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Bayern-Wahl Im Land der eierlegenden Wollmilchsaupartei

27.09.2008 ·  Geht es bei der Wahl in Bayern auch ohne CSU? Es war wohl der verhängnisvollste Irrtum der SPD, vor 54 Jahren daran zu glauben. 36 Jahren Alleinregierung sowie Stoibers triumphaler Erfolg 2003 erweckten den Eindruck, es ginge auf ewig ohne die Genossen. Auch dies eine fatale Fehleinschätzung?

Von Jasper von Altenbockum
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Geht es in Bayern auch ohne CSU? Es war wohl der verhängnisvollste Irrtum der SPD, 1954 daran zu glauben. Damals drängte der SPD-Vorsitzende Walter von Knoeringen nach Jahren großer Koalitionen die CSU in die Opposition und bildete eine Viererkoalition aus SPD, Bayernpartei, dem „Block der Heimatvertriebenen“ und der FDP mit Wilhelm Hoegner als Ministerpräsidenten.

Eigentlich einte das bayerische Kleeblatt nur eines: „Es geht auch ohne CSU“. Die hatte, nach einem Einbruch vier Jahre zuvor, 10,6 Punkte zugelegt, wurde mit Abstand stärkste Partei (38,4 Prozent) und wollte, wenigstens dessen rechter Flügel mit Alois Hundhammer an der Spitze, aus einer Position der Stärke mit der Bayernpartei eine bürgerliche Koalition formen. Ein Jahr zuvor hatte sie bei der Bundestagswahl schon an der magischen Zahl von 50 Prozent gekratzt und 47,2 Prozent erhalten. Was folgte, war nicht der Aufstieg der Regierungspartei SPD, sondern die Fundierung der CSU als Massenpartei.

Allerorts in Bayern verwurzelt, für jedermann wählbar

Hans Ehard, der Parteivorsitzende, musste nach den gescheiterten Koalitionsverhandlungen gehen und Hanns Seidel Platz machen, der sich im Januar 1955 gegen Franz Josef Strauß, damals Bundesminister für Sonderaufgaben im Kabinett Adenauer, in einer Kampfkandidatur durchsetzte.

Mit Friedrich Zimmermann, dem späteren Vorsitzenden der CSU-Landesgruppe im Bundestag und Bundesinnenminister, der 1955 zunächst Hauptgeschäftsführer der CSU wurde, 1956 dann Generalsekretär (bis 1963), machte sich die Parteiführung daran, der CSU als regionaler Bundespartei das Gesicht zu geben, das man seither von ihr kennt: allerorts in Bayern verwurzelt, für jedermann wählbar, auch für Protestanten, ohne heftige Flügelkämpfe - die Volkspartei schlechthin, oder, um es mit einem Wort von Strauß zu sagen: die eierlegende Wollmilchsaupartei.

Das „rote München“ als kommunapolitisches Menetekel

Für den Landesverband der SPD hingegen begann eine nicht enden wollende Durststrecke. Mit dem Rücktritt Hoegners im Oktober 1957 war es als Regierungspartei in Bayern vorbei.

Doch es geht auch ohne CSU. 1952 und 1960 machten es Thomas Wimmer und Hans Jochen Vogel in München vor. Wimmer schlug seinen CSU-Herausforderer bei den Oberbürgermeisterwahlen 1952 mit 60,9 zu 23,2 Prozent.

Im März 1960 setzte sich dann der 34 Jahre alte Hans Jochen Vogel, der spätere Bundesvorsitzende, mit 64,3 Prozent der Stimmen gegen Josef „Ochsensepp“ Müller durch, eine der legendären Gestalten und Mitbegründer der CSU, der nur 22 Prozent erreichte.

Verluste trotz Vogels olympischem Paukenschlag

Das „rote München“ wurde zum kommunapolitischen Menetekel für die CSU - die SPD brachte im Laufe der Zeit in fast allen Großstädten des Landes die CSU in Bedrängnis. Das Geschehen in der Hauptstadt war allerdings auch Menetekel für etwas anderes: Der Erfolg Vogels für die SPD hatte landespolitisch keinen durchschlagenden Effekt.

