14.08.2006 · In Spanien suchen vor allem Lateinamerikaner und Afrikaner eine bessere Zukunft. Das Land kann die Zuwanderer gut gebrauchen: Sie sind willkommene Arbeitskräfte und verjüngen die Bevölkerung.
Von Walter HaubrichIn den Parks und auf den Straßen der spanischen Städte sieht man zunehmend mehr Menschen mit indianischem Aussehen, welche alte Spanier im Rollstuhl begleiten oder beim Spaziergang stützen. Es sind Mestizen, die aus den südamerikanischen Andenstaaten Ecuador, Bolivien und Peru auf Arbeitsuche nach Spanien gekommen sind.
Die Altersfürsorge, die privatfinanzierte wie die staatliche, ist in Spanien zum großen Teil den südamerikanischen Einwanderern anvertraut; ohne diese würde sie zusammenbrechen. Doch auch bei den Kellnern in den Restaurants und Cafés machen Südamerikaner etwa die Hälfte aus.
Kaum Integrationsprobleme
Die Hälfte der in Spanien lebenden Ausländer kommt aus dem spanischsprechenden Amerika. Gleich nach ihrer Ankunft sind sie einzusetzen in Berufen, in denen man mit den Kunden sprechen muß, und das bietet in einem Land mit vielen Millionen Touristen zahlreiche Beschäftigungen.
Den Zuwanderern aus Iberoamerika fällt es auch nicht schwer, sich in Spanien zu integrieren. Die Kultur und die Lebensformen in ihren Heimatländern sind stark spanisch geprägt. Wie die Spanier sind die meisten von ihnen katholisch. Manche der nach Spanien kommenden Mestizen sind Enkelkinder von nach Lateinamerika ausgewanderten Spaniern. Sie erhalten ziemlich schnell die spanische Staatsbürgerschaft und alle Rechte der in Spanien geborenen Personen.
Fast so viele Einwanderer wie die Vereinigten Staaten
Vier Millionen der über 44 Millionen in Spanien lebenden Menschen sind heute Ausländer, das sind 9 Prozent der Bevölkerung. Das ist zwar nicht der höchste Ausländeranteil in den Ländern der Europäischen Union, doch sind in den vergangenen beiden Jahren mehr Einwanderer nach Spanien gekommen als in jedes andere europäische Land.
2004 lag die Einwandererzahl in Spanien mit knapp einer Million nur wenig unter der in den Vereinigten Staaten. An der Zunahme der Einwohnerzahl innerhalb der Europäischen Union ist Spanien mit 30 Prozent beteiligt, obwohl die Geburtenrate eine der niedrigsten in Europa ist.
Tor zu Europa
Für die Beliebtheit Spaniens als Einwanderungsland gibt es mehrere Gründe: einmal hat Spanien mit 3 bis 4 Prozent im Jahr das höchste Wirtschaftswachstum innerhalb der EU. Die beiden wichtigsten Säulen des Wachstums - Bauwirtschaft und Fremdenverkehr - können viele nicht besonders qualifizierte Arbeitskräfte brauchen.
Zudem ist Spanien mit den Kanarischen Inseln und den in Nordafrika gelegenen Enklaven Ceuta und Melilla Südgrenze der EU, damit für arme Auswanderer aus Afrika das am nächsten gelegene Tor zu Europa. In Spanien erhalten auch illegal Zugereiste Zugang zur Gesundheitsfürsorge und die Möglichkeit, ihre Kinder in Schulen zu schicken. Die staatliche Gesundheitsfürsorge ist großzügig und akzeptiert auch Kranke, die nie in die spanische Sozialversicherung eingezahlt haben.
Schlimme Arbeitsbedingungen
Im vorherigen Jahr hat die Regierung die illegal in Spanien arbeitenden Ausländer legalisiert. Etwa eine dreiviertel Million Ausländer erhielten gültige Aufenthalts- und Arbeitspapiere und wurden so auch vor Ausbeutung geschützt. Die illegal in Spanien lebenden Ausländer mußten vor allem in der südspanischen Landwirtschaft häufig zu untertariflichen Löhnen und unter schlimmen Bedingungen arbeiten. Sie akzeptierten das, weil sie fürchteten, denunziert und ausgewiesen zu werden.
