31.05.2008 · Von fußballerischen Leckerbissen ist bei den Niederlanden nicht mehr viel zu sehen. Alleine die sichere Defensive macht Hoffnung in der Todesgruppe. Doch im Mittelpunkt steht der scheidende Trainer - und andere Konflikte. Teil 9 der FAZ.NET-Euro-Vorschau.
Eine Umfrage des Fachmagazins „Voetbal International“ offenbarte die derzeitige Stimmungslage bei den Oranje-Fans. 60 Prozent rechnen mit einem Ausscheiden der niederländischen Nationalmannschaft in der Vorrunde der Fußball-Europameisterschaft - Begeisterung sieht anders aus.
So, wie sich der niederländische Fußball derzeit präsentiert, gibt es aber auch nicht allzu viel Anlass zu Träumereien. Es wird gestritten und gestänkert - Schlagzeilen liefert die Elftal meist nur außerhalb des Spielfelds. Im Mittelpunkt der Querelen steht dabei Bondscoach Marco van Basten, der längst nicht mehr unumstritten ist.
„Die Leute müssen mich akzeptieren, wie ich bin“
Sogar für „König“ Johan Cruyff, der den früheren Weltfußballer quasi ins höchste Amt gehievt hatte, wirft van Basten zunehmend Rätsel auf. Reihenweise legte sich der frühere Weltklasse-Stürmer mit seinen Stars an. Zwischen ihm und Bayern-Star Mark van Bommel ist das Tischtuch zerschnitten, Torjäger Ruud van Nistelrooy wurde zwischenzeitlich aussortiert, Clarence Seedorf lag mit dem eigenwilligen Coach im Clinch und verzichtete auf einen Euro-Einsatz.
Den letzten Ärger gab es mit Arjen Robben, der van Basten nach der Nicht-Nominierung für das Länderspiel in Österreich (4:3) fehlende Kommunikation vorwarf. Van Basten lässt dies alles kalt. „Die Leute müssen mich akzeptieren, wie ich bin“, sagt der 43-Jährige. Nach der Euro-Endrunde räumt er ohnehin seinen Stuhl für den früheren Dortmunder Coach Bert van Marwijk. Van Basten wechselt zu seinem Stammverein Ajax Amsterdam - allerdings ohne Cruyff.
Auch die Ergebnisse der „Elftal“ waren dürftig
Der Vize-Weltmeister von 1974 lehnte einen offiziellen Posten beim Rekordmeister ab - wegen unüberbrückbaren Meinungsverschiedenheiten mit van Basten, wie zu hören war. Als van Basten 2004 die Nachfolge von Dick Advocaat antrat, waren die Erwartungen groß. Man wolle wie das Team von 1974 mit Angriffsfußball das Publikum begeistern, hatte er vollmundig angekündigt.
Doch vom einst so großartig zelebrierten Angriffsfußball der Niederländer, war das Oranje-Team in den zurückliegenden dreieinhalb Jahren so weit entfernt wie Österreich von der Weltspitze. Dürftig waren auch die Ergebnisse. Bei der WM war im Achtelfinale (0:1 gegen Portugal) Endstation, die WM-Qualifikation meisterten die Niederländer gerade einmal als Gruppenzweiter.
„Wir haben viele junge Spieler mit großen Qualitäten“
So will van Basten von Titelträumen auch gar nichts wissen. „Wir haben viele junge Spieler mit großen Qualitäten. Sie müssen noch Erfahrung sammeln, dann haben wir wieder Chancen bei einem großen Turnier“, analysiert der Coach, der seine Arbeit erst nach der Euro bewertet wissen will.
Schwer genug, wird es ohnehin. In der Hammergruppe C warten immerhin Weltmeister Italien, Vize Frankreich und Rumänien. „Der Euro-Titel wäre ein Traum. Eine Europameisterschaft ist genauso schwer zu gewinnen wie eine WM“, sagt HSV-Star Rafael van der Vaart.
Das Gerüst wird von erfahrenen Spielern gebildet
Der Mittelfeldspieler ist eine feste Größe im Team des Europameisters von 1988, auch seine Hamburger Teamkollegen Joris Mathijsen und Nigel de Jong sind bei der Euro dabei. Das Gerüst der Mannschaft wird dabei von erfahren Akteuren gebildet.
Im Tor ist Edwin van der Sar (Manchester United) gesetzt, dazu sollen Giovanni van Bronckhorst (Feyenoord Rotterdam) und Torjäger Ruud van Nistelrooy (Real Madrid) der Mannschaft Stabilität verleihen. Hinzu kommen Jungstars wie Klaas Jan Huntelaar (Ajax Amsterdam) oder Wesley Sneijder (Real Madrid).
DIE FAZ.NET-PROGNOSE:
Die Niederländer sind nicht nur für schönen, sondern auch für erfolgreichen Fußball bekannt. Trotz der Unruhe um die Mannschaft und den scheidenden Trainer Marco van Basten zählt die „Elftal“ zum engeren Favoritenkreis. Doch schon das Überstehen der Vorrunde in der Todesgruppe C wird schwer. Pech haben die Niederländer, dass sie gegen den vermeintlich schwächsten Gegner Rumänien zuletzt spielen müssen - da könnte schon alles zu spät sein. Wenn nicht, könnte es zum Weiterkommen reichen. Doch es wird ganz, ganz knapp.
Der Vorrunden-Spielplan der Niederlande:
09. Juni - Gruppe C in Bern: Niederlande - Italien (20.45)
13. Juni - Gruppe C in Bern: Niederlande - Frankreich (20.45)
17. Juni - Gruppe C in Bern: Niederlande - Rumänien (20.45)
Viertelfinale:
21. Juni in Basel: Sieger Gruppe C - Zweiter Gruppe D (20.45)
22. Juni in Wien: Sieger Gruppe D - Zweiter Gruppe C (20.45)
Halbfinale:
26. Juni in Wien: Sieger Viertelfinale 3 - Sieger Viertelfinale 4 (20.45)
Finale:
29. Juni in Wien: Sieger Halbfinale 1 - Sieger Halbfinale 2 (20.45)