20.06.2008 · Das türkische Team hat den Einzug ins Viertelfinale geschafft. Da sich die Türkei in einer politischen Krise befindet, sind die Siege der Nationalmannschaft gut für die Stimmung im Land. Das Team soll nun Vorbild für den Zusammenhalt der Nation sein.
Von Rainer Hermann, IstanbulMit dem Einzug ins Viertelfinale erlebt die Türkei ihr kleines Sommermärchen. Die Siege gegen die Schweiz und Tschechien waren für die Schaffung einer patriotischen Hochstimmung wichtig. Noch wichtiger aber war, dass die Türken zu Hause vor den Bildschirmen sahen, wie ihre Mannschaft nach Rückschlägen zu neuem Leben erwachte und sich dann doch durchsetzte. Denn die Türkei steckt in einer tiefen politischen Krise und ist gespalten, der Wirtschaftsboom stottert. „Das Land ist verwundet“, beobachtet Sahin Alpay, Professor für Politikwissenschaften. Hoffnung gibt da die Nationalmannschaft. „Sie zeigt, dass Erfolg hat, wer zusammenhält.“ Sich nicht von der Krisenstimmung anstecken lassen, sondern Zusammenhalt und Stärke zeigen, heißt die Botschaft der Fußballspieler an die türkische Nation.
In den Hintergrund tritt damit die nationalistische Wirkung des Fußballs. Über einen längeren Zeitraum betrachtet, ist sie sogar rückläufig. Dabei hatte die Türkei noch im zweiten Halbjahr 2007 und im vergangenen Winter mit der Offensive gegen kurdische Rebellen eine nationalistische Hitzewallung durchlebt wie lange nicht. Diese Welle hat den Fußball aber nicht erreicht. Der Erfolg auf dem Rasen ist wichtiger geworden als die chauvinistische Schau auf den Straßen. Gewiss beschwören in türkischen Gazetten noch immer einige Kommentatoren, dass der Fußball die Fortsetzung des Kriegs mit anderen Mitteln sei.
Nationalmannschaft als Vorbild für einen Zusammenhalt der Nation
Seltener ist aber der populäre Schlager „Vatan, Millet, Sakarya“ zu hören, also „Vaterland, Nation und Sakarya“, der Ort einer wichtigen Schlacht im Unabhängigkeitskrieg. Das sei nun zu einer leeren Hülse verkommen, sagt Tanil Bora, Ideologieforscher und Sportkolumnist bei der liberalen Zeitung „Radikal“. Denn die Menschen sähen ein, dass der Fußball nach anderen Gesetzen funktioniere als diese nationalistischen Parolen. Zunehmend entzieht sich der türkische Fußball dem zupackenden Griff der Nationalisten. Den Grund dafür sieht ein anderer intellektueller Sportanalytiker, Alp Ulagay von „Hürriyet“, im zunehmenden Erfolg türkischer Mannschaften bei europäischen Wettbewerben. Der Schlachtruf aus den Stadien der achtziger und neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts - „Europa, höre unsere Stimme, das sind die Schritte der Türkei“ - sei daher kaum mehr zu vernehmen.
Die Nationalmannschaft soll nun also Vorbild sein für einen Zusammenhalt der Nation, den die Politiker nicht (mehr) leisten. Sie entwickelt im ganzen Land eine integrative Kraft, obwohl nahezu alle Spieler in einem Istanbuler Verein unter Vertrag sind oder irgendwo in Europa. Gefeiert werden sie aber auch dort, wo sie in Anatolien geboren wurden und aufwuchsen. Einen integrierenden Zusammenhalt schaffen sie auch mit den Symbolen, etwa mit dem Halbmond und Stern auf der Brust ihres roten Trikots.