Obwohl die Zahl der Immigranten ohne Papiere ("sin papeles") zurückgegangen ist, sind es nach offiziellen Statistiken noch immer eine Million. Die spanische Regierung weiß natürlich auch, daß nicht wenige der von südlich der Sahara kommenden Immigranten gern weiter nach Frankreich ziehen möchten. Spanien bemüht sich um Unterstützung der Europäischen Union, um die Zuwanderung aus Afrika einzuschränken.
Gefährlicher Seeweg
Die auf dem Seeweg auf die Kanarischen Inseln kommenden Immigranten machen zwar nur einen Bruchteil der Zuwanderer nach Spanien aus, doch ist ihr Weg besonders anstrengend und gefährlich. Die im Fernsehen gezeigten Bilder der an den kanarischen Stränden ankommenden Holzboote sind höchst dramatisch. In einigen Booten ist die Hälfte der Passagiere schon tot, viele Afrikaner müssen gleich ins Krankenhaus gebracht werden.
Eine Zeitlang, so schätzt man, ist ein Drittel der baufälligen, aus Mauretanien oder dem Senegal abgefahrenen Boote untergegangen. Spanische Fischer retten häufig Immigranten aus ihren gekenterten Booten. Seit einiger Zeit fährt ein spanisches Lazarettschiff mit dem vielversprechenden Namen „Esperanza del Mar“ (Hoffnung des Meeres) den Südatlantik auf der Höhe von Mauretanien und Senegal ab, um die Passagiere aus verirrten und in Seenot geratenen Booten zu retten.
Gute Ausbildung
Früher kamen die meisten Afrikaner über die nur 13 Kilometer breite Meerenge von Gibraltar aus Marokko nach Spanien. In einem Abkommen, in dem Spanien Marokkko großzügige finanzielle Mittel zusagte, hat sich die marokkanische Regierung verpflichtet, ihre Küsten besser zu überwachen und gegen Schleuserbanden vorzugehen. Seitdem versuchen die Schwarzafrikaner auf einem viel weiteren und gefährlicheren Seeweg von Mauretanien, dem Senegal oder den Kapverdischen Inseln aus, auf die Kanaren zu gelangen.
Mit einem sogenannten „Afrika-Plan“ zur Unterstützung der westafrikanischen Länder will Spanien versuchen, es diesen Ländern zu ermöglichen, Arbeitsplätze für die zur Auswanderung entschlossenen Menschen zu schaffen. Viele von denen kommen allerdings auf einem Weg, der bis zu zwei Jahre dauern kann, aus noch weiter südlich gelegenen Staaten nach Mauretanien und Senegal. Es sind besonders unternehmungsfreudige, häufig auch gut ausgebildete Afrikaner, die das Abenteuer des Sprungs nach Europa wagen. Auch unter den Südamerikanern, die bei der Ernte, bei der Altenpflege oder als Kellner arbeiten, befinden sich zahlreiche Personen mit Universitätsabschlüssen.
Marokkaner stellen die größte Ausländergruppe
Die größte Gruppe unter den in Spanien lebenden Ausländern sind die Marokkaner mit etwa 600.000, gefolgt von den Ecuadorianern (400.000) und den Rumänen (300.000). Unter den Marokkanern ist die Kriminalitätsrate höher als bei den Iberoamerikanern. Aus dem nordafrikanischen Land kommen fast nur junge Männer aus ländlichen Gegenden.
Die ihnen ungewohnte, sehr freizügige Form, in der sich die spanischen Frauen kleiden und bewegen, führt sie manchmal zu falschen Schlüssen und läßt sie Frauen bedrängen. Auch in der mit der Al Qaida verbundenen terroristischen Gruppe, welche für die Anschläge in Madrid am 11. März 2004 verantwortlich zeichnete, waren mehrere Marokkaner.
