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Italiens Trainer Donadoni „Ich bin kein Gefängniswärter“

09.06.2008 ·  Seine Bestellung zum italienischen Nationaltrainer kam überraschend, denn er gehört nicht zu den üblichen Seilschaften des Establishments. Roberto Donadoni im FAZ.NET-Interview über seine Spaßtruppe, Materazzis Benehmen und Tonis Intelligenz.

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Roberto Donadonis Bestellung zum Nationaltrainer nach dem Gewinn des WM-Titels 2006 kam überraschend, doch sah der skandalgebeutelte italienische Fußball mit ihm die Chance auf einen unbelasteten Neuanfang. Der 44 Jahre alte Norditaliener gehört nicht zu den üblichen Seilschaften des Establishments, startete seine Trainerkarriere gar beim verschrienen „Kommunistenklub“ AS Livorno.

Als Profi gehörte der offensive Mittelfeldspieler von 1986 an zu den Stützen des AC Mailand. Er gewann mit dem Klub unter anderem sechs italienische Meisterschaften und dreimal den Europapokal der Landesmeister beziehungsweise die Champions League. Als Nationalspieler kam er 1994 bis ins WM-Finale, wo Italien an Brasilien scheiterte. Am Mittwoch verlängerte Donadoni seinen Vertrag bis 2010. An der Ausstiegsklausel hielt der italienische Fußballverband jedoch fest. Sollte Donadoni den Weltmeister nicht mindestens bis ins EM-Halbfinale führen, kann der Verband den Trainer innerhalb von zehn Tagen nach Ende der EM entlassen.

Wie stimmen Sie Marco Materazzi auf das Turnier ein?

Sie meinen nicht taktisch, oder?

Nein, er symbolisiert doch den bösen Fußball-Provokateur seit dem Vorfall mit Zinédine Zidane bei der Weltmeisterschaft 2006. Und der frühere italienische Schiedsrichter Collina hat Ihre Nationalspieler gewarnt, sich im Zweikampfeinsatz nicht danebenzubenehmen. Sprechen Sie mit Materazzi über angemessenes Verhalten auf dem Platz?

Jeder Spieler ist für sein Verhalten selbst verantwortlich und sollte es kontrollieren können. Wir Trainer müssen als Vorbild wirken, mit gutem Beispiel vorangehen. Ich denke aber, bei der Arbeit mit den Spielern sollte es prinzipiell um mehr gehen als nur um Technik oder Taktik. Wir sind zuerst Menschen und dann Fußballer, daraus lässt sich in der Arbeit mit den Spielern noch einiges entwickeln.

Das klingt nicht nach distanziertem Führungsstil. Wir kennen italienische Trainer aber eher als unbarmherzige Disziplinfanatiker - zum Beispiel Fabio Capello.

Capello ist ein großer Trainer, der mich als Spieler eingeführt hat in die Welt der Taktik. Mit all seiner Härte. Aus ihm wäre bestimmt auch ein guter Gefängniswärter geworden. Ich bin keiner und glaube, dass man zu seinen Spielern eine sehr gute Beziehung aufbauen muss, auf der Basis von gegenseitigem Respekt.

Sie sind mit 44 Jahren der jüngste Nationaltrainer in der Fußballgeschichte Italiens und treffen bei Ihrem ersten Turnier in dieser Funktion gleich zu Beginn auf Gegner wie Holland und Frankreich. Wie stellen Sie Ihre Spieler auf die Herausforderung ein?

Ganz einfach: Habt Spaß am Fußball, freut euch, nehmt nicht alles so schwer, wie es von außen gemacht wird.

Der Weltmeister als Spaßtruppe?

Der Stress bei diesem Turnier wird früh genug kommen. Eine EM schlaucht besonders durch das gedrängte Programm, die schweren Spiele von Beginn an, ohne größere Pausen dazwischen. Die mentale Erholung wird am Ende wichtiger sein als die physische. Ich will deshalb nicht viel Druck auf meine Spieler laden und den Ballast der Erwartungen vor allem selbst schultern. Ich muss ja nicht spielen.

Beunruhigt Sie nicht, dass mit Fabio Cannavaro Ihr wichtigster Abwehrspieler verletzt ist?

