25.05.2008 · Die Teilnahme an der Euro sicherte sich die Türkei erst auf den letzten Drücker. Dennoch ist der Enthusiasmus grenzenlos. Die Chancen scheinen auf den ersten Blick gering, doch Trainer Terim hat einen Trumpf im Ärmel. Teil 3 der FAZ.NET-Euro-Vorschau.
In der fußballverrückten Türkei sind Fußballspieler an einem Tag Könige, am anderen Tag Bettler. Diese Extreme gelten vor allem für Profis, die sich das rote Trikot der „Milliler“, der türkischen Nationalmannschaft, überstreifen dürfen. Die lange Zeit schwachen Auftritte in der Euro-Qualifikation gerieten zum Spießrutenlauf für die Spieler, nach dem auf den letzten Drücker gelösten Euro-Ticket ist das Land am Bosporus wieder einem nahezu grenzenlosen Enthusiasmus verfallen.
Alles andere als der Viertelfinaleinzug bei der dritten Euro-Teilnahme wäre für die türkische Öffentlichkeit eine herbe Enttäuschung. Nach dem schmerzlichen und skandalbegleiteten Scheitern in der WM-Qualifikation gegen die Schweiz wollen die Türken beweisen, dass der dritte Platz bei der WM 2002 keine Eintagsfliege war.
„Alle Spieler sollten überall sein - außer der Torwart“
Selbst der eher zurückhaltene Nationaltrainer Fatih Terim meinte: „Ich bin mir sicher, dass wir eine beeindruckende Leistung abliefern werden.“ Doch es bestehen Zweifel, ob der türkische Kader diesen hohen Ansprüchen genügt. Die Gruppe A mit Gastgeber Schweiz, Vize-Europameister Portugal und Tschechien ist stark besetzt, der erfolgreiche Qualifikationsendspurt mit zwei knappen Siegen in Norwegen (2:1) und gegen Bosnien (1:0) konnte die Abstimmungsprobleme zwischen den Mannschaftsteilen nicht verbergen.
„In der Defensive haben wir zuletzt weniger Fehler gemacht, aber in der Vorwärtsbewegung waren noch schwere Schnitzer dabei“, sagte Terim und forderte mehr Laufbereitschaft: „Mit Ausnahme des Torwarts sollten alle Spieler überall auf dem Platz zu finden sein.“ Die Torhüterposition ist eine Schwachstelle, denn keiner der drei eingesetzten Keeper konnte in der Qualifikation restlos überzeugen. Beim Endturnier dürfte wohl Volkan Demirel den Vorzug erhalten.
„Nihat kann mit allen Top-Stürmern Europas mithalten“
In der Offensive ruhen die Hoffnungen dieses Mal nicht allein auf Rekordtorjäger Hakan Sükür, obwohl der 36 Jahre alte „Bulle vom Bosporus“ trotz vieler Kritiker mit einer Euro-Nominierung rechnen darf. Terims Trumpf im Angriff heißt Nihat Kahveci, der nach seinem zweiten Kreuzbandriss rechtzeitig fit wurde, um sein Team mit den zwei Siegtreffern gegen Norwegen und Bosnien zu retten.
„Nihat kann mit allen anderen Top-Stürmern Europas mithalten“, sagte Terim über den dribbel- und schussstarken Stürmer des FC Villarreal. Hamit Altintop, der sich Ende März einen Mittelfußbruch zuzog, konnte noch auf den Euro-Zug aufspringen, obwohl Terim erklärte: „Ich werde nur Spieler mitnehmen, die topfit sind.“ Seinen Zwillingsbruder Halil sortierte Terim dagegen aus.
Der „Imperator“ Terim und seine kompromisslose Art
Die größten Spekulationen gibt es jedoch um Terim selbst. Ob der 54-Jährige auch nach der Euro weiter auf dem Trainerstuhl sitzt, ist mehr als fraglich. Angeblich sollen sich italienische Vereine und sogar der englische Topklub FC Chelsea um seine Dienste bemühen.
„Ich verhandle nicht mit anderen Mannschaften, wenn ich selbst noch ein Amt habe“, sagte Terim zwar, doch einiges deutet auf Abschied hin, zumal der lange Zeit unantastbare „Imperator“ mit seiner kompromisslosen Art („Ich lasse mich nicht belehren, wenn, dann belehre ich euch“) in der Öffentlichkeit nicht mehr unumstritten ist.
DIE FAZ.NET-PROGNOSE:
Die Türkei schickt keine schlechte Mannschaft ins Rennen. Doch dass es zur absoluten Spitze nicht reicht, wurde in der recht holprig durchlaufenen Qualifikation deutlich. Zudem sind die Gruppengegner Schweiz, Tschechien und vor allem Portugal einfach die besseren Teams. Allein, wenn im ersten Spiel gegen die favorisierten Portugiesen eine große Überraschung gelingt, darf man am Bosporus vom Viertelfinale träumen. Realistisch gesehen, wird die Türkei aber nach der Vorrunde als Tabellenletzter die Heimreise antreten.
Der Vorrunden-Spielplan der Türkei:
07. Juni - Gruppe A in Genf: Portugal - Türkei (20.45 Uhr)
11. Juni - Gruppe A in Basel: Schweiz - Türkei (20.45 Uhr)
15. Juni - Gruppe A in Genf: Türkei - Tschechien (20.45 Uhr)
Viertelfinale:
19. Juni in Basel: Sieger Gruppe A - Zweiter Gruppe B (20.45 Uhr)
20. Juni in Wien: Sieger Gruppe B - Zweiter Gruppe A (20.45 Uhr)
Halbfinale:
25. Juni in Basel: Sieger Viertelfinale 1 - Sieger Viertelfinale 2 (20.45 Uhr)
Finale:
29. Juni in Wien: Sieger Halbfinale 1 - Sieger Halbfinale 2 (20.45 Uhr)
Alle Spiele, alle Tore - Die Türkei bei der Euro im FAZ.NET-Liveticker