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Michael Naumann Selbstbewusst, was auch immer er anpackt

23.02.2008 ·  SPD-Spitzenkandidat Michael Naumann hat sich in mühsamer Wahlkampfarbeit bekannt gemacht und seine Partei in Hamburg wieder ins Rennen gebracht. Doch trotz aller Zuversicht und seines Erfolgsweges könnten die schweren Stunden noch kommen - mit oder ohne Wahlsieg.

Von Frank Pergande
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Wie auch immer die Bürgerschaftswahl am Sonntag in Hamburg ausgehen mag, einer hat in jedem Fall gewonnen: SPD-Kandidat Michael Naumann. Gerade mal ein Jahr liegt es zurück, dass die Hamburger Sozialdemokraten ihn überraschend zu ihrem wichtigsten Wahlkämpfer machten. Die Partei lag am Boden, gespalten durch einen Machtkampf um die Spitzenkandidatur zwischen dem damaligen Parteivorsitzenden Mathias Petersen und seiner Stellvertreterin Dorothee Stapelfeldt.

Sie war von Petersens mächtigen Gegnern in der Partei ins Rennen geschickt worden. Die Parteimitglieder sollten zwischen beiden entscheiden. Aber ausgerechnet aus der Urne für die Briefwahlergebnisse, die mitten in der Hamburger Parteizentrale stand, wurden Stimmzettel gestohlen. Die Wahl war damit ungültig. In dieser Situation erinnerte sich Olaf Scholz an Michael Naumann, SPD-Mitglied, Herausgeber der Wochenzeitung „Die Zeit“.

Naumann war unter Kanzler Schröder zwei Jahre lang Kulturstaatsminister gewesen. Irgendwie gehörte er also zum Kreis der Agenda-Politiker, aber doch nicht zu sehr - dafür war Naumann viel zu kurz im Kanzleramt dabei. Er war auch nicht in wirklich entscheidender Position, aber er schien bourgeois genug für Hamburg zu sein.

Großbürgerliche Ausstrahlung von Vorteil

Die Hamburger Sozialdemokraten haben immer dann gute Ergebnisse erzielt, wenn ihr Spitzenkandidat das SPD-Parteibuch mit großbürgerlicher Ausstrahlung zu verbinden wusste. Ein Paradebeispiel war Klaus von Dohnanyi. Aber auch Peter Schulz, Hans-Ulrich Klose oder Henning Voscherau entsprachen diesem Bild - und nun ebenso Naumann. Für ihn ist es kein Widerspruch, für „soziale Gerechtigkeit“ einzutreten und gleichzeitig hochherrschaftlich zu leben in perfekt sitzenden teuren Anzügen, mit einer Yacht in Amerika und einer Ehefrau aus dem Hause Warburg.

Als Naumann im Wahlkampf eine Harburger Werft besuchte, fiel ihm nicht einmal auf, dass es womöglich unangemessen sein könnte, davon zu sprechen, dass seine Yacht hier gebaut worden sei. Als im Sommer Plakate in der Stadt auftauchten, die Naumann als hemdsärmligen Arbeiterführer in Schwarzweiß zeigten, der eine rote Hamburg-Tasse in der Hand hielt, gab es viel Spott. Die Plakate verschwanden. Die neuen zeigten Naumann wieder mit Krawatte, ein Buch lesend - aber immer noch mit Hamburg-Tasse.

Dies war indes nicht der einzige Patzer im Wahlkampf. Die Partei hat schon über manchen Schnitzer ihres Kandidaten hinwegsehen müssen, zuletzt am Sonntag über den Blackout beim sogenannten Fernseh-Duell. Anfangs schien es mitunter so, als kenne der neue Spitzenkandidat die Linie der eigenen Partei nicht, und manchmal schien es so, als sei ihm die Linie der eigenen Partei auch egal.

Endlose und nur mäßig mitreißende Reden

Aber die SPD war über Naumanns Spitzenkandidatur vor lauter Erleichterung derart begeistert, dass die Genossen ihn mit 99-Prozent-Ergebnissen zum Spitzenkandidaten und auf Platz eins der SPD-Wahlliste für die Bürgerschaft wählten. Auch wenn Naumann den Genossen endlose und nur mäßig mitreißende Reden zumutete - wann immer er das letzte Wort gesprochen hatte, donnerten minutenlange Beifallsstürme über ihn hinweg, die ihm das Gefühl geben mussten, er sei nicht nur der perfekte Kandidat, sondern auch ein glänzender Redner.

