09.06.2008 · „Mozart, eh, isse die beste Schreiber di Noten.“ Der Trainer Giovanni Trapattoni ist Opernfreund und Klassik-Fan. Zur noch jungen EM ein Gespräch über Star-Allüren und Spielfreude - aus Gründen der Verständlichkeit etwas geglättet.
Den Verein Red Bull Salzburg hat er verlassen, um jetzt die irische Nationalmannschaft zu betreuen. Doch zur Fußball-Europameisterschaft und später zu den Salzburger Festspielen wird Giovanni Trapattoni, der erfolgreiche Trainer, wieder in der Stadt sein. Musik ist seine Leidenschaft - und so redet er auch über sie bei diesem Treffen: „Mozart, eh, isse die beste Schreiber di Noten.“ Aus Gründen der Verständlichkeit haben wir seine Worte etwas geglättet.
Signor Trapattoni, Sie haben eine Klassik-Sammlung von mehr als 2000 CDs. Für einen Fußballtrainer ein eher ungewöhnliches Hobby.
Tja, Fußballer sind leider wirklich Kulturbanausen! Sie hören keine Klassik. Wenn sie ein Buch lesen, ist das schon gut. Aber meist beschränkt sich ihre Lektüre doch auf den „Kicker“ - dort können sie nämlich nachlesen, wie sie gespielt haben und ob die anderen schlechter waren als sie selbst.
Ist das auch in Salzburg so? Hier werden ja immerhin Fußball-EM und Festspiele einander ablösen.
Ach, hören Sie auf! Die Spieler gehen nicht in die Oper. Sie wohnen in der Stadt Mozarts, der ja wirklich kein schlechter Komponist war. Aber sie kennen keine Sinfonie von ihm. Die jungen Spieler haben gar keine Geduld mehr für eine Sinfonie, die eine Stunde dauert, die man mehrmals hören muss, um sie zu verstehen. Dabei würde ihnen die Konzentration manchmal guttun. Es ist doch so: Wer Mozart hört, kann auch besser Fußball spielen. Man lernt viel über Spannungen, Tempo, Rhythmus, den Aufbau und die Strukturen. Man lernt die Logik, ein Spiel zu lesen. Für mich war das auf jeden Fall eine große Erfahrung. Ich glaube, dass ich durch die Musik als Spieler und als Mensch gewachsen bin.
Sagen Sie das auch Ihren Spielern?
Die hören das ja gar nicht, die sitzen mit ihren MP3-Playern auf der Bank in der Umkleidekabine und sind vor dem Spiel viel zu nervös. Ich sage ihnen manchmal: „Warum hört ihr nicht Bach?“ Aber es wird immer schwieriger, diese Kultur zu vermitteln, weil sich keiner mehr Zeit dafür nimmt. Man kann schneller in eine Bar gehen, da muss man sich nicht vorbereiten, oder schaltet zu Hause gleich Sky-TV oder Premiere ein, um abzuschalten. Die Spieler denken, dass ihr Leben auf dem Platz stattfindet, und merken gar nicht mehr, dass sie in der wirklichen Welt viel für ihr Spiel lernen könnten.
Wie sind Sie selbst zur Klassik gekommen?
Ich habe mit diesem Hobby angefangen, als ich selbst Spieler war. Es gab noch diese großen Platten, keine CDs. In den Trainingslagern hatte ich viel Zeit, wir mussten schon freitags da sein, aber es wurde erst am Sonntag gespielt. Und da habe ich mit Sinfonien angefangen, mit Beethoven natürlich, das sind die besten Stücke. Danach habe ich die anderen Komponisten der Reihenfolge nach gehört, von Vivaldi über Mozart und Schubert bis zum 19. und sogar 20. Jahrhundert. Ich fand es toll, durch die Geschichte zu gehen und zu sehen, wie die Musik immer komplizierter und komplexer wurde. Langsam habe ich auch gelernt, die einzelnen Dirigenten und Interpretationen auseinanderzuhalten. Und irgendwann habe ich die Strukturen der Musik verstanden. Ich finde, um all das geht es auch im Fußball, aber schon als Spieler haben die anderen mir gesagt, dass ich nicht richtig ticken würde.
Haben Sie ein Instrument gelernt?
Als ich zehn Jahre alt war, habe ich Horn gespielt, in einer kleinen Musikkapelle. Dann habe ich aber leider aufgehört, als ich mit dem Fußball angefangen habe. Als ich in Mailand wohnte, bin ich aber natürlich auch in die Scala gegangen, habe viele interessante Aufführungen gesehen, und auch hier in Salzburg genieße ich die Festspiele.
Ist ein Trainer auch ein bisschen wie ein Dirigent?
