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Leser fragen, FAZ.NET antwortet Schlussendlich hilft die Technik auch nur halb

23.06.2008 ·  „Es sollte doch möglich sein, dass der Schiedsrichter an dieselben Informationen herankommt wie der normale Zuschauer und erst danach seine Entscheidungen trifft“, meint FAZ.NET-Leser Horst Bruch. FAZ.NET hat nachgefragt.

Von Marc Heinrich, Ascona
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„Es sollte doch in unserer hoch technisierten Welt möglich sein, dass der Schiedsrichter an dieselben Informationen herankommt wie der normale Zuschauer und danach seine Entscheidungen trifft“, meint FAZ.NET Leser Horst Bruch und fragt: „Wofür läuft ein Schiedsrichter mit einem Headphone herum, wenn er weiterhin subjektive und falsche Entscheidungen trifft, die jeder Tribünengast und erst recht jeder Fernsehzuschauer auf dem Sofa in der Wiederholung besser beurteilen kann?“ Machen Sie mit: Leser fragen, FAZ.NET antwortet

Keine andere Sportart fasziniert die Massen so sehr wie Fußball. Das wird seit mehr als vierzehn Tagen wieder deutlich. Millionen Menschen sitzen in diesen EM-Tagen an den Fernsehschirmen, pilgern zum Public Viewing oder in die Stadien in der Schweiz und Österreich. Sie feiern und jubeln, leiden und trauern über den Ausgang der Spiele bei diesem Turnier, das am Wochenende mit dem Finale in Wien seinem Höhepunkt entgegensteuert.

Es sind viele Emotionen mit von der Partie. Während der Begegnung und erst recht danach. Im Anschluss sind es die Diskussionen über die Fehler der Protagonisten auf dem Spielfeld, die die Anhänger weiter beschäftigen. Besonders die Patzer der Schiedsrichter. Vermeintliche und tatsächliche.

Fahnen mit Sender als Hilfsmittel

„Her mit dem Videobeweis!“, fordern in regelmäßigen Abständen vermeintlich Schiedsrichter-Geschädigte, eine Fehlerquelle soll damit aus dem Spiel entfernt werden. Noch hat sich der Weltfußballverband Fifa zu diesem Beschluss aber nicht durchringen können.

Andere technische Hilfsmittel erleichtern den Referees das Leben durchaus schon heute. Als Erstes wurden vor zwei Jahren die Fahnen der beiden Assistenten an den Seitenlinien mit einem Sender ausgestattet. Wenn der Helfer einen Knopf an seiner Fahne drückt, empfängt der Hauptschiedsrichter einen Signalton.

Herbert Fandel lehnt die Headsets ab

Darüber hinaus gibt es Headsets, die den Referees die Möglichkeit geben, während des Spiels mit den Assistenten sowie dem vierten Offiziellen am Spielfeldrand zu kommunizieren. Das Tragen der Kopfhörer mit angeschlossenem Mikrofon wird seit der WM 2006 bei internationalen Partien ausprobiert, ist den Schiedsrichtern aber noch freigestellt. Herbert Fandel, der einzige deutsche Referee bei dieser EM, lehnt die Headsets kategorisch ab. „Sie behindern mich. Wenn sie zur Pflicht werden, höre ich auf“, sagt er.

Der Slowake Lubos Michel machte dagegen am Samstagabend von der Möglichkeit des Headsets Gebrauch - und es hatte weit reichende Folgen. So nahm er den Platzverweis gegen den russischen Verteidiger Denis Kolodin beim 3:1-Viertelfinalsieg gegen die Holländer nach Intervention seines Linienrichters zurück, der sich bei ihm über das Mikrofon gemeldet hatte. „Michel revidierte seine Entscheidung, weil er nach Rücksprache mit seinem Assistenten zur Meinung kam, dass das Foul des bereits mit Gelb verwarnten Kolodin an Sneijder nicht gelbwürdig war“, teilte die Europäische Fußball-Union Uefa am Montag mit.

Schlussendlich wissen es die Experten auch nicht

Michel musste sich für sein Tun viel Kritik anhören. Auch von Urs Meier, dem früheren Schweizer Spitzenschiedsrichter, der als ZDF-Experte die EM begleitet und mit seinen „Schlussendlich“-Statements die Geduld vieler Fernsehzuschauer arg strapaziert. Meier standen vor seinem Urteil die Bilder von 33 Kameras zur Verfügung, die jedes EM-Spiel einfangen, er konnte erst die Zeitlupen und Standbilder ausgiebig beleuchten, ehe er zu seinem zweifelhaften Schluss kam, der auch wieder Anlass zur Diskussion bot. Das belegt: auch das Heranziehen von Fernsehaufnahmen muss nicht der Weisheit letzter Schluss sein.

Den Chip im Ball, eine weitere vielfach erörterte Hilfe, lehnte die „Fifa-Kommission für Regelfragen“ im März dieses Jahres aufs neue ab; die Haltung soll auf Wunsch von Fifa-Präsident Josef Blatter jedoch in den kommenden beiden Jahren wiederkehrend überdacht werden. Fandel würde dies begrüßen. „Der Chip würde eindeutig dem Ziel des Spiels dienen: Tore zu erzielen. Denn in der Praxis ist es so, dass ich als Schiedsrichter im Zweifel eher weiterspielen lasse und nicht auf Tor erkenne.“ Anfang des Jahres kamen die europäischen Top-Schiedsrichter zu einem Lehrgang auf Zypern zusammen - alle plädierten für diese Entscheidungshilfe.

Abseitslinien bieten keine Sicherheit

Auch einer anderen Überlegung steht die Fifa-Kommission hingegen aufgeschlossen gegenüber: zwei weitere Assistenten könnten bald hinter den beiden Toren zur Überwachung des Strafraums und der Torlinien eingesetzt werden; bis zur WM 2010 will man sich in dieser Angelegenheit abschließend eine Meinung bilden.

Den Videobeweis steht Fandel seit langem skeptisch gegenüber: „Zeitlupen und Abseitslinien, wie wir sie als Fernsehzuschauer bislang kennen, bieten alles, nur keine Sicherheit“, schrieb er unlängst in einem Gastbeitrag für die „Süddeutsche Zeitung“. Sie ließen immer noch einen Spalt breit Raum für Interpretationen. Standpunkte seien zu sehr abhängig vom Auge des Betrachters. Außerdem sei nicht zu klären, in welchen Situationen der Videobeweis eingesetzt werden soll: bei Abseitssituationen, nach denen ein Tor erzielt wurde? Oder auch bei Zweikampfsituationen zur Klärung der Frage, ob der Unparteiische auf Strafstoß oder nicht erkennen muss? Wann soll das Spiel angehalten werden, und wer entscheidet dies? Wie lange darf die Spielunterbrechung dauern?

Fragen über Fragen - mehr, als man jemals Antworten finden wird, meinte Fandel. Und die einen gewissen Reiz des Fußballs ausmachten.Womit er nicht ganz Unrecht hat.

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Quelle: FAZ.NET
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Jahrgang 1974, Sportredakteur.

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