Praktisch seit seiner Wahl zum Spitzenkandidaten war Naumanns Gesicht auf Plakaten in der Stadt präsent. Auch zog er unermüdlich kreuz und quer durch die Stadt, um sich bei den Wählern bekannt zu machen. Kein Termin war ihm zu unwichtig. Er verschenkte Rosen auf Wochenmärkten oder warb mitten im samstäglichen Einkaufsstrom in der Mönckebergstraße für den Mindestlohn. Er schaffte es, Gerhard Schröder und Helmut Schmidt für seinen Wahlkampf zu gewinnen. Naumann brachte auch viele Hamburger Intellektuelle dazu, die SPD zu unterstützen.

Gegen Amtsinhaber Ole von Beust (CDU) hätte Naumann zwar nach wie vor im direkten Sympathievergleich keine Chance, aber er schaffte es - jedenfalls nach den Umfrageergebnissen -, die SPD wieder ins Gespräch und ins Rennen zu bringen. Die Umfragen sehen derzeit hessische Verhältnisse auch in Hamburg voraus. Dass es für die SPD überhaupt so weit kommen konnte, die vor einem Jahr unter die Marke von dreißig Prozent zu rutschen schien, ist vor allem Naumanns Verdienst - so wie in Hessen das Verdienst Frau Ypsilantis.

Einer, der sich alles zutraut

Dass im Publikum an den SPD-Wahlständen immer wieder einmal zu hören ist „Der sieht aber gut aus“, erklärt nur unzureichend den Erfolg Naumanns. Er ist kein Volkstribun, kein charismatischer Redner. Er hat wenig politische Erfahrung und ist der Partei bislang nicht sehr eng verbunden gewesen. Auch ist er schon 66 Jahre alt. Aber Naumann ist von einem unerschütterlichen Selbstvertrauen. Das gibt ihm Kraft. Er traut sich alles zu, auch Spitzenkandidat einer Partei zu sein und Bürgermeister in Hamburg. In Naumanns Biographie hat es nie ein Hindernis gegeben, das seinem Selbstbewusstsein hätte einen Stoß geben können.

Geboren wurde er 1941 im anhaltinischen Köthen. Der Vater fiel vor Stalingrad. Mit elf Jahren musste Naumann mit der Mutter und drei Geschwistern in den Westen fliehen, weil die Familie ins Visier der DDR-Staatssicherheit geraten war. Sein Berufsleben begann Naumann als Journalist beim „Münchner Merkur“ und bei der „Zeit“, später war er auch beim „Spiegel“ als Leiter des Auslandsressorts. Naumann war Hochschulprofessor, er hat eine Zeitlang zusammen mit Melvin Lasky die von ihm wiederbegründete Zeitschrift „Der Monat“ herausgegeben.

Mitte der achtziger Jahre war Naumann erfolgreicher Leiter des Rowohlt-Verlages in Reinbek und hat sich in jener Zeit ein, wie er es selbst einmal sagte, „kühles Gemüt im Umgang mit Menschen antrainiert“. Er wurde in Amerika ein erfolgreicher Verleger, der heute über diese Zeit Sätze wie diesen sagen kann: „Mein größter Fehler war es, ,Jurassic Park' abzulehnen.“

Nach dem Wahlsieg der SPD und der Grünen 1998 wurde Naumann Kulturstaatsminister und belebte die deutschen Debatten, etwa die über das Holocaust-Mahnmal in Berlin, das er „Speer-Architektur“ nannte. Das sei „die aufregendste Zeit in meinem Leben“ gewesen, urteilte er später. 2001 ging er zurück zur „Zeit“, wo er Herausgeber, zeitweise auch Chefredakteur, wurde.

Schwere Zeiten - was dann?

So erfolgreich der Lebensweg einschließlich Spitzenkandidatur für Michael Naumann war, die schweren Stunden könnten noch kommen. Naumann hat sich selbst mehr als nötig in die Pflicht genommen. Als ganz zum Anfang des Wahlkampfs Ole von Beust zu ihm sagte, einer von beiden würde nach dem Wahltag die Politik wieder verlassen, wollte Naumann das für seine Person nicht hinnehmen. Er werde in jedem Fall in der Politik bleiben, lautete seine trotzige Antwort.

Diese hat er jetzt noch einmal bekräftigt. Er werde sein Bürgerschaftsmandat annehmen. In welcher Funktion, das solle dann erst entschieden werden. Aber ein Senator Naumann unter einem Bürgermeister von Beust im Falle einer großen Koalition ist so wenig denkbar wie ein Oppositionsführer Naumann in der Bürgerschaft. Die Partei müsste ihm freilich gewähren, was er wünscht. Aber Dankbarkeit hält nicht ewig. Und keiner der Konflikte innerhalb der Hamburger Sozialdemokratie seit ihrem Machtverlust von 2001 ist ernstlich beseitigt. Alle Genossen stehen jetzt hinter Naumann. Nach dem Sonntag könnte das sehr schnell wieder anders werden.

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Jahrgang 1958, politischer Korrespondent für Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern mit Sitz in Schwerin.

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