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EM-Kommentar Phantastisch rätselhaft

27.06.2008 ·  Die deutsche Mannschaft kann alles. Das Problem ist nur, dass die deutsche Mannschaft ihre Qualitäten nie auf einmal zeigt. Gleiches gilt zum Glück auch für die Schwächen. Nun haben sie ihrem Ruf als Turniermannschaft wieder alle Ehre gemacht.

Von Michael Horeni
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Die deutsche Mannschaft kann alles. Sie ist meisterhaft effizient. Sie kombiniert rasend schnell und präzise. Ihre Verteidigung legt die besten Stürmer der Welt an die Kette. Sie hat einen Torwart, der Souveränität ausstrahlt, und einen Kapitän im Mittelfeld, um den sie von der Fußballwelt beneidet wird. Die Mannschaft zeigt eine phantastische Einstellung und Dynamik von der ersten Minute an. Das Team wird von einem emotionalen Trainer geführt, der erstklassige taktische Lösungen findet und bei Einwechslungen ein goldenes Händchen besitzt. Mit all diesen Qualitäten kommt man ins Finale einer Europameisterschaft - und gewinnt es.

Das Problem ist nur, dass die deutsche Mannschaft ihre Qualitäten nie auf einmal zeigt. Aus dem Sommermärchenfußball ist bei der Europameisterschaft ein Wundertütenfußball geworden, der das Land zwar vollkommen beglückt, aber Voraussagen über die Qualität und Richtung der Auftritte des Teams bisher ziemlich unmöglich gemacht hat.

Die Mannschaft von Joachim Löw bleibt ein Rätsel

Denn es gibt bei dieser Europameisterschaft auch noch eine andere deutsche Mannschaft. Dieses Team geht spannungsarm und nervös in ein Spiel. Diese Mannschaft hat eine Abwehr, die zu langsam reagiert, sich immer wieder in Gefahr bringen lässt und von ihrem Torwart umgerannt wird. Sie hat ein löchriges Mittelfeld und einen Angriff mit verzagenden Torjägern. Diese Mannschaft wird von einem Trainer technokratisch gecoacht, der mit Auswechslungen danebenliegt. Mit all diesen Schwächen scheidet man bei einer Europameisterschaft früh aus.

Der große Vorteil ist nur, dass die deutsche Mannschaft auch ihre Schwächen nie auf einmal gezeigt hat. Es bleibt somit zwar ein Rätsel, wie die Auswahl von Bundestrainer Joachim Löw es bei diesem Turnier anstellt, innerhalb von wenigen Tagen all ihre guten und schlechten Vorstellungen in sich zu vereinigen. Als müder Favorit ein 1:2 gegen Kroatien, aber auch ein 1:0 gegen Österreich, als topmotivierter und spielstarker Außenseiter ein grandioses 3:2 gegen Portugal - und nun wiederum als Favorit ein bang erkämpftes 3:2 gegen die Türkei. Aber am Ende gelang es der Mannschaft und Löw am Ende trotzdem, immer das entscheidend richtige Ergebnis hervorzubringen, um damit nun den größten Erfolg im deutschen Fußball seit dem EM-Titelgewinn vor zwölf Jahren anzupeilen.

Für Sonntag bedeutet dies gar nichts - und das ist gut so

Es gibt keinen Zweifel, dass der Bundestrainer und seine Mannschaft bei einem Turnier von höchster Qualität gemeinsam vollbracht haben, woran alle anderen großen Fußballnationen sang- und klanglos gescheitert sind. Die Deutschen hatten ihre wiederkehrenden Schwächen, ihnen fehlte die Konstanz, die Stringenz, die große Linie - aber was heißt das schon, wenn Holländer, Italiener, Franzosen und Portugiesen es nicht einmal schafften, auch nur einen einzigen Tag der Schwäche erfolgreich zu überspielen? Die lernfähigen und trotzdem vor Fehlern nicht gefeiten Deutschen sind bei dieser Europameisterschaft mal wieder zur Turniermannschaft par excellence geworden.

Für das Endspiel am Sonntag in Wien bedeutet das bei dieser deutschen Achterbahn-EM aber rein gar nichts - außer großer Spannung und viel Hoffnung. Fußball bleibt, auch wenn er immer mehr als Wissenschaft daherkommt, manchmal eben doch ein großes Rätsel. Und das ist auch gut so.

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