Home
http://www.faz.net/-g7q-11izi
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Donnerstag, 23. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

„Operation Walküre“ Der globalisierte 20. Juli

24.01.2009 ·  Der 20. Juli ist geschehen, damit von ihm erzählt werden kann. Dank des Films „Operation Walküre“ weiß jetzt auch ein Schüler aus Iowa, dass es einen deutschen Widerstand gegen Hitler gab. Und Hollywood hat noch mehr erreicht: Es ist dem Thema gerecht geworden.

Von Frank Schirrmacher
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (26)

Hitlercide, frei übersetzt „Hitlermord“, ist eine der neuesten amerikanischen Vokabeln. Es gibt kaum einen besseren Beleg dafür, dass der 20. Juli 1944 in der Populärkultur angekommen ist. Nach den Weihnachtsferien, so berichtet eine amerikanische Zeitung, wollten die Schüler über Geschichte reden. Sie hatten zwischen den Jahren „Operation Walküre“ gesehen und fragten nach mehr.

In den Vereinigten Staaten, wo mittlerweile weit über zehn Millionen Menschen den Film sahen, in Großbritannien und Südkorea, überall, wo er angelaufen ist, wurde über den gescheiterten Staatsstreich vom 20. Juli berichtet. „Die Kritiker sollten aufhören, sich zu beschweren“, schrieb der „Evening Standard“, „nur Gutes kann aus einem Kino kommen, das die Vergangenheit erinnert.“ Gerade in Britannien, wo seit Churchills Rede zum 20. Juli die These vorherrschte, es habe sich allein um einen rein internen Nazi-Machtkampf gehandelt, deutet sich damit ein Paradigmenwandel an.

Eine erstaunliche Leistung

Doch die Nachricht dringt nicht nur in die großen Zeitungen, sondern in alle Winkel einer hoch ausdifferenzierten Medien- und Internetwelt. Hollywood hat erreicht, was nur Hollywood kann: eine international weitgehend unbekannte Geschichte und ihr Motiv zu globalisieren. Und Hollywood hat erreicht, was Hollywood nicht immer kann: dem Thema gerecht zu werden. Das ist für einen Film, in dem letztlich, wie es einer der Autoren formulierte, nur ein paar Männer in Wehrmachtsuniformen miteinander reden, eine erstaunliche Leistung. Was Philipp von Boeselager, einer der letzten Überlebenden des 20. Juli, kurz vor seinem Tod erhoffte, ist eingetreten: Der Film macht die Tatsache des Hitler-Attentats weltweit bekannt. Dabei geht es nicht darum, dass Deutschland jetzt eine Touristenattraktion wird, wie Neuseeland nach „Herr der Ringe“. Der 20. Juli ist geschehen, damit von ihm erzählt werden kann. In den berühmten Worten Henning von Tresckows: damit „die Welt und die Geschichte“ trotz der Aussichtslosigkeit des Unternehmens weiß, dass es einen Widerstand gegen Hitler gab. Davon weiß jetzt auch ein 16 Jahre alter Schüler in Iowa oder Seoul.

Deshalb sind Debatten über Einzelfragen historischer Authentizität unangemessen. Von den angeblich „unsäglichen“ historischen Fehlern bleibt nun vor allem, dass Hitler nicht in einer Ju-52 flog und Stauffenberg sich nicht unmittelbar vor dem Attentat rasierte. Für alle anderen Lizenzen haben die Drehbuchautoren dramaturgische und intellektuelle Gründe angegeben. Peter Hoffmann, gewiss einer der besten Kenner des 20. Juli, hat den Film als „im wesentlichen vollkommen wahr“ bezeichnet.

Die Fiktion des Nichtwissens

Man muss sich heute nicht mehr der Vorgeschichte dieses Films zuwenden, die von verständlichen Sorgen, sei es wegen einer Sekte, sei es wegen der Quellentreue, geprägt war, aber leider auch von großer Verantwortungslosigkeit, die den Misserfolg des Unternehmens von Anfang an voraussetzte, ja herbeiwünschte.

Dieser Film war weit mehr als ein finanzielles Risiko für die Produzenten. Die Ambivalenz, die Zerrissenheit, die die Deutschen angesichts der, wie Karl-Heinz Bohrer formulierte, „epochal und sozial zu erklärenden politischen Defizite“ der Verschwörer empfinden, sind nicht das Privileg der Deutschen allein. Das „Was wäre, wenn“, das jedes Nachdenken über einen misslungenen Staatsstreich begleitet, hat eine Schattenseite, die noch heute ungezählte Biographien verdunkelt. Man hätte zum Beispiel nur einmal mit Gil Adler reden müssen, einem der Produzenten des Films, der morgens auf dem Weg zum Set über die Berliner „Stolpersteine“ ging, auf denen die Namen der Deportierten eingraviert sind. Ein Schicksal, das auch ihn ereilt haben könnte.

Hier, wie überhaupt bei jedem Blick in die Verbrechensgeschichte des Dritten Reichs, kann die Botschaft des 20. Juli nicht „entlastend“ sein, wie eine andere Befürchtung hieß. Dem Versuch, das NS-Regime mitsamt seiner moralischen Verwerflichkeit gleichsam in einer „Bad bank“ zu entsorgen, um dafür einen strahlenden Widerstand gewinnbringend exportieren zu können, widersetzt sich dieser Film. Die Botschaft des 20. Juli ist höchst ambivalent. Wie in „Schindlers Liste“ stellt sich die Frage, warum anderen nicht möglich war, was diesen möglich war. Die Antwort lautet, dass viele nicht wollten und einige nicht konnten. Die ganz umständliche Struktur der Verschwörung erklärt sich daraus, dass die Beteiligten wussten, dass sie auf Rückhalt in der Bevölkerung nicht vertrauen konnten. Und die Verschwörung sowie der Prozess vor dem Volksgerichtshof zeigen, wieviele Menschen in allen Befehlsketten des Regimes von den Verbrechen an den Juden wussten, von denen etwa ein Albert Speer bis zuletzt keine Ahnung gehabt haben wollte. Das sind Fragen, die uns der Film nicht abnimmt, aber die sich stellen, weil er uns tagelang verfolgt. Wie jene, die einmal Carl Goerdeler stellte: Man müsse öffentlich von Konzentrationslagern und der Ausrottungspolitik erzählen, dann werde ein Volksaufstand losbrechen. Es hätte dann nicht mehr die Fiktion des Nichtwissens gegeben. Aber wie wäre die Antwort gewesen?

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen