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Oliver Bierhoff „Es gibt mehr Hunger auf Erfolg als 1996“

09.06.2008 ·  Lukas Podolski hat Oliver Bierhoff als letzten Schützen eines deutschen Siegtreffers bei einer Europameisterschaft abgelöst - zur Freude des heutigen Teammanagers der Nationalmannschaft. Bierhoff vergleicht die DFB-Auswahl im FAZ.NET-Gespräch sogar mit dem Europameisterteam von 1996.

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Lukas Podolski hat Oliver Bierhoff als letzten Schützen eines deutschen Siegtreffers bei einer Europameisterschaft abgelöst - zur Freude des heutigen Teammanagers der Nationalmannschaft. Der 40 Jahre alte ehemalige Nationalspieler und Europameister von 1996 sieht seine Mannschaft auf einem guten Weg. Bierhoff vergleicht die DFB-Auswahl im FAZ.NET-Gespräch sogar mit dem Europameisterteam von 1996.

In der Heimat verfolgten bis zu 26 Millionen Fans vor dem Fernseher das Spiel gegen Polen. Was sagen Sie zu dieser EM-Begeisterung?

Mit einer solchen Einschaltquote konnte man beim ersten Spiel nicht rechnen. Das spricht für den Stellenwert der Nationalmannschaft und die Verbundenheit zwischen Mannschaft und Fans. Es gab ja wohl auch schon Autokorsos in Deutschland. Dies muss die Mannschaft, die genau weiß, dass sie nur einen ersten Schritt gemacht hat, zusätzlich beflügeln.

Haben Sie eine Erklärung dafür, warum im Stadion in Klagenfurt am Sonntagabend mehr polnische als deutsche Anhänger zu sehen waren? Die Karten sind doch von der Uefa gleich verteilt worden.

Ich kann es nicht sagen. Wir hatten aber auch so eine sehr gute und tolle Unterstützung durch unsere Fans. In den vergangenen zwei Jahren hat sich die Auslandspräsenz unserer Fans noch einmal verstärkt. Die Choreographien in der Kurve auch bei Auswärtsspielen werden immer sehenswerter, das war auch gegen Polen schön zu beobachten. Unsere Fans haben so laut gesungen, dass ich nicht das Gefühl hatte, es handelte sich um ein Auswärtsspiel. Und selbst wenn es so gewesen sein sollte: es war kein Hindernis für unsere Mannschaft. Deswegen sehe ich auch dem Spiel gegen die Kroaten, die wohl auch viele Fans mitbringen werden, optimistisch entgegen.

Für alle Beteiligten war es ein sehr langer Tag. Die Spieler müssen nach der Rückkehr ins Hotel in Ascona doch sofort hundemüde ins Bett gefallen sein, oder?

Die Stimmung war schon direkt in der Kabine sehr gut. Man hat unseren Leuten die Erleichterung angemerkt, ihre Zufriedenheit war überall spürbar. Wir haben noch im Bus auf dem Weg zum Flughafen gleich ein kleines Ständchen für Miroslav Klose gesungen, der heute seinen dreißigsten Geburtstag feiert. Um viertel nach zwei waren wir dann im Hotel. Die Organisation war perfekt, vom Stadion hat uns die Kärntner Polizei gut weggebracht. Als wir ankamen, gab es noch ein bisschen was zu Essen. Einige Spieler sind dann wach geblieben, sie waren zu aufgedreht und haben mit den Betreuern gesprochen, andere gingen sofort schlafen. Morgens war bis 11.30 Uhr frei, jeder konnte frühstücken, wann er wollte. Heute Mittag haben alle Freizeit, erst abends müssen alle wieder zusammen beim Essen erscheinen.

Lukas Podolski hat nicht nur mit den beiden Toren beeindruckt, sondern auch mit seinen Gesten, mit seinem verhaltenen Jubel, den er mit seinen Gefühlen dem polnischen Volk gegenüber begründete. Wie beurteilen Sie das?

