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Das Debakel der CSU Vom Abschied umweht

29.09.2008 ·  Der Sturm über dem Maximilianeum weht Ministerpräsident Beckstein und dem CSU-Vorsitzenden Huber eisig ins Gesicht. Seltsam: Rücktrittsforderungen wurden zurückgewiesen, ehe sie erhoben wurden. Die Entscheidungsprozesse in der Partei könnten sich nun rasch beschleunigen.

Von Albert Schäffer, München
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Es ist ein Abschied einer Ära gewesen, der am Abend im Maximilianeum, dem Sitz des Bayerischen Landtags, zelebriert wurde – hoch über der Isar, wo Ludwig II. ein monumentales Theater für Richard Wagner hatte bauen lassen wollen, bevor der Weg des Maestro nach Bayreuth führte. Ein Untergang einer kleinen politischen Welt zeichnete sich ab, als die Hochrechnungen den Landtag erreichten und klar wurde, dass die Gleichung „CSU gleich Bayern“ Geschichte war.

An endzeitlichen Szenarien hatte es schon an den Vortagen nicht gefehlt, so groß war die Nervosität in der CSU geworden. Es schien, als stünde nicht nur die absolute Mehrheit auf dem Spiel, sondern die Existenz der Partei. Generalsekretärin Haderthauer, von ihren Gegnern schon Tage vor dem Wahlgang zu der Figur bestimmt, die der CSU den Weg in die Finsternis gewiesen habe, beschwor vorsorglich die Geschlossenheit der Partei und warnte vor „privaten Machtspielchen auf dem Rücken der Partei“. Trotzig verkündete sie, dass der Parteivorsitzende Huber und Ministerpräsident Beckstein in jedem Fall im Amt blieben – dem Publikum wurde das seltsame Schauspiel der Zurückweisung von Rücktrittforderungen geboten, noch bevor sie erhoben wurden.

„Nicht jetzt, verstehen Sie doch!“

Doch das Ausmaß diese Schadensfalls erschütterte die Funktionäre der CSU dann doch, als Zahlen ab 18 Uhr über das Maximilianeum hereinprasselten, an die ihre Partei allenfalls in lange versunkenen Zeiten gewohnt war – vor dem Aufstieg zu einem in Europa einzigartigen politischen Erfolgsmodell. Weit, weit weg war die Fünfzig-Prozent-Marke gerückt, mit der die CSU in den vergangenen Jahrzehnten ihren Nimbus begründet hatte, als eine Partei, die so ganz anders war als die Parteien im Rest der Republik. Eine Partei, die Regierung und Opposition gleichsam in sich vereinte und als Stimme Bayerns in Berlin, Brüssel und anderen europäischen Metropolen auftrat.

Die absolute Mehrheit der Stimmen weg; die absolute Mehrheit der Sitze weg – manche CSU-Größen verschlug es an diesem Wahlabend die Sprache; mehr als ein „Nicht jetzt, verstehen Sie doch!“ vermochten ihnen Fragesteller nicht zu entlocken. Und auch sonst eloquente Vorleute wie der Vorsitzende der CSU-Landtagsfraktion, Georg Schmid, mochten die Lage der CSU nur einsilbig kommentieren; von einem „schwarzen Tag“ für seiner Partei sprach er. Andere wie Wissenschaftsminister Goppel trösteten sich damit, dass immerhin das bürgerliche Lager – sprich CSU, FDP, Freie Wähler – nicht geschwächt aus dem Wahlgang hervorgehe.

Minute um Minute braute sich ein Sturm über dem glücklosen Duumvirat Beckstein und Huber zusammen – auch wenn in den öffentlichen Stellungnahmen stereotyp darauf verwiesen wurde, dass erst die Führungsgremien der Partei beraten müssten. In kleinen vertraulichen Gesprächszirkeln wurden die Fehler der beiden so lange hin und her gewendet, bis sie in riesigen imaginären Lettern an den Wänden des Maximilianeums standen. Politiker, die Verluste zu verantworten haben, sind in keiner Partei beliebt; in der CSU laufen sie Gefahr, zu Parias zu werden. Es sind bittere Stunden gewesen für Beckstein und Huber am Wahlabend; ihre Erfolge an der Seite Stoibers werden allenfalls Fußnoten in der Parteigeschichte werden, ihr Misserfolg ein großes rabenschwarzes Kapitel.

Müde, verstört, hoffnungslos

Es war ein sichtlich ins Mark getroffener Huber, der am Wahlabend vor die CSU-Anhänger trat. Mehr als seine pflichtgemäßen Worte von einem „schmerzlichen und schwierigen Tag“ verrieten sein Mienenspiel und seine Körperhaltung das ganze Ausmaß der Niederlage seiner Partei: So müde, so verstört, so hoffnungslos hatte die Partei bis dahin Huber noch nie erlebt. Auch wenn am Wahlabend in öffentlichen Stellungnahmen beteuert wurde, erst müsse in den Führungsgremien der Partei beraten werden, umwehte ihn bereits ein tragischer Hauch des Abschieds.

Ein übergroßer Schatten legte sich in diesen Stunden über Huber – der des stellvertretenden Parteivorsitzenden Seehofer. Die Zeit, die seit dem Sturz Edmund Stoibers in Kreuth im Januar 2007 vergangen war, schien aufgehoben. Schon damals hatte Huber ein schlechteres Los als Beckstein gezogen; während Beckstein sich keines Konkurrenten um das Amt des Ministerpräsidenten zu erwehren hatte, musste Huber sich einem Wettbewerb mit Seehofer stellen.

Und auch am Wahlabend waren die Gewichte in der Führungsspitze der CSU ungleich verteilt. Denn anders als bei Huber war hinter Beckstein kein möglicher Nachfolger im Großformat zu erkennen, sondern nur eine vage Gruppe möglicher Anwärter: der Vorsitzende der CSU-Landtagsfraktion Schmid, Europaminister Söder und Innenminister Herrmann. So gesehen, gab es am Wahlabend in der CSU kleine, große und übergroße Wahlverlierer – mit Beckstein in der Mittellage.

Selbst notorische Pessimisten waren überrascht

Beckstein mühte sich am Wahlabend denn auch, so routiniert über Koalitionsmöglichkeiten zu parlieren, als gehöre das schon lange zu seinem Alltagsgeschäft – ja, eine Stunde nach der ersten Prognose konnte er auch schon wieder lächeln. Doch abseits solcher Rituale wurde in den Gesprächen auf den Landtagsfluren überdeutlich, dass in der CSU die personellen Entscheidungsprozesse sich rasch beschleunigen könnten; immer stärker rückte in den Blick, dass im nächsten Jahr Europa- und Bundestagswahlen zu bestehen sind. Die Befürchtung wurde spürbar, dass die CSU, geschwächt durch die Landtagswahl, nicht mehr der Einzug ins Europarlament gelingen könne – und damit endgültig das Ende der Sonderrolle der CSU in der deutschen Parteienlandschaft käme.

Eines wurde in jedem Fall deutlich: Der Horizont der CSU hat sich am Sonntag in einer Weise verdüstert, wie es auch notorische Pessimisten in der Partei nicht erwartet haben.

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Jahrgang 1957, politischer Korrespondent in München.

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