29.09.2008 · Am Wahlabend zur bayerischen Landtagswahl in der ARD wurden Erdrutsche, Katastrophen und Desaster gesichtet - das will sorgfältig analysiert sein. Und wie es so ist an Wahlabenden, spätestens zur Tagesschau hat man alles fünfmal gehört. Die FAZ.NET-Frühkritik.
Von Hannes HintermeierErdrutsch, Katastrophe, Desaster - das war das mindeste, was an Vokabular bemüht wurde. In Runde Nummer eins, um 18 Uhr zur ersten Prognose, überwog zunächst die fassungslose Freude bei den Gewinnern der Wahl, auch wenn sie, wie die SPD, eigentlich Verlierer sind.
Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) machte der CSU gleich ein Koalitionsangebot, Ludwig Stiegler von der SPD wollte statt über Verluste lieber über die „Freude“, die an einem solchen Abend überwiege, reden; und Sepp Daxenberger von B 90/Die Grünen drängte auf eine umgehende Regierungsbildung jenseits der CSU und empfahl seinen Parteifreunden von den Freien Wählern und der FDP, sich nicht in einen „Nach-Unten-Strudel“ der CSU ziehen zu lassen.
Es war schauderhaft
Ja, es ging naturgemäß mit den Metaphern einiges durcheinander an diesem historischen Abend, auf den manche ältere Mitwähler sechsundvierzig Jahre warten mussten, um ihn erleben zu können. Aber zum Glück hatte die CSU ja ihre Generalsekretärin Christine Haderthauer, die zwar einen „schwarzen Sonntag“ für ihre Partei einräumte, für die Zukunft aber eine „sorgfältige Analyse“ versprach. Sie tat dies um 18 Uhr, und sie tat es den Rest des langen Abends - als habe man ihr diese Dämpfungsformel in den Sprachspeicher programmiert. Es war mit anderen Worten schauderhaft.
Worüber lange Zeit niemand redete, war die schwache Wahlbeteiligung: Dreiundvierzig Prozent der Wähler sind erst gar nicht zur Wahl gegangen. Das ist erneut kein gutes Zeichen für die Verfassung der Demokratie. Deren Spitzenvertreter hatten es diesmal aber, anders als sonst, mächtig eilig, in Berlin vor die Kameras zu drängen. Guido Westerwelle gleich als erster, dem der Satz einfiel, Leistung müsse sich wieder lohnen. Den hat man schon irgendwann einmal gehört.
Gottlieb schlagartig wendig
Dann ging es flott zurück ins Wahlstudio, wo die Herren Jörg Schönenborn - dieser maliziös die Tabellen rauf und runter grinsend - und Sigmund Gottlieb - jener schlagartig wendig um Neutralität bemüht - an einem Tresen Statements aufsagen ließen. Den Kandidaten der Freien Wähler, Aiwanger, fragte der Chefredakteur des Bayerischen Fernsehens durchaus abschätzig, ob er jetzt „ein Kümmerer“ werden wolle, was der eisern bejahte.
Gerade durfte der SPD-Spitzenkandidat Franz Maget noch von einem „historischen Tag für Bayern“ reden und all jenen zurufen, die sich „nichts sehnlicher wünschen als eine Abwahl der CSU“, dass „ein Neuanfang in Bayern möglich sei, da ging es schon wieder abrupt nach Berlin zum CDU-Generalsekretär Pofalla, der eiskalt versicherte, die Stimmen seinen nur ins bürgerliche Lager abgewandert, mithin bei nächster Gelegenheit von dort wieder zurückholbar.
Misserpräsident Beckstein
Claudia Roth, die diesmal blond war, freute sich, dass Bayern „bunt“ gewählt habe - mithin „demokratisch, liberal, weltoffen“, während der bayerische Innenminister Joachim Hermann, einer der möglichen Nachfolger für das angeschlagene Führungsduo Beckstein-Huber, vollkommen gelähmt den Haderthauer machte: Sorgfältig und in Ruhe wolle man reden, und sogar mit der Parteibasis. Öha!
Dann kam aus Berlin Frank-Walter Steinmeier, der irgendwie versuchte, den Schröder zu geben, und sich als Orakel positionierte. Ich aber sage Euch, sprach der Ober-Stone, „wir reden über ein Erdbeben, das diese Wahl in Bayern ausgelöst hat.“ Fix und fertig trat Erwin Huber, CSU-Parteivorsitzender, den Gang aufs mediale Schafott an. „Misserpräsident Günther Beckstein“ sei herzlich und aufrichtig zu danken und auch Frau Marga Beckstein.
Huber erinnert an Stoibers Schuld
Der Glaube an die Gestaltungskraft Becksteins sei ungebrochen, an Rücktritte nicht zu denken. Bei Beckstein redete das Unterbewußtsein ein Wörtchen mit, als er sagte, dass er „vor Sie hingetreten werde.“ Immerhin fing sich Beckstein im Lauf des Abends, der zu Beginn wie ein in sich zusammengesunkener Büßer mit nervös klöppelnden Fingern dastand, und konnte mit natürlich klingenden Sätzen zugeben, er sei kalt erwischt worden. Nun wolle er schnell zurück zur alten Stärke, vorher naturgemäß sorgfältig analysieren.