Jeder Spieler muss selbst entscheiden, wie er jubelt. Dass Lukas eine sehr enge Beziehung zu Polen hat, ist ja nichts Neues. Man merkte, dass er vor dem Spiel sehr angespannt und konzentriert war. Ein Jubel muss nicht immer riesig sein. Man kann auch verhalten jubeln. Für uns war wichtig, dass er die Tore geschossen hat. Wie er jubelt, ist eigentlich relativ unwichtig. Ich bin generell froh, dass dieses Spiel nicht nur schön und interessant war, sondern eben auch fair. Es wurde im Vorfeld ja auch Brisanz durch die Medien reingebracht. Podolski ist es ein Anliegen, dass wir auch gegen Kroatien gewinnen und damit den Polen helfen. Ihnen drückt er fest die Daumen, dass sie ins Viertelfinale kommen.

Das 2:0 war der erste EM-Sieg seit dem Titelgewinn 1996, an dem Sie nicht ganz unbeteiligt waren. Gibt es Parallelen zu der Erfolgsmannschaft von damals?

Es ist immer schwer, Vergleiche zu ziehen. Uns ist der gleiche Start wie vor zwölf Jahren gelungen, das ist schon mal nicht schlecht. Der Wille der Mannschaft, ein gutes Turnier zu spielen, ist sicher genauso groß wie 1996. Wir sind aber zunächst einmal froh, dass der Fluch der vielen Jahre ohne Sieg beseitigt wurde. Das bestätigt uns in all unseren Planungen, die ja auch kritisch hinterfragt wurden. Alle Maßnahmen haben gezogen, das ist fast schon ein bisschen beängstigend. Es lief bisher alles perfekt. Auch jetzt nach dem Polen-Spiel stehen dem Trainer 23 Spieler zur Verfügung, die vollkommen fit sind. Wir arbeiten sehr präzise - auch das ist eine Ähnlichkeit zu 1996, als wir sehr fokussiert und zielstrebig unseren Plänen nachgegangen sind. Aber die Mannschaft ist eine andere. 1996 hatten wir viele erfahrene Spieler, die teilweise mit ihren Vereinen und der Nationalmannschaft schon große Titel gewonnen hatten. Die heutige Mannschaft ist eine wunderbare, aber andere Gruppe. Die Stimmung ist die gleiche, aber es ist ein bisschen mehr Hunger und Neugierde auf den Erfolg vorhanden, als es 1996 der Fall war.

Sind die Reisestrapazen aus dem Teamhotel in der Schweiz zu den Spielorten nach Österreich und nachts wieder zurück nicht zu groß?

Ich sehe keine Probleme. Unsere Reisebedingungen sind gut. Wenn man gewinnt, fällt einem das ganze nicht so schwer. Wir haben uns im Vorfeld viele Gedanken gemacht, wo wir unser Quartier aufschlagen sollen, die einzigen Alternativen wären Basel oder Wien gewesen, dort haben wir aber nichts Passendes gefunden. Im Tessin ist das Ambiente ganz ruhig und dadurch intensiv. Die Ortswechsel, die uns noch bevorstehen, sind gut: sie wecken wieder auf und steigern die Aufmerksamkeit.

Nach der Halbzeitpause hatte man das Gefühl, dass die Mannschaft wankte, sie fiel aber nicht um und kämpfte sich wieder zurück. Ein Indiz für den guten Fitnesszustand?

Wir hatten weniger Zeit als bei der WM, um uns vorzubereiten. Insgesamt fehlten fünf Tage. Deswegen wirkte die Vorbereitung für viele Spieler intensiver. Unsere Basis, die wir in Mallorca gelegt haben, wird sich bei diesem Turnier auszahlen, davon bin ich überzeugt. Natürlich stellen wir uns aber auch die Frage, warum wir vor und nach dem Seitenwechsel zu passiv waren. Es war vielleicht eine Kopfsache nach den vielen vergebenen Chancen. Es zeichnet jedoch eine gute Mannschaft aus, dass sie sich nicht verunsichern lässt und wieder zu ihrem Rhythmus findet.

In der zweiten Halbzeit gab es Zoff zwischen Torsten Frings und Bundestrainer Joachim Löw, die sich mehrmals lautstarke Auseinandersetzungen lieferten. Wissen Sie, was der Grund war?

Ich kann es nicht sagen. Ich wünsche grundsätzlich aber immer Trainer und Spieler mit Emotionen. Hinterher war das jedenfalls kein Thema, man hat nur zufriedene Gesichter gesehen: bei Joachim Löw und auch bei Torsten Frings.

Aufgezeichnet von Marc Heinrich.

Quelle: FAZ.NET
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