30.01.2008 · Nicht nur Roland Koch ist der Verlierer der Landtagswahl. Sondern auch sein engster Berater, Regierungssprecher Dirk Metz. Der leistete sich einen Schnitzer bei der Autorisierung eines Interviews - und die Talfahrt der hessischen CDU began.
Von Thomas Holl und Peter LückemeierFür Dirk Metz war es der anstrengendste Wahlkampf seines Lebens. Nicht nur, dass am Ende statt des dritten Wahlsiegs in Folge ein Debakel für die hessische CDU stand. Auch die, verglichen mit früheren Kampagnen, weitaus höhere Schlagzahl im Wettkampf um die Meinungshoheit machte dem 50 Jahre alten hessischen Regierungssprecher und engsten Vertrauten Roland Kochs zu schaffen. Die vielen Journalisten von Internetmedien wie „Spiegel-online“ oder „stern.de“, die Koch durch Hessen begleitet haben und zum Teil zweimal am Tag berichteten, hielten Metz oft mehr in Atem als manches Fußballspiel seines geliebten Vereins Schalke 04.
Denn über die per Internet rasend schnell verbreiteten Zitate Kochs wollte der Medienprofi stets die Kontrolle haben, um eine dem politischen Gegner nutzende Interpretation und Angriffsfläche auszuschließen. Dass es in der Anspannung in diesem selbst für rauhe hessische Verhältnisse überaus ruppigen Wahlkampf zu einem womöglich wahlentscheidenden Schnitzer bei der Autorisierung eines Interviews in „Bild am Sonntag“ kam, hat Metz wahrscheinlich am meisten geärgert.
Debatte über „Kinder in den Knast“
Denn die eher vom Juristen als vom Politiker Koch geäußerten Sätze über den Umgang mit kriminellen Jugendlichen unter 14 Jahren beschleunigten die Talfahrt der hessischen CDU in den Umfragen zwei Wochen vor der Wahl: „In Ausnahmefällen könnten Elemente des Jugendstrafrechts für diese Zielgruppe eingesetzt werden. Wenn man betrachtet, wie im entsprechenden Milieu solche kriminellen Karrieren entstehen, dann muss man über die Anwendung des Jugendstrafrechts diskutieren.“ Dass aus dieser Interviewpassage die von SPD und Grünen dankbar aufgegriffene Schlagzeile „Jetzt will Koch auch Kinder in den Knast stecken“ wurde, hat Metz kalt erwischt. Die Verblüffung über seinen Fauxpas bei dem vermeintlichen Gewinnerthema „kriminelle junge Ausländer“ war Koch auch noch Tage danach anzumerken.
Mit Koch verbindet Metz eine jahrelange, von absolutem Vertrauen geprägte Arbeitsbeziehung. Sie begann Anfang der achtziger Jahre. Damals begegneten sich beide zum ersten Mal bei einem Termin der Jungen Union in Metz’ Heimatstadt Siegen. Der oft nicht auf die Wirkung von Stimmung und Bildern achtende Koch ließ sich bei einem Besuch in einer Kosmetikerinnenschule eine Gesichtsmaske verpassen und wurde dabei fotografiert. Solche Bilder würde Metz wohl heute nur noch ungern von seinem nicht mit den Kameras flirtenden Chef machen lassen.
Mit Koch kommuniziert der frühere Lokaljournalist verbal und ohne Worte. Bei Pressekonferenzen und Medienauftritten gibt ihm Metz per Augenaufschlag, Zwinkern oder Kopfnicken oft zu verstehen, wie Kochs Botschaften ankommen und ob noch etwas draufgesattelt werden muss: „Roland Koch sieht mir an, was ich denke, und umgekehrt.“ Auch mit dem nicht mehr aus seiner Hand wegzudenkenden Blackberry-Handy erhält Koch rund um die Uhr wichtige Informationen per Mail oder SMS.
Wut nach dem Wahldebakel
Dirk Metz weiß aus Erfahrung, dass nicht alle Chefs so kollegial sind wie Koch, er war einmal zu Jürgen Echternachs Zeiten bei der Hamburger CDU, aber nur für ein Jahr. Auch deshalb lässt er auf Koch nichts kommen. Als er in einem Fragebogen den Satz ergänzen sollte: „Auf die Palme bringt mich . . .“, da fuhr er fort: „wenn über Roland Koch geschrieben wird, er sei kühl oder unnahbar.“ Und das entspringt ausnahmsweise keinem Kalkül, das kommt von Herzen.
Von seinem mit vielen Schalke- und Handball-Fan-Utensilien ausgestatteten Büro in der Staatskanzlei steuert Metz auch die Kommunikation der Landesregierung bis hinein in die Pressearbeit der Ministerien. Der Vorwurf, dass er die Regierungszentrale mit der Schaffung zahlreicher PR-Stellen zur heimlichen Kampagnenzentrale der CDU umfunktioniert habe, hat Metz noch nie gestört.
Was ihn wütend machte, war nach dem Wahldebakel nicht die Kritik an ihm, der als engster Berater Kochs natürlich mit haftbar gemacht wird für die Wahlkampfstrategie, sondern der von Parteifreunden geäußerte Vorwurf, er habe sich am Wahlabend vor den Kameras gedrückt. Solche Anwürfe empfinde er als ehrenrührig, sagt Metz. In Wahrheit sei er wie nach jeder Wahl mit seinem Ministerpräsidenten von Sender zu Sender gezogen.
Konservativ aus Leidenschaft
Ja, er kann sich noch aufregen, der Herr Staatssekretär, der in seinem Auftreten gottlob so gar nichts Präsidiales an sich hat. Er ist ein politisches Tier, er geht seinem Amt mit einer Leidenschaft nach, die man bei anderen lange suchen müsste. So engagiert schlägt sein Herz für seine Partei und seinen Chef, dass er dabei manchmal etwas unelegant formuliert, etwas holzhammerhaft argumentiert und die Welt in zwei Teile trennt – CDU-nah gut, CDU-fern schlecht, übrigens auch Journalisten. Wessen Arbeit ihm missfiel, zu dessen Abschiedsfeier geht er nicht. Das mag man stillos finden oder ehrlich.
Metz, die Stimme seines Herrn, der Konservative aus Leidenschaft, der Mann, der mit Koch die schlimmste Krise der hessischen CDU, den Spendenskandal, überstand, der zwei Wahlsiege mit ihm feiern konnte, einen überraschenden und einen berauschenden, dieser Mann hat am 27. Januar den GAU seines politischen Lebens mitgemacht. Er sagt, er habe im Sport gelernt, „dass man wieder aufstehen muss, wenn man hingefallen ist“. Aber diese krachende Niederlage ist auch seine. Weil er – über die Hierarchiegrenzen hinaus – Koch so nahe ist wie keiner sonst aus der CDU, wird er für die Schlappe mitverantwortlich gemacht. Er muss jetzt vielleicht auch die Kritik einstecken, die an Koch selbst nicht geübt wird, solange die Koalitionsfrage offen ist.
Dirk Metz ist an einer interessanten Gabelung seiner bemerkenswerten Karriere angelangt. Er war mit anderen nie zimperlich. Zu sich selbst darf er es jetzt auch nicht sein.
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Thomas Holl Jahrgang 1960, politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.
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Peter Lückemeier Jahrgang 1950, Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
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