Home
http://www.faz.net/-g7t-10c5o
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Samstag, 11. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Russlanddeutsche in Bayern Wählen? Ich wusste gar nicht, dass wir das dürfen

28.09.2008 ·  Bei der bayerischen Landtagswahl bewirbt sich zum ersten Mal ein Russlanddeutscher um ein Mandat - und kämpft nicht nur mit den gegnerischen Parteien. Arthur Bechert hat die CSU überzeugt, ihn zum Kandidaten für die Oberpfalz ins Rennen zu schicken - es war ein zäher Kampf.

Von Merle Hilbk, Burgweinting
Artikel Bilder (5) Lesermeinungen (0)

Drei Dinge muss ein CSU-Mann im Landtagswahlkampf können: mit viel Bier eine stramme Wertedebatte führen, die heimische Wirtschaft preisen und auf „die Roten“ schimpfen. Arthur Bechert, Listenkandidat des Regierungsbezirkes Oberpfalz, beherrscht diesen Dreiklang. Beim Grillfest des „Gartenbauvereins Burgweinting“ verkündet er bei einer Mittags-Maß, dass „Bayern nicht umsonst einen Spitzenrang unter den Bundesländern einnimmt“; beim Treffen der Sudetendeutschen Landsmannschaft in Cham fordert er, dass „sich die Gesellschaft wieder mehr auf deutsche Tugenden besinnen muss“, und in Regensburg warnt er vor „kommunistischen Politikansätzen“. „In Deutschland denken viele, dass die Russen einfach zu dumm gewesen sind, um diese Ideen von Marx und Engels richtig umzusetzen“, sagt er. „Diese Leute hören einfach weg, wenn ich sage: Kommunismus funktioniert nur über Leichen.“

Er sagt oft diese Sätze, die ein wenig nach Kaltem Krieg klingen. Und er verstört damit Parteifreunde - und manchmal auch seine Frau. Die ermahnt ihn dann, dieses Gerede zu lassen, „das doch nur Unglück bringt“. Doch die Sätze platzen immer wieder aus ihm heraus. Danach ist er aber wieder der strahlende, zukunftsfrohe Mann, als den ihn seine Parteifreunde kennen. Dann kann er vergessen, dass er „kein Einheimischer“ ist. Dass er „ohne Heimat aufgewachsen“ ist, an einem Ort, der keinen Namen hat, nur eine Nummer: 33.

In Deutschland interessiere sich keiner für ihre Geschichte

Die „Sondersiedlung Nummer 33“ war Teil der sowjetischen „Glawnoje Uprawlenije Isprawitelno-trudovych Lagerej,“ der Hauptverwaltung der Besserungsarbeitslager, des GULag. Seine Eltern mussten dort bis zur Erschöpfung schuften, seine Verwandten kamen um, er und seine Brüder wurden als Faschisten beschimpft. Alles aus dem einen Grund: Sie waren Deutsche. Stalin hatte sie nach dem Überfall Hitlers auf die Sowjetunion in die entlegensten Winkel des Riesenreiches deportieren lassen und angeordnet, dass die wenigen, die die „rabota raba“, die Vernichtung durch Arbeit, überlebten, zwanzig Jahre lang ihre Verbannungsorte nicht verlassen durften. Auch war es ihnen verboten, Deutsch zu sprechen oder deutsche Bräuche zu pflegen.

„Das, was uns aufrecht gehalten hat, war der Traum, eines Tages heimzukehren“, sagt Arthur Bechert. Doch als er mit Frau und Sohn 1990 nach Deutschland ausreisen durfte, wurden sie „als Russen beschimpft, die dem deutschen Sozialsystem zur Last fallen“. Er hatte bereits eine Anstellung in der Industrie gehabt, musste aber dennoch sein Physikstudium und die Promotion wiederholen. Seine Frau, eine Lehrerin, musste sogar das Abitur nachmachen. Als man sie in einen Deutschkurs für Hausfrauen stecken wollte, buchte er auf eigene Rechnung einen Kurs am Goethe-Institut.

Mit den beiden in Deutschland geborenen Söhnen sprachen sie kein Russisch mehr. Sie schickten sie zum Fußball, zum Klavierunterricht, zu den „Regensburger Domspatzen“. „Wir wollten, dass sie wie Einheimische aufwachsen. Und das ist uns auch gelungen: Wenn man sie fragt, woher sie stammen, antworten sie ohne Zögern: Regensburg“, sagt Arthur Bechert stolz. Aber, fügt er dann hinzu, in Deutschland interessiere sich keiner für ihre Geschichte. Und jetzt verwehrten sie es den Deutschen, die bis jetzt in Russland ausgeharrt hätten, nach Deutschland zu kommen. „Ausländer lässt man ins Land, aber die eigenen Leute müssen draußen bleiben!“

Ein zäher Kampf

Deswegen habe er sich entschlossen, für den Landtag zu kandidieren, als einer der ersten Russlanddeutschen in der Geschichte der Bundesrepublik. Dass er dabei für die CSU antrete, habe nicht allein mit der Politik Helmut Kohls zu tun, die es einst „unseren Leuten ermöglicht hat, nach Deutschland zu kommen“. Zunächst habe er sich gar keiner Partei zugehörig gefühlt, habe sogar bei der SPD angeklopft, um dort einen Vortrag über „die Geschichte unserer Volksgruppe“ zu halten. Aber die hätten ihn abgewiesen.

