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Kommentar Rückfall in vergangene Zeiten

12.06.2008 ·  Die deutsche Nationalmannschaft hat ihre größte Schlappe in der Ära Joachim Löw erlitten. Der beherzte Offensivfußball aus der Qualifikation blieb bei der 1:2-Niederlage gegen Kroatien auf der Strecke. Nun droht das Aus in der Vorrunde.

Von Michael Horeni
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Wer hätte das gedacht? Deutschland muss um den Einzug ins Viertelfinale zittern, die Begegnung gegen Österreich könnte am Montag schon das Ende aller Träume vom vierten Gewinn einer Europameisterschaft sein. Doch der größte anzunehmende deutsche Fußballunfall seit Cordoba ist noch nicht Wirklichkeit. Es wird in den kommenden Tagen darauf ankommen, wie es Joachim Löw und seine Spieler verstehen, den schwersten Rückschlag in ihrer nunmehr vierjährigen gemeinsamen Zeit zu verkraften.

Das bittere und verdiente 1:2 gegen die Kroaten bedeutete seither die erste Niederlage bei einem Weltmeisterschafts- oder Europameisterschafstturnier während der regulären Spielzeit. Und zum ersten Mal waren die Deutschen einem Gegner dabei deutlich unterlegen. Sie wurden läuferisch, taktisch und spielerisch eine Stunde lang zerpflückt. Die Rote Karte gegen Schweinsteiger war der deprimierende Schlusspunkt.

Jeder Mannschaftsteil stieß an seine Grenzen

Es war weniger das Ergebnis als dieser lange eindeutige Spielverlauf, der überraschte und erschreckte – und dem Bundestrainer sehr zu denken geben muss. Es fehlte bis zur letzten Minute nicht am Willen der Spieler, die Partie noch zu wenden, dennoch stieß jeder Mannschaftsteil an diesem Tag viel zu schnell an seine Grenzen. In der Abwehr litten die Deutschen vor allem unter einem überforderten Jansen, der auf der linken Seite nie für Sicherheit sorgte.

Beim Führungstreffer kam er entscheidend zu spät. Aber auch Lahm offenbarte so viele kleine und große Schwächen, wie sie bei ihm während des gesamten WM-Turniers nicht zu sehen waren. Torwart Lehmann bestätigte zudem alle Zweifel, dass Mini-Spielpraxis für einen 38 Jahre alten Torhüter wohl doch nicht die beste Vorbereitung ist.

Wille zum entschlossenen und dynamischen Offensivspiel fehlte

Das Mittelfeld um Kapitän Ballack und seinen ersten Helfer Frings fand nie eine passende Antwort auf die variable Kontertaktik der Kroaten, die gegenüber ihrem ersten Auftritt gegen Österreich erheblich an Tempo und Dynamik zulegten – ganz im Gegensatz zu den Deutschen. Auch das vermeintlich beste Stück des Weltmeisterschafts-Dritten, der von Podolski aus dem Mittelfeld allzu schwach unterstützte Sturm mit Klose und Gomez, irrlichterte in der ersten Halbzeit umher, ohne einen Hauch von Torgefahr zu entwickeln.

Doch es war an diesem schwarzen Tag mehr als nur die Summe individueller Unzulänglichkeiten, die ein deutsches Team um eine erfolgreiche Europameisterschaft, ja sogar um das Minimalziel Viertelfinale bangen lässt. Auch wenn das Team im Schlussspurt noch einmal alles wagte – der entscheidende Unterschied zu den mitreißenden Auftritten bei der Weltmeisterschaft war der lange fehlende Wille zum entschlossenen und dynamischen Offensivspiel.

Der Bundestrainer hatte vor dem Turnier besonderen Wert auf die taktische Weiterbildung gelegt. Doch der beherzte, erfrischende Offensivfußball, der die Konkurrenz so verblüfft hatte – er war an diesem Tag in Klagenfurt auf der Strecke geblieben. Die Deutschen spielten beim 1:2 gegen die Kroaten zu lange so, wie man es von ihnen zuvor bei viel zu vielen Turnieren gesehen hatte. Dieser Rückfall war ihre größte Niederlage – und die des Bundestrainers.

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Jahrgang 1965, Korrespondent für Sport in Berlin.

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