26.01.2008 · Anfangs als politisches Leichtgewicht belächelt, hat Andrea Ypsilanti Statur gewonnen. Die SPD-Spitzenkandidatin kommt aus kleinen Verhältnissen - und hat sich hochgearbeitet.
Von Ralf EulerIhre Diplomarbeit schrieb sie über das Thema „Frauen und Macht“. Dabei kam sie zu dem Ergebnis, dass Frauen mit Macht anders umgehen als Männer. „Frauen streben Macht vor allem an, weil sie gesellschaftliche Veränderungen in Gang setzen wollen, nicht, wie Männer so oft, allein um der Macht willen“. Mit Andrea Ypsilanti will eine Frau in die Staatskanzlei einziehen, die sagt, sie strebe nicht nur eine andere Politik an, sondern auch „eine andere politische Kultur“, eine des Dialogs, der Mitsprache, des Aufeinanderhörens. Sie wolle die Macht, aber nicht um jeden Preis, nicht um den Preis der Selbstverleugnung oder der Diffamierung des politischen Gegners.
Die SPD-Spitzenkandidatin kommt aus kleinen Verhältnissen und schöpft aus eigenen Erfahrungen, wenn sie ihre Überzeugungen formuliert. Ypsilanti, die als Andrea Dill geboren wurde und den Namen ihres geschiedenen Mannes behalten hat, legt Wert darauf, dass sie eine „eschte Hessin“ ist. Aufgewachsen in Rüsselsheim, als mittlere von drei Töchtern eines Opel-Arbeiters, war die Diplom-Soziologin vor dem Studium unter anderem als Stewardess und Sekretärin tätig, später als Referentin in der Staatskanzlei bei Ministerpräsident Hans Eichel (SPD). Ihr Weg zur Universität sei ein dauernder Kampf gewesen, erzählt sie. Erst von der Hauptschule auf die Realschule, dann aufs Gymnasium, das Abitur habe sie gegen den Widerstand der Eltern angestrebt.
An ihrer Aufgabe gewachsen
1986 tritt Ypsilanti in die SPD ein, fünf Jahre später ist sie als erste Frau Juso-Landesvorsitzende, seit 1999 sitzt sie im Landtag, 2003, nach der Niederlage ihrer Partei bei der Landtagswahl, übernimmt sie den SPD-Landesvorsitz und Anfang vergangenen Jahres auch die Fraktionsführung. Die Fünfzigjährige lebt mit ihrem Lebensgefährten und dem gemeinsamen Sohn zusammen mit einem anderen Paar in einer Wohngemeinschaft in Frankfurt.
Anfangs als politisches Leichtgewicht belächelt, hat sie in den vergangenen zwölf Monaten Statur gewonnen. Viele, auch viele Genossen, hielten sie für chancenlos, als sie im Dezember 2006 zur Herausforderin von Ministerpräsident Roland Koch (CDU) gewählt wurde. Seitdem ist sie an ihrer Aufgabe gewachsen, hat die Partei mitgerissen und wird inzwischen auch von ihr getragen. Ihr Verdienst ist es, dass die Sozialdemokraten in Umfragen mit der Union gleichauf liegen, im Falle einer Direktwahl des Regierungschefs würde die SPD-Frau den CDU-Mann sogar hinter sich lassen.
Ypsilanti - ein Erfolgsmodell
Ypsilanti ist Südfrankreich-Fan („Ich mag das ,savoir vivre‘“), Anhängerin des 1. FC Nürnberg und von Eintracht Frankfurt. Sie steht für Glaubwürdigkeit und Werte, ihre Reden sind nicht geschliffen, ihr Vortrag ist nicht perfekt, aber genau das mögen ihre Anhänger an ihr. Dennoch sollte niemand ihre Willensstärke und Tatkraft unterschätzen. Mit ihren linken Positionen ist es ihr gelungen, der SPD ihre verloren geglaubte Identität wiederzugeben, mit ihrem Machtinstinkt hat sie es geschafft, die Partei hinter sich zu einen.
Ypsilanti ist ein Erfolgsmodell, an dem sich sogar die Bundes-SPD wieder aufrichten könnte. Denn eines scheint schon jetzt sicher: Die hessische Landeschefin dürfte eine Gewinnerin dieses Wahlkampfs sein, selbst wenn ihre Partei letztlich „nur“ bei 36 Prozent landen sollte. Auch das wäre angesichts der 29,1 Prozent von vor fünf Jahren ein Riesenerfolg. Ihr Programm fasst sie in drei Worten zusammen: „Mehr soziale Gerechtigkeit.“ Gleiche Bildungschancen für alle, kein Kind, keinen Arbeitslosen zurücklassen, die Teilhabe aller am Wohlstand des Landes.
Führungskompetenz
Detlef Stark (wool-web)
- 26.01.2008, 17:31 Uhr