Ich habe keine Lust, mir und meiner Mannschaft Angst zu machen. Wir sind Italien - und unsere Erfolgsgeschichte im Fußball spricht für sich selbst. Ich kann versprechen, dass wir unser Bestes geben werden. Aber natürlich wissen wir auch aus der Vergangenheit, dass es nicht leicht wird, einen Titelgewinn zu wiederholen.

Sie haben unter großen Trainern wie Capello und Sacchi gespielt - Lippi war Ihr Vorgänger im Nationalteam. Von wem holen Sie sich Ratschläge?

Von meinem Vater.

Was hat der Ihnen geraten?

Das ist Privatsache. Aber meine Eltern haben mich zu einem stabilen Menschen erzogen. Dafür bin ich ihnen dankbar.

Sie haben Ihre Trainerkarriere im Klubfußball begonnen. Was ist für Sie der größte Unterschied zu der Arbeit jetzt?

Eine Klubmannschaft ist wie eine große Familie. Ich kann die Spieler sehr gut kennen lernen, sie besser entwickeln. Als Nationaltrainer sehe ich sie nur ein paar Mal im Jahr, dadurch steigt der Druck in der wenigen Zeit der Vorbereitung. Die Beziehung zu den Spielern ist nicht die gleiche. Und was dazukommt: Die Medien behandeln die Vereine eher wohlwollender. Bei der Nationalmannschaft fühlen sich eher aufgefordert, Kritik zu üben. Das kompliziert manchmal mein Leben.

Bei der WM hieß es, der italienische Fußballskandal und das damit verbundene schlechte Image hätte die Mannschaft zusammengeschweißt und bei ihr zu einer Gegenreaktion geführt, die dann sogar zum Titelgewinn geführt hat. Brauchen die Italiener diese Schock-Motivation, um das Letzte aus sich herauszukitzeln?

Ich glaube nicht, dass man sich als Spieler aus einem Skandal heraus motivieren kann. Ich brauche nicht diese Art von Motivation. Ich bin auch nicht der Meinung, dass Italiener erst in schwierigen Zeiten zu Höchstleistung auflaufen, also erst in Bewegung kommen, wenn ihnen das Wasser bis zum Hals steht. Diese Meinung hört man bei uns oft in der gesellschaftlichen Diskussion. Ich finde, was die dunklen Seiten des Fußballs angeht, müssen die wichtigsten Beteiligten - also Spieler und Trainer - ein gutes Beispiel abgeben in der Zukunft.

In diesem Sumpf mit Betrug und Gewalt in den Stadien ist das ein hehrer Wunsch.

Wir haben keine andere Wahl, nur so kommen wir gegen die schlimmen Auswüchse an.

In Deutschland herrscht eine ganz andere Stimmung. Und die vergangene Saison stand ganz im Zeichen Ihres stürmischen Landsmannes Luca Toni, der in seinem ersten Bundesligajahr 24 Tore erzielte. Sehen Sie ihn auch als ein Phänomen?

Seine erste Saison beim FC Bayern hat mich überhaupt nicht überrascht. Er ist einer der besten Stürmer in der Welt.

Es sieht manchmal schon sehr ungelenk aus, wie er seine Tore erzielt.

Jeder Spieler ist anders. Was ihn ausmacht, ist seine besondere Antizipationsgabe, zu wissen, wohin der Ball in der nächsten Sekunde kommen wird. Er ist ein intelligenter Typ - das ist die entscheidende Sache.

Wie sehen Sie überhaupt das Niveau im europäischen Fußball - wohin geht die Entwicklung bei dieser Europameisterschaft?

Wir wissen alle, dass der Fußball immer physischer wird und höchste Ansprüche an Reaktionsschnelligkeit und Intelligenz der Spieler stellt. Aus italienischer Sicht ist diese Entwicklung allerdings auch mit einem kleinen Rückschritt verbunden. Wir haben durch die Betonung des physischen Spiels etwas an technischem Können verloren. Wir haben weiterhin sehr begabte Spieler, die allerdings immer öfter kleine technische Schwächen haben. Ich glaube deshalb, dass wir wieder mehr Augenmerk auf die technische und spielerische Ausbildung legen müssen. Wenn wir das nicht tun, dann bekommen wir auf Dauer Schwierigkeiten. Heute ist der physische Aspekt einfach zu dominant geworden - und das ist keine gute Entwicklung, wie ich finde.

Das Gespräch führte Michael Ashelm

Quelle: F.A.S.
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