15.06.2008 · Die deutsche Elf steckt in der Krise: In der Gerüchteküche brodeln schon die Namen möglicher Nachfolger von Bundestrainer Joachim Löw. Auch Kapitän Michael Ballack steht vor dem Duell gegen den Alpenriesen Österreich in der Kritik.
Von Marc Heinrich, AsconaDie deutsche Mannschaft steckt in der ersten echten Krise der Ära Joachim Löw. Spieler und Verantwortliche sind trotzdem davon überzeugt, dass die Europameisterschaft für sie nicht am Montag gegen Österreich zu Ende gehen wird. Allen voran Kapitän Michael Ballack.
Nur einen Punkt braucht die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) gegen die Elf des Mitveranstalters, um das Viertelfinale zu erreichen. Ein mageres 0:0 würde schon genügen. Vor ein paar Tagen hätte diese Aussicht Tausende von Fans vor Ort in den beiden Alpenrepubliken und Millionen Anhänger in der Heimat noch heftig amüsiert. Doch seit der Blamage gegen Kroatien ist tatsächlich vom Ausscheiden die Rede. Und, was vor kurzem noch viel undenkbarer war, von einem möglichen Ende der Ära Löw.
Sammer brodelt als Nachfolger in der Gerüchteküche
Auf dem Boulevard in Deutschland werden schon potentielle Nachfolgekandidaten gehandelt. Der Name von Matthias Sammer, der seinen Vertrag beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) unlängst bis 2013 verlängerte, fällt dabei immer wieder. Vor der finalen Vorrundenpartie der Gruppe B verschoben sich alle bis vor kurzem gültigen Relationen. Die Pleite gegen die Elf von Slaven Bilic erschütterte die bis dahin heile und glückselige Fußball-Welt wie ein mächtiger Erdstoß.
Aus dem Zwerg Österreich, der Nummer 92 (!) der Weltrangliste des Internationalen Fußball-Verbandes, ist nach zwei Turnierauftritten ohne Sieg und nur einem Tor durch einen unberechtigten Elfmeter ein Alpenriese von der Größe des Großglockner geworden, während die „Piefkes“, immerhin dreimal Weltmeister, zu einem Pimpfen geschrumpft scheinen. Gerade Ballack, daran ließ auch Assistenztrainer Hansi Flick am Sonntag vor dem Training keinen Zweifel, ist gefordert, dass dieser Spuk schleunigst ein Ende hat.
„Wir werden den Druck aushalten“, verkündete Ballack am Morgen, wenige Stunden vor dem Abflug zum Spielort Wien, im Brustton der Überzeugung. „Schwere Momente haben wir schon einige überstanden“, sagte auch Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff. „Die Mannschaft braucht jetzt Druck“, meinte er. „Viele Sachen entstehen unter Druck: Öl, Diamanten, solche Sachen.“
Bierhoffs Botschaft zwischen den Zeilen: Übersteht das Team diesen ultimativen Stresstest, kann die Erfahrung, wie man sich am eigenen Schopf aus dem Schlammassel zieht, noch richtig wertvoll werden für den weiteren Verlauf des Turniers (Siehe: Bierhoff-Interview: „Es ist das wichtigste Spiel der Ära Löw“). Aber eine auch nur in Ansätzen vergleichbare Situation gab es in der Amtszeit des Bundestrainers Joachim Löw noch nicht. Die letzte Krise der Nationalelf wurde Monate vor der Weltmeisterschaft durch das 1:4-Desaster gegen Italien in Florenz ausgelöst. Damals hieß der Bundestrainer noch Jürgen Klinsmann, dem es dank phänomenaler Motivationsstrategien auf den letzten Drücker gelang, schwerfällige Teutonen in leichtfüßige Ballartisten zu verwandeln.
Ballack: „Wir müssen uns Kritik gefallen lassen“
Vom folgenden Sommermärchen, das damals ein ganzes Land und die halbe Welt verzauberte, ist auch heute noch oft die Rede rund um das DFB-Team. Die Gegenwart passt freilich besser zu dem trüb-diesigen Regenwetter, das sich über dem Quartier am Lago Maggiore in der Schweiz eingenistet hat. Die Stimmung verdüsterte sich quasi über Nacht.