Danach habe er sich in der der CDU nahestehenden „Union der Vertriebenen“ engagiert und festgestellt, wie sich „die Unsrigen einmauern, weil sie sich von dieser Gesellschaft nicht akzeptiert fühlen“. Und dann habe er die CSU überzeugt, ihn zum Kandidaten für die Oberpfalz ins Rennen zu schicken.

Das war ein zäher Kampf. Denn in der Partei hatte man Schwierigkeiten mit einem Mann aus Russland, der deutscher sein wollte als die Deutschen, ja, sogar bayerischer als die Bayern. Der sich seiner Kinderzahl rühmte, über die Scheidungsfreudigkeit des ehemaligen Bundeskanzlers wetterte und eine bessere Eliteauslese forderte. Der Russlanddeutsche als Opfer bezeichnete und gleichzeitig schimpfte, dass man „nicht wahrnimmt, welchen Beitrag sie für diese Gesellschaft leisten“.

„Ihr dürft bei der Wahl nicht zu Hause sitzen“

Vielleicht hatten sich die Parteikollegen die Hinweise aus Berlin ein bisschen zu sehr zu Herzen genommen, dass man ein modernes Bild der Christdemokratie vermitteln solle. Vielleicht hatte es auch bei ihnen ein paar Scheidungen gegeben, oder Nachwuchs, der an den strengen Anforderungen der bayerischen Gymnasien gescheitert war. Jedenfalls wollten sie ihn erst nicht. Aber dann muss ihnen doch gedämmert sein, dass Arthur Bechert der Partei Stimmen bringen könnte: Immerhin 14.000 Russlanddeutsche leben im Landkreis.

Im Wahlkampf ist kein abfälliges Wort mehr über den „Mann aus Sibirien“ zu vernehmen, als den Bechert die „Mittelbayerische Zeitung“ bezeichnet hatte - im Gegenteil: „Dr. Bechert hat keine Scheu, auf Menschen zuzugehen“, sagt ein CSU-Kollege in einer Einkaufspassage, während Bechert eine alte Dame am Ärmel zupft, sie auffordert, „für die Heimat zu wählen“. „Der hat eine Wahnsinnsenergie“, raunt ein junger Wahlhelfer, als Bechert einem Betrunkenen einen Flyer in die Hand drückt.

Der Besuch bei der russlanddeutschen Fußballmannschaft des DJK Altenmarkt am Abend ist ein echtes Heimspiel. „Ribjata, Kinder, ihr habt die Chance, von einem von euch vertreten zu werden. Ihr dürft bei der Wahl nicht zu Hause sitzen“, fordert er die jungen Männer auf, die den massigen Mann skeptisch mustern. Als er sie aber auf Russisch lobt, hängen sie an seinen Lippen. „Können Sie mir seine E-Mail-Adresse geben?“, bittet einer der Jungen die CSU-Kollegin, die Bechert begleitet. „Wofür willst du die haben?“, fragt sie misstrauisch. „Ich hab' mich schon immer für Politik interessiert“, sagt er. „Ich hab' nur noch nie einen Politiker getroffen, der sich für mich interessiert hat.“

„Ich fühle mich wie in der Sowjetunion“

Am nächsten Morgen in Regensburg wird es gehässig. Ein Anzeigenblatt hat einen Artikel abgedruckt, der ihm Sympathien für die NPD unterstellt. „NPD-Kumpel auf der Liste?“ lautet die Überschrift. „Alles Lüge!“, schimpft Bechert. Die Person, mit der er auf dem Bild zu sehen sei, habe vor einem Jahr mitgeholfen, einen Stand der Vertriebenenunion abzubauen. „Und irgendwer hat dabei wohl bewusst auf den Auslöser gedrückt.“ „Mach dir nichts draus“, muntert ihn eine junge Kollegin auf. „Die Leute, die dich kennen, sind nicht so dumm, so einen Schmarrn zu glauben.“ „Ich fühle mich wie in der Sowjetunion“, stöhnt er. „Da haben sie dir auch irgendetwas unterstellt, und dann haben sie dich ins Lager gesteckt. Wer so etwas nicht miterlebt hat, kann gar nicht nachvollziehen, wie wir uns fühlen.“

„Hier müssen Sie ankreuzen“, erklärt er später auf einem Fest der Landsmannschaft einem Rentner. Dann umklammert er dessen Zeigefinger und stupst ihn auf den Eintrag „Dr. Bechert, Arthur“, der auf dem 157-Kandidaten-Wahlbogen nur mit Mühe zu finden ist. „Wählen?“, fragt der alte Mann verwundert. „Ich wusste gar nicht, dass wir das überhaupt dürfen.“

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen