25.06.2008 · Hamit Altintop ist in Gelsenkirchen geboren. Er hat in deutschen Vereinen das Fußballspielen gelernt und kickt derzeit in der Bundesliga für Bayern München. Im EM-Halbfinale spielt der Mittelfeldarbeiter aber für die Türkei gegen Deutschland.
Von Christian Kamp„Ich habe Deutschland viel, eigentlich alles, zu verdanken“, hat Hamit Altintop in diesen Tagen gesagt. Ohne Zweifel kann das für die Laufbahn des türkischen Nationalspielers stehen. Geboren 1982 in Gelsenkirchen, hat Altintop seine fußballerische Sozialisation ausschließlich in deutschen Vereinen, genauer noch: im Ruhrgebiet, erlebt.
Von Schwarz-Weiß Gelsenkirchen über Rotthausen und Wattenscheid zum größten Klub seiner Heimatstadt, dem FC Schalke 04, in die Bundesliga. Dort debütierte er im August 2003 spektakulär: mit zwei Toren im Revierderby gegen Borussia Dortmund.
Wenn man einen kompletten Fußballspieler sucht, kommt Altintop diesem Bild sehr nahe: schnell, technisch stark, torgefährlich - aber er ist auch ein Kämpfer und Arbeiter. Nur wenige Profis verbinden offensive und defensive Talente so gewinnbringend wie Altintop.
Der Wechsel zum FC Bayern München im Sommer 2007 war ein logischer, aber auch ein mutiger Karriereschritt im Alter von 24 Jahren. Letztlich setzte Altintop sich im Kampf um einen Stammplatz im Münchner Starensemble durch - auch gegen Bastian Schweinsteiger, den deutschen Wweltmeisterschafts-Helden von 2006.
Im Europameisterschafts-Halbfinale Deutschlands gegen die Türkei an diesem Mittwoch in Basel wird Altintop ganz selbstverständlich das türkische Trikot tragen. Obwohl er das Land seiner Eltern nur von Besuchen kennt, hat er sich früh für Einsätze in den türkischen Auswahlmannschaften entschieden. Altintop spricht von einem Gefühl des „Patriotismus“, das er verspüre, wenn er das Hemd mit dem Halbmond trage.
Heimat aber ist für ihn in erster Linie die Familie: seine Mutter, eine Fabrikarbeiterin (der Vater starb, als Hamit zwei Jahre alt war), sein Zwillingsbruder Halil, wie er ein Fußballprofi, seine drei Schwestern - das sind die Fixpunkte in Altintops Leben und nicht eines der beiden Länder, zwischen denen er sich als Fußballspieler entscheiden musste.
Die Türkei empfinde er als Fremde, hat er einmal gesagt. In Deutschland würden er und seine Familie immer Ausländer bleiben, ein anderes Mal. Er ist damit einer von vielen in Deutschland: von all den hochtalentierten Spielern mit türkischen Wurzeln, die von den deutschen Verbänden so lange übersehen (oder gar ignoriert) wurden - vielleicht auch das ein Grund, warum Altintop heute das türkische Trikot trägt.
Diese Europameisterschaft ist schon jetzt ein voller Erfolg für ihn. Zunächst von Nationaltrainer Fatih Terim auf der weniger geschätzten rechten Verteidigerposition eingesetzt, hat er sich längst zu einer der Führungsfiguren entwickelt. Gegen die Tschechische Republik (3:2) bereitete er alle drei Treffer vor, im Viertelfinale gegen Kroatien (3:1 im Elfmeterschießen) wurde er zum Spieler des Spiels gewählt.
Dabei wäre ihm die Teilnahme an seinem ersten großen Turnier wegen eines Mittelfußbruchs im März beinahe verwehrt geblieben. So gibt es bislang nur einen Wermutstropfen für Altintop, dessen Nachname so viel wie „Goldener Ball“ bedeutet: dass er das Erlebnis nicht mit seinem nichtnominierten Zwillingsbruder Halil teilen kann.