„Wir müssen uns Kritik gefallen lassen“, sagte Ballack. Während seines Statements im Pressezentrum in Tenero streiften seine Blicke immer wieder die Flachbildfernseher an der Seite der umgebauten Turnhalle im „Centro Sportivo“, auf denen Szenen aus den beiden ersten Europameisterschafts-Spielen gezeigt wurden: Ballack mit Pech im Abschluss gegen die Polen, im Zweikampf mit Ivan Rakitic gegen die Kroaten, den er mehr als einmal nur durch ein Foul zu stoppen wusste, wie er schimpfte und diskutierte am Donnerstag mit Nebenmann Torsten Frings.
Ein Vorrunden-Aus wäre für Ballacks Image schädlich
Die Bilder fassten seine durchwachsenen Auftritte perfekt zusammen. Dann sagte er: „Bei uns ist noch keiner an seine Leistungsgrenze gestoßen.“ Gefragt, warum er in der ersten Woche des Turniers nicht (wie von vielen Fachleuten erwartet) groß auftrumpfte, äußerte sich der Star des FC Chelsea ausweichend: „Es gibt auch bei mir noch viel Luft nach oben, aber alle müssen sich steigern.“
Ein Vorrunden-Aus wäre fürs zuletzt blendende Image des erfahrenen Nationalspielers nicht unbedingt förderlich. Immer wieder musste sich Ballack im Verlauf seiner Karriere von seinen Kritikern den Vorwurf gefallen lassen, in entscheidenden Situationen den Erwartungen nicht gewachsen zu sein. Obwohl er bereits viermal deutscher Meister und dreimal DFB-Pokalsieger wurde und in der englischen Premier League zum „Leader“ reifte, haftet dem Einunddreißigjährigen der Makel des „ewigen“ Zweiten an.
Ballack noch immer ohne internationalen Titel
Tränen, wie nach dem verlorenen Champions-League-Finale im Mai gegen Manchester United oder dem Halbfinal-Aus bei der Weltmeisterschaft 2006 gegen Italien will er in diesem Sommer nicht wieder vergießen. Umso wichtiger ist es für den Mittelfeldspieler auch persönlich, bei dieser Europameisterschaft den größtmöglichen Erfolg einzufahren. Es wäre sein erster internationaler Titel.
Dass nach dem Aussetzer gegen Kroatien aufs Neue Diskussionen um seine Person aufkommen, nannte er „völlig normal. Dem stelle ich mich und hinterfrage mich natürlich auch, wenn die Leistung nicht so stimmt“. Besonders offensiv gelang ihm im Zusammenspiel mit Frings zu wenig, auch weil die taktische Marschroute nicht wie gewünscht aufging, und Ballack (zu oft) Lücken zwischen Abwehr und Mittelfeld stopfen musste. Man dürfe „jetzt aber nicht alles verdammen“, betonte der Routinier.
Löw: „Ballack wird keine andere Rolle bekommen“
Löw war vor dem Österreich-Spiel bemüht, seinen wichtigsten Spieler in Schutz zu nehmen: „Man darf nicht alles zu sehr auf Ballack fokussieren. Die Kroaten haben Michael mit einer Doppeldeckung geschickt zugestellt.“ Auch Flick wollte nicht den Hauch eines Zweifels an Ballack zulassen und pries ihn am Sonntag noch einmal als „absoluten Führungsspieler“.
Dass Ballack am Montag in Wien einen offensiveren Part erhalten könnte, schloss Löw kategorisch aus: „Er wird keine andere Rolle bekommen.“ Vielmehr vertraut der Chefcoach offenbar darauf, dass sich Ballack und Frings wieder „hervorragend“ ergänzen. „Frings ist der Mann vor der Abwehr. Michael kann dann mit seiner enormen Kampfkraft und Laufstärke auch nach vorne Akzente setzen.“
Es sei vorbildlich, „dass Michael für die Mannschaft auf einen Teil seiner Stärken verzichtet. Aber wenn wir am Ende Erfolg haben, war alles richtig.“ Und wenn nicht? „Damit beschäftige ich mich erst gar nicht“, sagte Ballack.