Probleme durch Jugendbanden
Jugendliche Schlägerbanden gibt es auch in den spanischen Großstädten. In Stadtvierteln, wo der Anteil der Südamerikaner sehr groß ist, bekämpfen sich diese Gruppen - Latin-Kings und Ñetas - vorwiegend untereinander. Die meisten Sorgen machen der spanischen Polizei allerdings die Rumänen. Sie haben zusammen mit ortskundigen Spaniern Banden gebildet, die Wochenendhäuser und Feriensiedlungen überfallen und dabei auch von den Schußwaffen Gebrauch machen. Rumänische Kinder üben sich im Straßendiebstahl und haben die einheimischen Bettler schon fast alle von den in diesem Wirtschaftszweig üblichen Arbeitsplätzen verdrängt.
Madrid bemüht sich derzeit, die rumänische Regierung dazu zu bewegen, die vorbestraften Kriminellen nicht mehr aus ihrem Land zu lassen, und hat Ungarn, Österreich und Italien ersucht, ihre Grenzen besser zu kontrollieren. Die rumänischen Kriminellen kommen mit Touristenvisum und ziehen sich nach drei Monaten vorübergehend in ihre Heimat zurück. Natürlich gibt es auch viele Rumänen, die wie Polen oder Tschechen als ehrliche und gesuchte Handwerker in Spanien arbeiten. Aus Osteuropa kommen auch viele Prostituierte nach Spanien, besonders an die Mittelmeerküste.
Ausländerfeindlichkeit gibt es kaum
Die - irrtümliche - Meinung, daß die Ausländer häufiger mit Polizei und Justiz zu tun hätten als die Einheimischen, gibt es auch in Spanien. Die Behörden weisen häufig darauf hin, daß dem nicht so ist. Ausländerfeindlichkeit findet sich in Spanien selten. Selbst nach den Attentaten vom 11. März 2004, bei denen 191 Personen getötet wurden, kam es zu keiner Ausschreitung gegen Muslime und Marokkaner, obwohl die Täter arabische Islamisten, die Mehrzahl von ihnen Marokkaner, waren.
Amtliche und kirchliche Institutionen erinnern die Spanier daran, daß sie jetzt zwar ein Einwanderungsland geworden sind, früher aber zwei Jahrhunderte lang Auswanderungsland waren. Spanien ist allerdings ein junges Einwanderungsland. Die Immigranten sind erst in der ersten Generation in Spanien und wollen vor allem Arbeit finden und Geld verdienen. Die Probleme kommen meistens erst mit der zweiten Generation.
Spanien hält sich streng an Schengen
Die Einwanderer haben in Spanien die gleichen Rechte auf Sozialleistungen wie die Einheimischen. An Quoten und Einladungen an bestimmte Berufsgruppen hat man bisher noch nicht gedacht. Die meisten Einwanderer sind in Berufen tätig, in denen das Angebot größer als die Nachfrage ist, und verrichten Arbeiten, um die sich die Spanier nicht gerade reißen.
Spanien hält sich bei der Freizügigkeit streng an Schengen. So hat es auch Visa-Zwang für ein Spanien so verbundenes Land wie Kolumbien einführen müssen, als die Mehrheit der EU-Staaten das beschloß. Man weiß in Madrid, daß viele Afrikaner über die Pyrenäen-Grenze weiter nach Norden ziehen, auch wenn das den Franzosen nicht paßt. Man weiß aber auch, daß die Rumänen schließlich über mehrere Grenzen nach Spanien gelangen.
Zuwanderer verjüngen die Bevölkerung
Nach Umfragen glauben zwar immer noch viele Spanier, die Immigration sei eines der großen Probleme des Landes. Regierung und Wirtschaftsführer meinen hingegen, daß die Zuwanderung Spanien mehr Vor- als Nachteile bringt.
Willkommen ist auch die demographische Verjüngung der Bevölkerung; die Zuwanderer bekommen nun mal mehr Kinder als die Einheimischen. Für die Schulen mit hohem Ausländeranteil müßte der spanische Staat eigentlich mehr tun. Solange Spaniens Wirtschaft weiter so schnell wächst, sind die Zuwanderer willkommen, denn sie werden gebraucht.
Probleme!
Andreas Würz (BluesBrother1983)
- 14.08.2006, 19:04 Uhr