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Wahlen in Hessen und Niedersachsen Stadt, Land, Fluss

27.01.2008 ·  In Hessen und Niedersachsen wird heute ein neuer Landtag gewählt. Was sind das eigentlich für Länder? Jedenfalls gibt es sie, in ihrem heutigen Zuschnitt, noch nicht lange. Aber die Wurzeln reichen tief.

Von Volker Zastrow
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An diesem Sonntag schaut die ganze Republik auf Hessen und (ein bisschen) auf Niedersachsen. In beiden Ländern regiert die CDU, und in beiden hat der Ministerpräsident je nur einen christdemokratischen Vorgänger. Erst 1987 gelang es der CDU, die sozialdemokratische Vorherrschaft in Hessen zu brechen - mit Walter Wallmann, der zuvor das ebenfalls stets sozialdemokratische Frankfurt erobert hatte. Aber er hielt nur vier Jahre durch. Roland Koch regiert nun schon seit neun Jahren: Unions-Rekord. Christian Wulff ist seit 2003 Ministerpräsident in Hannover; Ernst Albrecht hat immerhin vierzehn Jahre geschafft.

1990 verlor er die Wahl gegen den späteren Bundeskanzler Gerhard Schröder, der auch Parteivorsitzender der SPD gewesen ist. Schröder wohnt in Hannover, und das war auch beim ersten Nachkriegsvorsitzenden der SPD, Kurt Schumacher, so. Durch Schumacher wurde Hannover nach 1945 zum Zentrum der westlichen SPD, deren Berliner Führung von den Kommunisten überwältigt worden war oder mit ihnen gemeinsame Sache gemacht hatte. So wurde Schumacher wie in anderer Weise Konrad Adenauer zum geistigen Gründervater einer westorientierten Bundesrepublik. Blickt man also sechzig Jahre zurück, sind beide Länder vorwiegend rot, aber nimmt man stattdessen die letzten dreißig Jahre, kann man das so nicht mehr sagen.

Hier Elbe und Weser, dort Rhein und Main

Beide Länder sind ziemlich künstliche Gebilde; Hessen setzt sich, grob gesprochen, aus den früheren Herrschaften Hessen(-Kassel), Nassau und Darmstadt sowie Teilen des Erzbistums Mainz und der Freien Reichsstadt Frankfurt zusammen - merken muss, wer es mit Napoleon und den Preußen so genau nicht wissen will, sich eigentlich nur, dass das heutige Hessen eine nördlichen und südlichen Teil mit zwei städtischen Schwerpunkten hat: Kassel und Frankfurt.

Niedersachsen haben die Briten aus dem zersprengten Erbe Preußens geformt, es besteht im Wesentlichen aus dem früheren Königtum Hannover, dem Herzogtum Braunschweig und dem Großherzogtum Oldenburg. Abgesehen vom Weserbergland und dem Harz, prägt vor allem die Norddeutsche Tiefebene das Landschaftsbild; Niedersachsen gehört zu den drei Bundesländern mit Zugang zum Meer, nämlich der Nordsee an der ostfriesischen Küste, die es mit ihrem Natur- und Kulturwunder der Wattenmeer-Inselgruppe auch zu einer bevorzugten Touristenregion macht.

Hessens dagegen ist binnenländisch und durchweg von Mittelgebirgszügen geformt, flach ist es nur im Urstromtal des Rheins, der zusammen mit dem Main Südhessen geradezu einfasst. Im Norden fließen Werra und Fulda zur Weser zusammen, die dann als einer der beiden Hauptflüsse Niedersachsen durchzieht und bei Bremerhaven in die Nordsee mündet. Ach, Bremen - das wäre neben Hannover die zweite hochwichtige Stadt Niedersachsens, wenn es denn politisch keine selbständige Einheit bildete. Und der andere große Fluss ist natürlich die Elbe. Hier Elbe und Weser, dort Rhein und Main: das bezeichnet schon in voller Assoziationstiefe, wie verschieden die beiden Länder sind, in denen am Sonntag gewählt wird.