Zwar erreichte die SPD zwei Jahre nach Vogels Münchner Paukenschlag mit 35,3 Prozent ein Traumergebnis - ihr bestes bis dahin (vier Jahre später waren es gar 35,8 Prozent - mehr war bis heute nicht drin). Doch auch die CSU wurde stärker, am stärksten, nachdem Vogel im Jahr der Olympischen Spiele in München 1972 die Nachfolge von Volkmar Gabert als SPD-Landesvorsitzender angetreten hatte, nach Bonn ins Bundeskabinett gewechselt war, sich jahrelang mit der bayerischen Parteilinken herumgeschlagen hatte und schließlich entnervt die Landespolitik hinter sich ließ.

Schon 1971 hatte Vogel vor seiner eigenen Partei kapituliert, als er auf eine erneute Kandidatur in München verzichtete. Im Juni übergab er das Amt an Georg Kronawitter.

Seit 1966 regierte die CSU - in Bonn hatte sich gerade die Große Koalition gefunden - das Land allein; 1974 erreichte sie mit Alfons Goppel als Ministerpräsidenten ihr bestes Ergebnis mit 62,1 Prozent; die SPD verlor sämtliche Direktmandate in München an die CSU.

Vogel übergab den Landesvorsitz 1977 an Helmut Rothemund, der seine Partei bei den kommenden Wahlen knapp über der 30-Prozent-Marke halten, nicht aber verhindern konnte, dass die CSU mit Ministerpräsident Franz Josef Strauß (1978 bis 1988) unangefochten die absolute Mehrheit verteidigte.

Die Ära Strauß endet für die SPD unterhalb der 30 Prozent: 1986 kommen die Grünen erstmals in den Landtag, die SPD verliert wieder nahezu alle Direktmandate und sinkt auf 27,5 Prozent herab, da schon seit einem Jahr mit Rudolf Schöfberger an der Parteispitze, der seinerzeit Vogel als linker Juso-Dogmatiker das Leben in München schwergemacht hatte.

In München hatte die zerstrittene SPD das Erbe Vogels unterdessen verspielt: 1978 schlug der CSU-Politiker Erich Kiesl den SPD-Kandidaten Max von Heckel; Kronawitter eroberte sich das Amt 1984 gegen Kiesl (und die Kabale der SPD-Linken) jedoch wieder zurück. Auch Kronawitter gelang es indessen nicht, aus seinen Erfolgen in München landespolitisch Kapital zu schlagen.

Sein Nachfolger in München wurde 1993 Christian Ude - er ist bis heute Münchner Oberbürgermeister. Auch in der zweitgrößten Stadt Bayerns, Nürnberg, der politischen Heimat Günther Becksteins, geht es ohne CSU. Die Nachfolgerin Schöfbergers, Renate Schmidt (seit 1991), damals Vizepräsident des Bundestags, die spätere Bundesfamilienministerin, versuchte von hier aus, der bayerischen SPD ein wenig mehr Pragmatismus, also CSU-Gefühle einzuhauchen.

„Wer eins und eins zusammenzählt, geht zur CSU“

Anfang der neunziger Jahre war der Landesverband mit knapp 100.000 Mitgliedern immerhin der zweitgrößte in Deutschland (2007 waren es 72 600 - gegenüber 167 000 CSU-Mitgliedern), war aber weit davon entfernt, bundespolitisch den Einfluss entwickeln zu können, den sich die CSU selbst unter den Bedingungen des wiedervereinigten Deutschlands mit Max Streibl, Theo Waigel, Edmund Stoiber, Erwin Huber, Horst Seehofer (und wie sie alle heißen) sichern konnte - wenn auch mühsamer als früher.

„Wer eins und eins zusammenzählt, ist gut beraten, zur CSU zu gehen“, hieß es deshalb vor nicht allzu langer Zeit gar einmal in einer bayerischen Pressemitteilung - der SPD. Da war Nürnberg nach kurzem CSU-Intermezzo wieder fest in SPD-Hand, Frau Schmidt hatte nach langen Personaldiskussionen an Wolfgang Hoderlein übergeben (im Jahr 2000), und Hoderlein so enttäuscht und ratlos wie seine Vorgänger weiter an Ludwig Stiegler (der es nur bis 2009 machen will). Das war nach dem Wahldebakel von 2003, als die 20-Prozent-Marke der Nachkriegszeit wieder zum Maßstab der SPD geworden war. Seither könnte die CSU versucht sein zu glauben: Es geht auch ohne SPD.

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Jahrgang 1962, verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

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