Ah certo! Schauen Sie sich die großen Orchester an, da spielen auch viele Diven, so wie auf dem Fußballplatz. Und ein guter Dirigent muss ihnen klarmachen, dass sie für ein gemeinsames Ziel spielen. Es gibt allerdings einen großen Unterschied: Eine zweite Geige wird nicht vor dem Konzert zum Dirigenten gehen und ihm sagen, dass sie heute mal erste Geige spielen will. Die Fußballer wollen alle erste Geige spielen. Oder glauben Sie, dass jemand zu Herrn Rattle kommt und fragt, warum er nur die Pizzicati spielen soll? Nein! Im Orchester ist klar, dass alle zusammenspielen. Auf dem Platz wollen sich aber alle selbst präsentieren. Sie wollen Stars sein, ins Fernsehen kommen und Werbung machen. Ich sage denen dann immer: „Du bist schön, aber die anderen sind auch nicht hässlich. Warum spielt ihr nicht einfach zusammen?“ Manchmal wünsche ich mir, dass ich die Macht eines Dirigenten hätte, dass ich an der Seitenlinie stehen könnte, dirigieren könnte und alle so spielen, wie ich das anzeige.
Fehlt es etwa an musikalischer Autorität?
Ich hatte große Stars, und ich bin sicher, dass ein Teil ihres Erfolges darin lag, dass sie akzeptiert haben, was ich ihnen gesagt habe. Früher waren wir erfolgreich, weil klar war, dass alle auf einen hören. Heute sind die Spieler nicht mehr so klug, dass sie im Kollektiv denken, sie sind egoistischer geworden und lassen sich nicht mehr so viel sagen. Musiker können sich das nicht leisten, weil es sofort jeder hören würde. Die Oboe bei den Wiener Philharmonikern wird nicht mitten in einem Konzert aufstehen und einen Alleingang machen! Im Fußball wird dieses Verhalten durch die Fans, die Medien, die Berater, die Werbeverträge gefördert - und der Trainer kann dagegen manchmal nur wenig ausrichten.
Ein bisschen ist dieses Phänomen ja auch in der Klassik zu beobachten. Früher haben Sängerinnen wie Maria Callas auf der Bühne gestanden, heute haben wir es mit Anna Netrebko . . .
Na, das ist aber eine wunderschöne Frau! Che bella! Aber klar, ich bin auch mit den Callas-Platten aufgewachsen. Ihre Stimme, die nie wirklich schön war, die aber unter die Haut gegangen ist, hat mich begeistert. Das war eine Jahrhundertstimme, so wie Karajan ein Jahrhundertdirigent und Pelé ein Jahrhundertfußballer war. Das gibt es nicht in jeder Generation. Aber mich kümmert das nicht, dann sehe ich mir diese hübsche Russin eben an und freue mich, dass sie einfach toll aussieht.
Glauben Sie, dass in der Klassik heute die Seele fehlt?
Das kann ich nicht sagen, aber natürlich hat sich viel verändert: Früher standen beim Fußball 22 Männer auf dem Feld, und der Ball musste irgendwie ins Tor. Das war spannend und archaisch. Heute haben wir es mit Psychologen, Physiotherapeuten und Taktikern zu tun. Und in der Musik ist das ja ähnlich. Dort geht es immer mehr um Technik, um die richtigen Noten, darum, klug zu sein - und manchmal bleibt die Emotionalität, das Rauhe, auf der Strecke. Man kann das beklagen, aber die Welt bleibt nun einmal nicht stehen. Es kann sein, dass der Fußball heute nicht mehr so schön ist wie früher, aber man kann auch nicht mehr gewinnen, wenn man spielt wie gestern. Und das ist ja auch das Tolle an der Musik: Die Leute spielen die gleichen Noten wie früher, aber sie klingen anders. Außerdem versucht das Regietheater, die Dinge neu zu lesen. Ich habe den „Don Giovanni“ in Salzburg gesehen und muss sagen, dass mir die alten Kostüme natürlich viel besser gefallen, aber ich muss das andere auch sehen - das ist schließlich unsere Gegenwart. Im Herzen bleibe ich aber ein Romantiker. Ich liebe die großen Themen, die großen Motive. Gegenwartsmusik ist für mich eher eine Herausforderung.
Die Musik versteht sich als Kultur - also als Kunst, die die Welt bewegen, erklären und deuten will. Ist der Fußball in diesem Sinne auch eine Kunst?