Hessen: 40 Prozent sind Protestanten

An Rhein und Main wird Wein angebaut, an Elbe und Weser, jedenfalls soweit im Norden, bisher nicht. Der Wein aber prägt die Kultur einer Region maßgeblich. Sein Anbau setzt andere Fähigkeiten und Fertigkeiten voraus, einen etwas längeren kulturellen und ökonomischen Atem, schon weil es nahezu ein Jahrzehnt dauert, bis Weinstöcke das erste Mal tragen. Er bringt andere Tisch- und Trinksitten, eine andere Küche, eine andere Geselligkeit, vielleicht sogar einen anderen Geist als das germanische Nationalgetränk, das wir schon von Tacitus kennen: den Gerstensaft, das Bier.

Die Römer haben den Wein nach Norden gebracht, ein zweites Mal, im Rheingau, die Zisterzienser, und der südliche Teil des heutigen Hessen lag aus römischer Sicht diesseits des Limes; mit den Augen der alten Sachsen, die ungefähr im heutigen Ostfriesland siedelten, betrachtet: jenseits. Der Limes, der die Gebiete römischen Rechts und römischer Zivilisation vom „barbarischen“ Germanien trennte, wirkt in gewisser Weise bis heute, er markiert zum Beispiel im Groben und Ganzen die Konfessionsgrenze zwischen Katholisch und Protestantisch - und die hat immer noch einen beträchtlichen Einfluss auf das Wahlverhalten. In Hessen sind ungefähr 40 Prozent der Einwohner Protestanten und ein Viertel Katholiken, in Niedersachsen ist gut die Hälfte evangelisch und nicht einmal ein Fünftel katholisch. Es gibt einen starken Katholizismus in Südhessen und in Niedersachsen auf dem Gebiet der Bistümer Münster und Osnabrück, doch insgesamt überwiegt der Protestantismus. Das ist schon eine wichtige Erklärung für die geschichtliche Stärke der SPD.

Niedersachsen hat mehr Schweine als Menschen

Den Einfluss der Konfession auf das Wahlverhalten muss man aber in Beziehung setzen zur Modernität oder Urbanität eines Landes oder einer Region: Je mehr traditionelle Bindungen sich lösen, anders ausgedrückt, je unbestimmter oder subjektiv liberaler die Einstellung der Menschen wird und je stärker sie über Prioritäten disponieren, desto wechselhafter ist auch ihr Wahlverhalten. Das gilt natürlich auch unabhängig von den Konfessionen, zum Beispiel in der Spannung von Stadt und Land. Niedersachsen ist ländlicher geprägt als Hessen. Dort leben sieben Millionen Menschen, in Niedersachsen acht, obwohl es mehr als doppelt so groß ist. Aber dafür gibt es in Niedersachsen mehr Schweine als Menschen, in Hessen aber achtmal so viele Menschen wie Schweine. Ein Pferd müssen sich in Hessen, statistisch betrachtet, 176 Einwohner teilen, in Niedersachsen nur 94.

Und das, obwohl in Wolfsburg eines der größten Autowerke Europas steht: Volkswagen. Deshalb ist die Autoindustrie in Niedersachsen auch so stark; fast ein Drittel der industriellen Arbeitsplätze hängen dort am Automobilbau. Dazu muss man wissen, dass Volkswagen so heißt, wie Volkswagen gemeint ist. Der Name ist Konzept; das verwirklichte Ferdinand Porsche mit Hitlers Hilfe in der Reißbrettstadt Wolfsburg. Schon am Anfang stand also der staatliche Eingriff (und die ersten, italienischen, Zwangsarbeiter im Dritten Reich), über dessen Notwendigkeit man streiten könnte, denn die Idee des erschwinglichen Volksautos, die eigentlich auf Henry Ford zurückgeht, verwirklichte damals im hessischen Rüsselsheim längst Opel mit privaten Mitteln. Aber in der Hitlerzeit kam Volkswagen sowieso nicht recht auf die Räder, erst nach dem Kriege wurde ein Käfer draus - und zugleich ein modernisiertes sozialpolitisches Konzept, ein niedersächsisches Volksheim, dem man seine Erfolge (und Misserfolge) nicht absprechen kann. Das begann mit der Integration der Flüchtlinge und ist mit den Hartz-Reformen womöglich noch nicht am Ende. Dem Sozialingenör ist nichts zu schwör.

