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Bayern wählt Das Kreuz mit dem Kreuzl

 ·  Nach sechsundvierzig Jahren ist die Alleinherrschaft der CSU in Bayern ernsthaft in Gefahr - so die Prognose der Wahlforscher. Auch die Alternative einer Viererkoalition lädt nicht gerade zum „Kreuzl machen“ ein. Bayern wählt, aber wie?

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Als „Kreuzlschreiber“ gilt in Bayern einer, der nicht schreiben kann und statt seiner Unterschrift drei Kreuze hinsetzt. Diese Zeiten sind längst vorbei, die Alphabetisierungsrate ist hoch, das Stimmvieh mündig, und seine Parlamentarier sind es ebenfalls: „Die Abgeordneten sind Vertreter des Volkes, nicht nur einer Partei. Sie sind nur ihrem Gewissen verantwortlich und an Aufträge nicht gebunden“, heißt es in Artikel 13 (2) der Bayerischen Verfassung. Aber wer weiß schon, was das Volk will, wollen könnte? Eine wirkliche Prognose mag vor lauter Vorhersagen niemand mehr abgeben.

Die Volksbefrager neigen derzeit mehrheitlich zur Auffassung, die CSU werde nach sechsundvierzig Jahren Alleinherrschaft ihre absolute Mehrheit verlieren. Zeitenwende? Umsturz? Unbedingt. Das machen zwar die Zeiten eigentlich dauernd, auch in den bald fünf Jahrzehnten dieser singulären Parteigeschichte ist in den weiten Gauen vom Untermain bis zur Zugspitze Umwälzendes geschehen. Immerhin sind die Alpengipfel so intakt geblieben, dass man von dort oben aus den Wandel vom rückständigen Agrarstaat zum Hochtechnologiestandort mit landwirtschaftlicher Grundierung mit ansehen konnte. Stillstand wird man nicht diagnostizieren können, eine Verfilzung von Beziehungsgeflechten in Wirtschaft und Politik schon.

Als habe es Angst vor der Macht

Der demokratischen Hygiene würde ein Machtwechsel also nicht schaden; aber bringt er auch etwas? Merkwürdigerweise wird diese Frage nur halblaut gestellt, vielleicht, weil es darauf keine befriedigende Antwort gäbe außer ein entschiedenes „Ja, mei“. Einer abgewählten CSU folgte wahrscheinlich eine Koalition, unter Umständen eine Viererkoalition aus SPD, FDP, Grünen und Freien Wählern. Welch eine Perspektive! Die bayerische SPD hat Chance um Chance verspielt, auch weil sie es nicht geschafft hat, ihre guten Leute auf Landesebene zu hieven – viele bleiben lieber alle Bürgermeister-Könige in ihren kleinen Teichen. Währenddessen zermürbt sich das sozialdemokratische System auf Bundes- und damit auf Landesebene selbst. Unlängst glänzte der örtliche DGB-Chef öffentlich mit der Aussage, der Kandidat Maget sei eine arme Sau. Glück auf! Der grüne Spitzenmann Sepp Daxenberger musste sich von einem Stoiber-Double im Bayerischen Fernsehen sagen lassen, er sei bei der falschen Partei, während sein Parteikollege Sepp Dürr mit dem Vorschlag vorpreschte, das Konkordat mit der katholischen Kirche zu überdenken. Von den Freien Wählern hört man ein wenig, von der FDP ein wenig weniger.

So ist die Ausgangslage bei dieser müden Drückjagd. Es hat den Anschein, als müssten sich die Treiber selbst Mut machen. Dabei ist die Situation, einen Wechsel herbeizuführen, günstiger als zuletzt: Dabei spielt es keine wahlentscheidende Rolle, ob Frau Beckstein im Dirndl zum Oktoberfest-Anzapfen geht, schlimmer ist die Instinktlosigkeit dieser Verweigerungsgeste. Eine Steilvorlage nach einer Reihe von politischen Fehlschlägen wie dem abgesagten Transrapid, dem Desaster bei der Landesbank, dem Rauchergesetz. Die CSU unter Beckstein und Huber wirkt anämisch, bierschaumgebremst. Wie kann man dem Münchner Oberbürgermeister Ude (SPD) dermaßen die Schau überlassen, die Leichenbittermiene Becksteins beim Wies’n-Auftakt war ein Menetekel. Wie seltsam kraftlos das Stoiber-Nachfolgertandem wirkt, als habe es Angst vor der Macht. Das wittern nicht nur die Gegner, das merken zuerst die eigenen Parteigänger.

Für den Bund ist der Zustand der Südschiene wichtig

In welcher Lage gehen die Bayern zu Wahl? In einer, in der man Quittungen für Regierungsversagen ausstellt? Dem Land geht es gut, die Wirtschaftsdaten sind im Vergleich zum Rest der Republik glänzend. Die Bayern haben im Bund stets für die große CSU- und Unionslinie gestimmt, und daheim SPD, Grüne und Freie Wähler zu Bürgermeistern und Landräten gewählt. Aber für den Bund ist der Zustand der Südschiene wichtig. Mäßig überspitzt gesagt, fährt die Volkswirtschaft gut damit, wenn Bayern, Baden-Württemberg, Hessen und Nordrhein-Westfalen als Wirtschaftszentren und Kulturhorte funktionieren.

Man kann den Zustand, dass eine Staatspartei zwar Oppositionsparteien ihr Eigen nennt, diese aber nie an die Regierung kommen, weil der Souverän findet, die beste Opposition mache immer noch die Regierungspartei selbst, befremdlich finden. Man kann daran verzweifeln oder immer wieder dagegen ankämpfen – und sei es zunächst mit Absichtserklärungen gegenüber Wahlforschern. Aber das Kreuz in der Kabine zu machen, das ist noch immer etwas ganz anderes. Dort gilt die Frage: Trägt der Mythos CSU noch, hat er genug Bindekraft, um sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen? Der analphabetische Kreuzlschreiber aber, der vier oder gar fünf Kreuze statt seiner Unterschrift gesetzt hat, hat auf die Frage warum er das getan habe, geantwortet: Wisst ihr das nicht? Das heißt Professor und Doktor.

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Jahrgang 1961, Redakteur im Feuilleton.

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