Auch in großen Städten feiern die Menschen die EM-Siege
Noch immer fließen beide Reaktionen ineinander: das zivile patriotische Feiern eines Zusammenhalts und das aggressive Zurschaustellen einer türkischen Identität, die homogen zu sein hat und keine Andersartigkeit zulässt. Gegen die zweite Reaktion begehrten nicht nur Kurden auf, sondern auch viele Türken, die zwar den Erfolg ihrer Mannschaft feiern, aber diese krude Form des Nationalismus ablehnen, sagt Bora. Zwar lässt sich die Identifikation der Kurden mit der türkischen Nationalmannschaft nicht messen. Aber auch in ihren großen Städten feierten die Menschen die EM-Siege. „Die Kurden kennen ja alle Spieler aus den Fernsehübertragungen der türkischen Liga, und mit ihnen identifizieren sie sich auf jeden Fall“, sagt Bora. Der Nationalismus bleibt dennoch eine Facette des türkischen Fußballs. „Schon deswegen, weil der türkische Nationalismus als Alltagsideologie stets neue Bekräftigung sucht und auch der Fußball ihm die gibt.“ Noch immer leben in den Köpfen vieler Türken die Traumata weiter, die mit dem Untergang des Osmanischen Reichs entstanden waren.
Nicht immer hat der türkische Fußball diesen Beitrag geleistet. Jeder Türke erinnert sich noch an die Schmach, wie ihre Nationalmannschaft in den achtziger Jahren zweimal mit 0:8 gegen England unterlag, einmal sogar auf heimischem Terrain in Istanbul. Dabei hatte das Team in den fünfziger und sechziger Jahren, unmittelbar nach der Einführung des Profifußballs 1951, eine erfolgreiche Phase. Zweimal nahm die Türkei bei Weltmeisterschaften teil, 1954 und 1958. Mitte der sechziger Jahre setzte ein Niedergang ein, der bis Mitte der achtziger Jahre dauerte. Das Geld für Investitionen fehlte, und der Bürgerkrieg in den Straßen der Großstädte machte Sport unmöglich.
„Viele Türken sähen sich gerne als die Brasilianer Europas“
Die Bedingungen änderten sich, als 1983 Turgut Özal Ministerpräsident wurde und ein Jahr später Jupp Derwall Trainer bei Galatasaray. Özal machte den Fußballverband unabhängig und stellte Geld für neue Sportanlagen bereit, auf dem Rasen revolutionierte Derwall den Fußball. Jugendarbeit setzte ein, Stars wie Hakan Sükür wurden entdeckt. Der Durchbruch kam 1996 mit der ersten Teilnahme an einer Europameisterschaft. Sepp Piontek hatte von 1990 bis 1993 als Nationaltrainer die Grundlagen gelegt, auf denen sein Assistent und Nachfolger Fatih Terim aufbaute. „Mit dem dritten Platz bei der Weltmeisterschaft 2002 erreichte diese Generation ihren Zenit“, sagt Ulagay. Der Generation nach ihnen fehle es aber noch an Stars und überzeugenden Einzelspielern.
Dass Terim, seit 2005 wieder Nationaltrainer, Bastürk nicht nominiert hatte, stieß in der türkischen Öffentlichkeit auf Unverständnis. Auch Jahrzehnte nach Derwall und Piontek beeinflusst der deutsche den türkischen Fußball. Keine türkische Spitzenmannschaft kommt ohne Türken aus, die in Deutschland geboren und in der deutschen Jugendarbeit entdeckt worden sind. Nach dem Sommer übernimmt Michael Skibbe bei Galatasaray die Mannschaft, die einst Derwall groß gemacht hatte. Die kritischen Stimmen gegen deutsche Fußballlehrer mehren sich aber. „Viele Türken sähen sich gerne als die Brasilianer Europas“, sagt Bora. Davon sind sie noch weit entfernt. Launisch wie die Brasilianer sind sie aber. „Diese Mannschaft kann gegen jeden gewinnen und gegen jeden verlieren“, sagt der Politikwissenschaftler und Fußballbegeisterte Alpay. An diesem Freitagabend hat sie gegen Kroatien aber zu gewinnen.
Rainer Hermann Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.
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