20.06.2006 · Über 100.000 Deutsche verlassen jährlich das Land. Gut geplant ist das häufig nicht. Um Fuß zu fassen, braucht es mehr als einen passenden Job. Häufig wird der Anpassungsbedarf unterschätzt.
Von Dyrk ScherffEs war eigentlich alles gut geplant. Die deutsche Ärztin und ihr Ehemann, ein Krankenpfleger, hatten sich ein Jahr vorbereitet, bevor sie Deutschland verließen. Sie wollten in der Klinik einer schwedischen Kleinstadt arbeiten - gute Jobs, für die sie deutlich mehr Gehalt als in Deutschland herausgehandelt hatten. Und eine schöne Wohnung hatten sie auch schnell.
Die Ernüchterung kam ein Jahr später. Die Tochter schaffte es in der Grundschule nicht, Anschluß zu finden: Die Sprachunterschiede waren zu groß. Die Familie gab das neue Zuhause deshalb wieder auf und kehrte nach Deutschland zurück - in die Arbeitslosigkeit.
Anpassungsbedarf wird unterschätzt
"Solche Fälle gibt es immer wieder", sagt Monika Schneid vom katholischen Raphaels-Werk, das seit 135 Jahren Auswanderungswillige berät. "Die Familie wird oft zuwenig auf das neue Land vorbereitet."
Schon in der Vorbereitungszeit hätte das Kind einen Intensivsprachkurs machen sollen. Oder die Familie hätte in Schweden einen Arbeitsort wählen müssen, der eine deutsche Schule hat. Aber nicht nur die Kinder erleben bei einer Auswanderung große Veränderungen. "Auch die Eltern unterschätzen den Anpassungsbedarf. Vieles läuft anders als in Deutschland", betont Schneid.
Ihr Rat: Das Land der Wahl sollte nicht nur unter Urlaubs-, sondern auch einmal unter Alltagsbedingungen geprüft werden. Wie sind die Wohnungsverhältnisse, die ärztliche Versorgung, das Klima außerhalb der Reisezeit oder die Regeln im Berufsleben? Und reichen die eigenen Sprach- und kulturellen Kenntnisse?
Sozialversicherung: ein wichtiger Teil der Pflichten
Wer Europa verläßt, muß auch für ausreichende Finanzen sorgen - nicht nur, um eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen, sondern auch, um bei plötzlicher Arbeitslosigkeit ein paar Monate überbrücken zu können, bis ein neuer Job gefunden ist. Denn Ansprüche auf Arbeitslosengeld wurden dann noch nicht erworben. Innerhalb der EU wird Arbeitslosengeld bezahlt, wenn in Deutschland Anspruch bestand. Dazu muß das Arbeitsamt ein spezielles sogenanntes E-Formular ausfüllen. Selbst wer in Deutschland arbeitslos ist und ins EU-Ausland geht, bekommt noch drei Monate Geld.
Die Sozialversicherung nimmt einen wichtigen Teil der Pflichten ein, die Auswanderer noch in Deutschland erledigen sollten. Zeiten, in denen Beiträge für die Krankenkasse bezahlt wurden, sollten schriftlich bestätigt werden. Das hilft bei der Neuversicherung im Ausland. Aber nicht bei einer möglichen Rückkehr. Wer dann arbeitslos ist, wird von den Kassen nicht aufgenommen.
Das geht nur, wer bei der Auswanderung eine Anwartschaft abschließt. Sie kostet 40 bis 60 Euro im Monat und ist für alle empfehlenswert, die nicht sicher sind, ob sie dauerhaft im Ausland bleiben. Oder die vielleicht das erste Jahr im Ausland als Probejahr für sich und die Familie ansehen.
Steuerliche Konsequenzen bedenken
Gleiches gibt es für die Arbeitslosenversicherung. Die Anwartschaft kostet hier knapp 40 Euro im Monat. Die in Deutschland erworbenen Rentenansprüche gehen nicht verloren. Sie werden im Ausland ausbezahlt. Es kann allerdings passieren, daß sie um 30 Prozent gekürzt werden, wenn die deutsche Staatsangehörigkeit aufgegeben wird und es kein Sozialversicherungsabkommen mit der neuen Heimat gibt. Das ist etwa in Neuseeland der Fall. Mit den anderen klassischen Auswandererländern gibt es solche Verträge.
