26.06.2008 · Früher konnten Fußballer die Presse nicht boykottieren. Früher redete nämlich die Presse nicht mit Fußballern. Mittlerweile wird so viel geredet, dass manche schon wieder schweigen, oder Jux-Systeme erfinden, oder sich in Wort-Sudokus hüllen.
Von Christian EichlerHier mal eine Frage in eigener Sache: Wozu braucht man eigentlich Journalisten bei einer EM? Solche Fragen werden gern von älteren Tanten gestellt, die nicht ganz zu Unrecht finden, dass die Spiele ja auch im Fernsehen liefen und der Jogi Löw und die anderen danach doch immer so nett bei der Monica Lierhaus säßen und man sich die ganzen Reisestrapazen doch gleich ersparen könnte, man erfährt doch so auch alles. Nun, dagegen gibt es zwar einige Argumente, vor allem das, sich selber ein Bild zu machen. Aber es gibt auch Momente, in denen man denkt: Manchmal haben Tanten recht.
Früher konnten Fußballer die Presse nicht boykottieren. Früher redete nämlich die Presse nicht mit Fußballern. Erst in den sechziger Jahren fing man an, sie über ihre Leistungen zu befragen - während bis heute kein Theaterkritiker einen Schauspieler fragt, wie er ins Spiel gekommen sei. Den ersten großen Presseboykott rief Enzo Bearzot bei der WM 1982 ins Leben, weil die italienische Presse sein Team nach einer schlimmen Vorrunde verrissen hatte. Italien schwieg und wurde Weltmeister.
Ein Wort-Sudoku nach dem anderen
Bei der EM versuchten das einige zu kopieren. Die Türken redeten lange Zeit nicht mit der heimischen Presse, und wenn, dann so wie Trainer Terim auf die Frage nach der Taktik fürs Tschechien-Spiel: „Ob 4-8-9 oder 9-2-3, das könnt ihr doch selbst entscheiden.“ Griechen-Kollege Rehhagel schwieg gleich ganz.
Die Franzosen servierten in Gestalt ihres Rätsel-Trainers Domenech ein Wort-Sudoku nach dem anderen, verdonnerten das Hotelpersonal zum Schweigen gegenüber den Reportern, und zu den Pressekonferenzen brachten sie am liebsten diejenigen dritten Torhüter oder vierten Innenverteidiger, die als EM-Sammelbildchen bei jedem Grundschüler ganz hinten im Tauschpacken landen. Die Holländer sprachen das letzte Mal drei Tage vor der EM freiwillig mit der Presse, danach gab es nur noch die Pflichttermine der Uefa. Am Ende war es, was es am Ende immer ist, frei nach Hannibal Lecter: das Schweigen der Belämmerten.
Otto Rehhagel: null Punkte, neun Tage Schweigen
Die Russen übrigens sind noch in einem ganz glücklich prähistorischen Zustand der Pressearbeit: Bei ihnen reden überhaupt nur drei Spieler mit Reportern. Und weil das ganz selbstverständlich ist, verschanzen sie sich auch nicht wie westliche Kollegen hinter Kopfhörern oder angeblichen Telefonaten, wenn sie schweigend an den Journalisten vorbeigehen. Sie gehen einfach schweigend vorbei. Stürmer Pawljutschenko hat eine gute Begründung dafür, er ist nämlich abergläubisch. Die paar Male, als er mit der Presse sprach, hat er danach immer verloren.
Otto Rehhagel stellte zwei Rekorde dieser EM auf: null Punkte, neun Tage Schweigen. Als er dann redete, sagte er Sachen wie: „Die Akropolis steht schon seit 3000 Jahren da. Und in 200 Jahren sind wir alle nicht mehr da, aber die Akropolis steht immer noch.“ Das aber weiß die Tante auch. Die war schon da, als Rehhagel noch Anstreicher war.