Das Problem ist, dass viele Sportler sich dessen gar nicht bewusst sind. Sie denken, sie können alles - aber sie verstehen nicht, dass das Leben schnell wegläuft. Ihr Leben findet im Stadion statt und nicht in der Welt. Dabei verpennen sie dann so ziemlich alles, was wichtig für ein modernes Fußballspiel ist. Ich sage den Spielern oft, dass andere denken, wenn sie schlafen, dass sie verfolgen müssen, wie die Welt sich dreht, dass sie nicht stehenbleiben können. Gute Spieler kennen die Welt, die Entwicklungen, wissen, dass sich dauernd etwas ändert, und holen sich die Inspiration für ihr Spiel im Leben. Und letztlich sind Sportler ja auch öffentliche Menschen, sie treffen Politiker, Künstler, Journalisten. Da können sie nicht nur über Fußball reden. Sie müssen doch eine Meinung zur Welt haben, zu dem, was in China, in Südafrika oder sonstwo passiert, sie sollten die Literatur und die Musik kennen - aber das ist leider nur sehr selten der Fall.
Mit über zwanzig Titeln sind Sie nicht nur der erfolgreichste Trainer der Welt, sondern auch ein Urgestein in der neuen Fußball-Welt.
Mein Vorteil ist, dass ich viel Erfahrung habe. Ich habe viele Narben im Gesicht. Ich habe viele Endspiele verloren, aber ich weiß, dass ich den Fehler nicht mehr machen muss. Bei einem Dirigenten ist das ja ähnlich: Schauen Sie, wer dringt denn tief in die Musik ein? Meist sind das doch die alten Dirigenten, die Urgesteine wie Claudio Abbado oder Nikolaus Harnoncourt. Die sind sogar älter als ich.
Interessant: Fußballer meiden die Klassik, aber Klassik-Stars sind große Fußball-Fans. Während der EM werden Domingo, Villazón und Netrebko singen.
O ja, und Luciano Pavarotti war ein sehr guter Freund von mir. Als ich Juventus trainiert habe, war er einer der größten Fans. Er war oft im Stadion, und nach den Spielen hat er mir immer Geschenke mitgebracht, viele neue CDs, auf die er schrieb: „Von Luciano für Giovanni“. Darauf bin ich sehr stolz. Ich habe auch Domingo getroffen und die hübsche Netrebko. Fußball ist eben ein sehr populäres Spiel. Alle können über Fußball sprechen. Und warum? Weil alle irgendwann einmal auf der Straße Fußball gespielt haben, weil es ein menschlicher Reflex ist, gegen Dinge zu treten. Wir sagen ja auch, dass es in Italien sechzig Millionen Trainer gibt - aber keiner von ihnen würde sich zutrauen, an der Scala zu dirigieren. Obwohl fast jeder unter der Dusche singt. In der Musik weiß jeder, dass man etwas lernen, können und wissen muss. Beim Fußball denken alle: Das kann ich auch.
Sie sind ein sehr emotionaler Mensch. Ihre Pressekonferenz, auf der Sie die Bayern-Spieler „wie Flasche leer“ beschimpft haben, hat Fußballgeschichte geschrieben. Ist Ihr Leben eine Oper?
Ich bin auf jeden Fall spontan, und ich lebe den Moment, in dem ich mich gerade befinde. Und so wie in der Oper habe ich keine Angst vor meinen Gefühlen. Aber das ist nur meine Spontaneität, das ist kein Theater. Das bin ich und kein Opernsänger. Aber auch in der Oper kann man ja nicht nur emotional sein, das wäre langweilig. Man braucht Ruhephasen, eine musikalische Struktur, eine Form, in der die Gefühle sich entwickeln können. Und deshalb bin ich natürlich auch nicht nur emotional, sondern versuche immer wieder, mich zu konzentrieren und zu kontrollieren. Das sage ich auch den Spielern: Wer nur emotional spielt, vergisst, dass Fußball die Taktik, den Aufbau, die Struktur braucht. Das sind die Grundlagen für Tore.
Was haben Sie sonst noch aus der Musik für den Sport gelernt?
Ich habe verstanden, dass jede musikalische Kultur den Charakter einer Bevölkerung spiegelt. Ich war in Südamerika, in Brasilien, in Venezuela und Afrika - und ich wollte immer verstehen, wie die Leute leben, was sie bewegt, wie ihre Mentalität ist. Viele Antworten findet man in der Musik. Ich habe die kulturellen Stimmungen verstanden, und die lassen sich auch wieder auf den Fußball übertragen. Es gibt einen brasilianischen Stil, einen italienischen, einen deutschen . . .
Sie meinen, deutscher Fußball ist wie Wagner?
Ich mag Wagner nicht gern, vielleicht spielt man in Deutschland eher wie Beethoven - wie seine fünfte Sinfonie. Da-da-da-daaaa!
Und welche Musik bevorzugen Sie persönlich?
Ich selbst mag das 18. Jahrhundert. Da kann ich entspannen - Mozart war ein Gott, und ich liebe Vivaldis „Jahreszeiten“, aber auch die siebte Sinfonie von Schubert, Beethovens Neunte, und natürlich Bach, an dem ich mich nicht satt hören kann. Bei ihm merkt man, dass das eigene Gehirn immer größer wird.