Frankfurts Hauptstadtambitionen

Hessens beträchtliche ökonomische Stärken liegen eher beim Mittelstand, was sich zwanglos ins Landschaftsbild fügt (obwohl VW auch im nordhessischen Baunatal fertigt) - und natürlich im Verkehr, den Geldverkehr eingeschlossen. Frankfurt ist seit langem Deutschlands wichtigster Bank- und Börsenplatz, inzwischen ja auch Sitz der Europäischen Zentralbank. Das hängt zuerst mit der zu Wasser und zu Lande verkehrsgünstigen Lage in der Mitte Deutschlands und Europas zusammen, und deshalb liegt hier jetzt auch der wichtigsten Flugplatz Kontinentaleuropas, obwohl Luft auch woanders keine Balken hat. Auch der Frankfurter Bahnhof ist der größte und am stärksten benutzte Europas. Darin steckt Frankfurts Bedeutung als sogenannte urbane Agglomeration in der Weltwirtschaft. Es hat als einzige deutsche Stadt den Status eines „bedeutenden Knotens“ im Weltnetzwerk der Daten- und Finanzströme, und es ist auch am internationalsten.

Umso mehr fällt auf, dass Frankfurt, für über tausend Jahre die Stadt der Kaiser, ebenso wenig je deutsche Hauptstadt geworden ist wie Hannover, dessen Welfenkönig Heinrich der Löwe (nicht Hengst) mit Friedrich Barbarossa um die Vorherrschaft im Reich rang. Diese Frage wurde im 12. Jahrhundert erledigt, der Einfluss der Welfen allerdings nicht - das Haus regierte schließlich sogar Hannover mit Großbritannien und Irland in Personalunion, bis 1837. Das erklärt die Out-of-area-Einsätze der Vorväter vieler heutigen Niedersachsen, die auf allen möglichen Schlachtfeldern des 18. und 19. Jahrhunderts verbluteten. Frankfurts durch Bismarcks eiserne Reichsgründung verwirkte Chance, Hauptstadt der Deutschen zu werden, kam 1949 ein zweites Mal mit der Gründung der Bundesrepublik. Immerhin saß dort schon der Nukleus der Bundesregierung, die „Verwaltung für Wirtschaft“ mit Ludwig Erhard an der Spitze. Konrad Adenauer durchkreuzte die Hauptstadtambitionen, die ja für die Stadt der Paulskirche, in der die demokratische Nationalbewegung einst ihr Haupt erhoben hatte, so fern nicht lag. Daran haftet der Gedanke, dass Frankfurt, wenn es damals Hauptstadt geworden wäre, es im Gegensatz zum beschaulicheren Bonn auch heute noch sein würde. Die wirkungsvollste Geschichte findet eben oft gar nicht erst statt.

Zweitwohnsitz der Achtundsechziger-Bewegung

Da ist es jedenfalls nicht unnatürlich, dass Wahlen in Hessen immer eine Menge Aufmerksamkeit genießen. Das politische und geistige Vibrato ist hier, seit Jahrhunderten, stark, und nicht von ungefähr war Frankfurt neben Berlin der Zweitwohnsitz der Achtundsechziger-Bewegung (wenn nicht sogar der erste). Und doch ahnt man davon kaum etwas, wenn man durch die hessischen Wälder wandert, die fast das halbe Bundesland bedecken, durch seine Lieder und Geschichten: Auf dem Berge, da wehet der Wind.

Die Hanauer Brüder Grimm haben die Märchen von hier gesammelt und damit einen ungeheuren Schatz kurz vor seinem Untergang gerettet. Sie selbst waren Pendler zwischen Welten, die heute in Hessen und Niedersachsen liegen: zwischen Kassel und Göttingen, einem Stern am Firmament der Wissenschaften. Diese Städte, beinah all unsere Städte, liegen heute wie Narbengewebe in den dagegen doch unversehrten, haltbareren Landschaften. Der Krieg hat ihr Gesicht verbrannt, in Frankfurt wie in Hannover, in Kassel wie in Osnabrück hineinzusehen tut weh. Wissen schmerzt, Unwissenheit nicht.

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Jahrgang 1958, verantwortlicher Redakteur für Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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