Er könne keinen Regierungsauftrag für Herrn Maget in diesem Ergebnis erkennen. Und dann schob Erwin Huber noch nach, dass da einer mit Schuld hat an diesem Wahlergebnis, der gerne vergessen wird: Edmund Stoiber und seine unrühmliche Rolle in den letzten Jahren seiner Regierungszeit gespielt - mit seiner Zauderei, seiner Hybris und Volksferne. Im Jargon der CSU umschreibt man das jetzt so: Der Wähler habe sehr wohl die letzten fünf Jahre, die ganze Legislaturperiode überblickt, als er seine Denkzettel-Entscheidung getroffen habe.
Mit leerem Blick ins Nirgendwo
Eineinhalb Stunden nach der ersten Prognose hatte Beckstein sogar schon wieder einen Schuß Selbstironie zu bieten; es stehe nicht in der Verfassung, daß die CSU die absolute Mehrheit haben müsse. Sagt's und starrt mit leeren Blick ins Irgendwo, während der dauerstrahlende Maget ein ums andere Mal den Neuanfang skizziert.
Auch Erwin Huber schaut in diese trostlose Zukunft, und nicht in die Augen des Interviewers Gottlieb. Ein „Weiter-So wird nicht möglich sein“, erklärt Horst Seehofer, aus einem Wirtshaussaal in Ingolstadt zugeschaltet. Auf ihm ruhen viele Erwartungen. Ob er diesen am heutigen Montag gerecht wird? In der Berliner Runde des Generalsekretäre, die Ulrich Deppendorf mit straffem Zügel lenkt, sagt Christina Haderthauer, sie wolle erst einmal „eine sorgältige Analyse“ anstellen.
Heil kehrt den großen Strategen raus
Während Hubertus Heil, der noch vor wenigen Wochen so klein mit Hut war, den großen Strategen herauskehrt und sich in Schrumpfungsszenarien für CSU, Union und Große Koalition ergeht. Da ist der FDP-Generalsekretär Dirk Niebel schon etwas mehr auf dem Punkt, als er Heil vorrechnet: „Sie haben achtzehn Prozent, die haben achtzehn Prozent verlieren können.“
Und wie das immer so ist an Wahlabenden, spätestens bei der Tagesschau hat man das alles zum fünften Mal gehört. Da waren die Ergebnisse einer Blitzumfrage, die die ARD angestellt hat, dann doch interessanter, weil ein wenig Ursachenforschung betrieben wurde. Die Wählerwanderung zu FDP und Freien Wählern (insgesamt 410.000 plus 180.000 Nicht-Wähler), die Unzufriedenheit mit Erwin Huber, die relative Zufriedenheit mit Beckstein, das Versagen bei Bildungsthemen, Familie, soziale Gerechtigkeit. Die Abwanderung der Landwirte, der Arbeiter. Nur die Rentner sind einigermaßen CSU-treu geblieben.
Hans-Ulrich Joerges offenbart ein merkwürdiges Demokratieverständnis
Die Sendung „Anne Will“ stellte die Frage, ob die CSU jetzt eine normale Partei sei, die Moderation gab Frau Will diesmal an Hans-Ulrich Joerges vom „Stern“ ab. Der offenbarte plausible Begründungen, offenbarte gleichwohl ein merkwürdiges Demokratieverständnis, als er sich die Meinung zu eigen machte, den Auftrag zur Regierungsbildung hätten die kleinen Parteien erhalten.
Die Debatte über personelle Konsequenzen mochte aber auch hier nicht in Schwung kommen: SPD-Vize Andrea Nahles strahlte wie ein Honigkuchenpferd, Günther Oettinger, Ministerpräsident des Nachbarn Baden-Württemberg, glaubt weiterhin an die Kraft der CSU, nur Wilfried Scharnagl, Präsidiumsmitglied und langjähriger „Bayernkurier“-Chefredakteur ging an diesem „dies ater“ mit seiner Partei hart ins Gericht.
„Nur einen Satz“
Hans Well, Vordenker der Volksmusik-Satiriker der „Biermösl Blosn“ freilich konnte überhaupt nicht Tritt fassen. Weder verstand Anne Will, was er sagen wollte, weil er halt ein wenig um die Ecke denkt und manchmal ironisch ist, noch ließ sie ihm jemals Raum, auch nur einen Gedanken zu entwickeln - am Ende der Sendung flehte Well vergeblich „nur einen Satz, einen Satz“.
Da zeigte sich wieder mal, dass das Medium Fernsehen nichts für Leute ist, die nicht lieber erst nachdenken und dann reden als andersherum. In den Tagesthemen sagte Frau Haderthauer dann, sie wolle erst...
P.S. Ein Thema, das ebenfalls noch sorgfältig analysiert werden muss, hat mit der Wahl nur am Rande zu tun. Sämtliche Krawatten, die an diesem Abend zu sehen waren, waren gestreift. Da wird man in aller Ruhe in den nächsten Tagen zu einem Ergebnis kommen müssen.
Die Absage
Alexander Hemp (Widerstaendler)
- 29.09.2008, 11:13 Uhr
Nicht alle schauen sich den ganzen Abend Wahlsendungen an
Annie Hallinger (AnnieHallinger)
- 29.09.2008, 11:30 Uhr
Nicht die Schuld der CSU Führung
Paul Rabe (heidelpaul)
- 29.09.2008, 11:37 Uhr
Der Haussegen hing schief!
Peter Becker (sidewinderpeter)
- 29.09.2008, 12:27 Uhr
Guter Kommentar...
Michael Köhler (BaFoeg_Maker)
- 29.09.2008, 13:55 Uhr