Home
http://www.faz.net/-g7t-wi2y
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Kochs Absturz Zuviel Polarisierung?

27.01.2008 ·  Dass die Verluste bei der Hessen-Wahl so groß sein würden, hatte bei der CDU niemand für möglich gehalten. Hat Roland Kochs Kriminalitätskampagne Schwarz-Geld den klaren Sieg gekostet? „Sein Wahlkampf war falsch angelegt“, sagt ein FDP-Mann.

Von Thomas Holl, Wiesbaden
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (0)

In dem viel zu kleinen Fraktionsraum der SPD im dritten Stock des Landtags warten die nicht nur durch Bier und Wein euphorisierten SPD-Anhänger auf ihre Heldin. „Wann kommt denn endlich Andrea?“ heißt es immer wieder. Gegen 18.45 Uhr wälzt sich unter lautem „An-dre-a“-Jubel, rhythmischem Händeklatschen und spitzen Glücksschreien ein Pulk von Kamerateams und Leibwächtern durch die Menge, die gegen das aufgebaute Buffet mit herzhaften hessischen Spezialitäten gedrängt wird. Die zierliche Frau im dunkelbraunen Hosenanzug wirkt fast verängstigt angesichts des Gedränges. Doch als Andrea Ypsilanti auf der Bühne steht, fällt die ganze Spannung von ihr ab.

Seit 16.15 Uhr hatte die SPD-Spitzenkandidatin in ihrem Büro im Landtag immer wieder neue Zahlen mitgeteilt bekommen, die einen Sensationssieg für Rot-Grün in greifbare Nähe rücken ließen. „Die Sozialdemokraten sind wieder da“, ruft sie und erntet frenetische Bravo-Rufe, die kaum enden wollen. „Wir haben für eine andere politische Kultur in diesem Land gekämpft und wir haben gewonnen.“

Ungläubigkeit und Sorge bei der CDU

Ein Stockwerk höher herrscht schon zwei Stunden vor Schließung der Wahllokale eine ganz andere Stimmung. Ordentlich gestapelt in den Farben Blau und Weiß liegen die Schilder mit den Slogans „Roland!“ und „Starkes Hessen – Roland Koch“ auf den Tischen im Sitzungssaal der CDU-Fraktion. Als Fan-Artikel zum Anfeuern der eigenen, in letzten Umfragen schon leicht im Rückstand liegenden Mannschaft liegen auch Fußball-Tröten mit der Aufschrift „CDU wählen“ bereit. Doch unter den etwa 200 Unionsanhängern hat keiner Lust, sich voreilig mit solchen Siegerutensilien einzudecken.

Minuten vor Bekanntgabe der ersten Prognosen bei ARD und ZDF kursieren an den Stehtischen schon die ersten Zahlen, die der hessischen CDU beträchtliche Verluste voraussagen und einen langen Abend zwischen Hoffen und Bangen erwarten lassen. In vielen Gesichtern steht Ungläubigkeit und Sorge. Zu gut war nach dem Empfinden vieler Wahlkämpfer in den vergangenen vier Wochen die Stimmung bei vielen Veranstaltungen, gerade dann, wenn Koch Härte gegenüber ausländischen jugendlichen Gewalttätern forderte.

„Das musste angesprochen werden“

Der hessische Europa- und Bundesminister Volker Hoff, einer der engsten Weggefährten Kochs aus früheren Tagen bei der Jungen Union und Werbefachmann auch für politische Kommunikation, verneint fast trotzig die Frage, ob nicht ein präsidialer Wahlkampf, wie ihn Kochs innerparteilicher Rivale Christian Wulff erfolgreich in Niedersachsen geführt hat, besser gewesen wäre, als das polarisierende Thema Gewaltkriminalität junger Ausländer anzusprechen: „Auf keinen Fall. Das Thema hat die Menschen bewegt und musste angesprochen werden. Er hat es aber schwer gehabt, gegen eine Diffamierungskampagne anzukommen.“

Auch andere führende hessische CDU-Politiker wie der Fraktionsvorsitzende Christean Wagner und Generalsekretär Michael Boddenberg sprechen von einer „Diffamierung“ Kochs als Ausländerfeind durch Medien und politische Gegner.

Der altgediente CDU-Kämpe Wagner macht sich Mut mit der Erinnerung an eine Wahlnacht vor zwanzig Jahren, die ähnlich dramatisch zur Zitterpartie wurde – mit glücklichem Ausgang für seine Partei: „1987 lag die CDU mit Walter Wallmann auch noch hinter der SPD und Rot-Grün. Und dann hat das zusammen mit der FDP doch noch geklappt.“

„Sein Wahlkampf war falsch angelegt“

Bei der Wahlparty der FDP im Landtag herrscht angesichts des guten, aber dann doch nicht wie erhofft zweistelligen Resultats eine angespannt zufriedene Stimmung – allerdings mit kritischen Tönen gegenüber Kochs Wahlkampfstrategie. „Sein Wahlkampf war falsch angelegt. Ohne diese Polarisierung wäre die CDU erfolgreich gewesen“, sagt ein erfahrener FDP-Abgeordneter. Vermutungen machen hier die Runde, dass Koch angesichts der Höhe der Verluste nicht mehr als CDU-Ministerpräsident zur Verfügung stehe, auch wenn es am Ende zu einer knappen schwarz-gelben Mehrheit reichen sollte.

Koch hatte um 11.30 Uhr zusammen mit seiner Ehefrau Anke in seinem Heimatort Eschborn seine Stimme abgegeben. Beim Verlassen des Wahllokals sagte ein angespannt wirkender Koch einen staatsmännisch klingenden Satz, der schon die Verluste für seine Partei am Abend vorwegzunehmen schien: „Ich nehme heute Abend mit Respekt das Ergebnis der Wähler zur Kenntnis.“

Noch bis in den späten Samstagabend hinein hatte Koch zusammen mit CDU-Parteifreunden in Wiesbaden Wahlprospekte mit seinem Foto an Türklinken und Haustore gehängt. Doch der Bundesvorsitzende der Jungen Union, Philipp Mißfelder, hat Kochs Dilemma in diesem einzigartigen Wahlkampf beim nachdenklichen Betrachten der Hochrechnungen auf den Punkt gebracht: „Beim von der SPD gesetzten Thema Mindestlohn kann man keinen Wahlkampf gegen 80 Prozent der Bevölkerung machen.“

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1960, politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.

Jüngste Beiträge