Die Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis ist innerhalb der EU, Norwegen und der Schweiz kein Problem. Sie muß zwar bei Aufenthalten von mehr als drei Monaten beantragt werden, wird aber gewährt, wenn ausreichend finanzielle Mittel nachgewiesen werden. In Übersee ist das deutlich strenger. Meist sind dann Sprachtest, Gesundheits- und polizeiliches Führungszeugnis sowie die richtige Berufsqualifizierung nötig.
Auswandern hat auch steuerliche Konsequenzen. Grundsätzlich muß die Steuererklärung in der neuen Heimat gemacht werden. Aber es gibt Ausnahmen: "Einnahmen aus der Vermietung einer Immobilie sind weiter in Deutschland zu versteuern", warnt Jochen Ettinger, Partner der Steuerberatungsgesellschaft Dissmann Orth. Das gelte auch für Gewinne aus dem Verkauf des Hauses oder der Wohnung innerhalb der Spekulationsfrist von derzeit zehn Jahren.
Vorsicht beim Vererben aus dem Ausland
Wer sein deutsches Konto behält, muß ebenfalls aufpassen. "Dividenden von deutschen Aktien werden weiter in Deutschland mit meist 15 Prozent besteuert", betont Ettinger. Dies kann aber beim ausländischen Fiskus geltend gemacht werden. Wird der Bestand auf ein ausländisches Depot umgeschichtet, gilt das nicht als steuerpflichtiger Verkauf.
Ruheständler, die es ins Ausland zieht, bekommen auch dort ihre Renten ausbezahlt. Sie müssen aber bei der Erbschaftsteuer aufpassen. Das Erbe ist in Deutschland steuerpflichtig, solange die Angehörigen hier leben. Aber selbst wenn alle im Ausland wohnen, kann er trotzdem noch Immobilien und Betriebsvermögen besteuern, wenn sie in Deutschland liegen. Der Freibetrag beträgt nur 1100 Euro. Steuerexperte Ettinger rät daher, Vermögen am besten schon vor der Auswanderung den Kindern zu überschreiben.
Gewusst wo
Erste Hilfe für Auswanderer
www.raphaels-werk.de
www.bundesverwaltungsamt.de
Hier können Auswanderungswillige einen meist kostenlosen Beratungstermin vereinbaren. Er vermittelt auch länderspezifische Informationen.
www.europaserviceba.de
Hier gibt es Informationen und Merkblätter zum europäischen Ausland. Hilfe für das außereuropäische Ausland bietet die Auslandshotline 01 80/5 22 20 23 (12 Cent/Minute).
www.diht.de/eic
www.ahk.de
Auch hier gibt es Informationen zum Arbeitsmarkt. Selbständige erfahren, wie sie einen Betrieb im Ausland gründen können.
Deutschland wandert aus
Im Jahr 2004 - neuere Zahlen gibt es noch nicht - haben sich 150.667 Deutsche hierzulande abgemeldet und ihren Wohnsitz ins Ausland verlegt. Sei es, weil ihr Unternehmen sie für einige Jahre dorthin schickt oder weil die Deutschen für immer auswandern wollen.
Faktisch könnten es noch bis zu 30 Prozent mehr sein, denn nicht jeder meldet sich bei den Behörden ab, wenn er das Land verläßt. Das Jahr 2004 war ein Rekordjahr. Vor allem wegen der hohen Arbeitslosigkeit suchen die Leute ihr Glück im Ausland. 78.800 blieben dabei innerhalb Europas. Schweiz und mit Abstand Österreich sind die beliebtesten Zielländer. 12.900 gingen in die Vereinigten Staaten, das ist der höchste Wert für ein Land. Außerhalb Europas sind zudem Kanada, Australien und China bedeutsam.
sicher nicht verkehrt Ihr Hinweis, Herr Deiß
Peter Luther (HAHOHE)
- 21.06.2006, 02:44 Uhr
Erfahrung
Martin Rostek (ksbodensee)
- 21.06.2006, 08:59 Uhr
Dyrk Scherff Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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