wie sehr, wird sich am 28. September zeigen.