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Michael Ballack im Gespräch „Ganz klar: Wir wollen Europameister werden!“

22.06.2008 ·  Der Kapitän soll die deutsche Elf auf den EM-Gipfel führen. Gegen Portugal war Michael Ballack in blendender Form. Im Interview mit der Sonntagszeitung spricht er über die türkische Mentalität, den Richtungswechsel während der EM und seinen Einfluss auf Löw.

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Einige sehen in ihm den derzeit einzigen Weltstar des deutschen Fußballs, andere stehen ihm kritischer gegenüber. Wie man es aber auch wendet: Michael Ballack ist als Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in diesen Tagen bei der Europameisterschaft besonders im Fokus und hatte nicht unwesentlichen Anteil am Einzug in die Runde der besten vier Teams. Vor dem Halbfinalspiel gegen die Türkei am kommenden Mittwoch (20.45 Uhr / Live im ZDF und im FAZ.NET-Liveticker) spricht Ballack im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über die türkische Mentalität, den Richtungswechsel während der EM und seinen Einfluss auf Bundestrainer Joachim Löw.

Was sehen Sie in den Augen des türkischen Nationaltrainers Fatih Terim – sind die nicht zum Fürchten?

Die Türken waren schon immer heißblütig. Das kommt ihrer Spielweise entgegen. Terim ist ein Typ, der von der ersten bis zur letzten Minute den Fußball lebt und seine Mentalität auf die Spieler überträgt.

Terims Mannschaft hat schon zum dritten Mal in diesem Turnier eine Partie gedreht – mit großem Willen und viel Energie. Wie geht das?

Die Türken sind im Moment unberechenbar. Keiner ist davon ausgegangen, dass diese Mannschaft so weit kommen könnte – sie selbst bestimmt auch nicht. Das Team scheint große mentale Stärke zu besitzen und kann mit seinen Emotionen den Gegner unter Druck setzen und in kürzester Zeit Torchancen erzwingen.

Die Türken geben nicht auf und gewinnen sogar Elfmeterschießen – eigentlich typisch deutsch.

In der türkischen Liga haben doch in den vergangenen Jahren viele deutsche Trainer gearbeitet. Es gibt viele Türken, die in Deutschland spielen oder gespielt haben. Sie kommen sehr gut klar mit der deutschen Mentalität. Da kann man schon Vergleiche ziehen.

Die deutsche Mannschaft hat sich bei der EM im Viertelfinale neu erfunden – wie ist das möglich?

Wir haben uns nicht neu erfunden, sondern uns gesteigert und zu alter Spielstärke zurückgefunden. Es fehlte uns etwas an Kreativität, Spielwitz, Leichtigkeit und Selbstbewusstsein. Die Entwicklung ging nicht in die richtige Richtung. Wir mussten etwas ändern, unser Spiel war eingefahren, das hat auch das Trainerteam gespürt.

Vor zwei Jahren vor dem WM-Turnier hatten Sie den Gedanken stark befürwortet, mit Torsten Frings zusammen eine defensivere Rolle vor der Abwehr zu spielen. Wie stark war diesmal Ihr Einfluss bei der taktischen Veränderung?

Damals vor der WM schossen wir viele Tore, aber kassierten auch viele. Wir standen dem Gegner sehr offen gegenüber und waren zu anfällig. Weil Bastian Schweinsteiger links und Bernd Schneider rechts im Mittelfeld damals offensiv sehr stark waren, konnte ich mich auf eine Linie mit Torsten Frings zurückziehen, um für mehr Stabilität zu sorgen. Jetzt zur EM war die Situation eine andere: Bernd Schneider ist wegen seiner Verletzung gar nicht dabei, Bastian war zu Beginn des Turniers nicht so in der Form. Wir merkten, dass uns der Druck nach vorne fehlte.

Wie ist Ihr Anteil an der Gestaltung der Taktik heute bei Bundestrainer Löw im Vergleich zu 2006 unter Klinsmann?

Ich bin weiterhin Kapitän, ich bin zwei Jahre älter, mein Einfluss ist bestimmt nicht geringer geworden. Es hat sich mit dem Trainer vieles eingespielt, wir arbeiten seit knapp vier Jahren zusammen. Er hat seine Vorstellungen und kennt meine. Wir unterhalten uns oft, und er fragt mich auch. Wir haben uns immer besser kennengelernt, ich weiß jetzt um die Gedanken des Trainers.

Ende vergangenen Jahres ließ sich eine Leistungsstagnation feststellen, Sie fielen zudem lange verletzt aus. Ist Ihr Einfluss in dieser Zeit geschwunden?

Ich war durch meine Verletzung nicht so nahe dran an der Mannschaft wie sonst, obwohl ich immer mit zu den Spielen gekommen bin. Du musst fit sein, um einen starken Einfluss auszuüben.

Haben Sie während der durchwachsenen Vorrunde gespürt, dass Sie als Kapitän besonders gefordert sind?

Nach der Kroatien-Niederlage hatten wir das Ausscheiden vor Augen. In so einem Turnier kann das innerhalb von einigen Tagen passieren. Als Kapitän bin ich natürlich immer gefordert, Schwachstellen zu sehen. Es lief für uns zunächst zu gut – die Vorbereitung, zu Beginn gegen Polen. Dann sind auch die äußeren Bedingungen hier im Quartier sehr gut. Es wurde viel gelobt. In solch einer Situation läuft eine Mannschaft Gefahr, leichtsinnig zu werden. Da geht es um ein paar wenige Prozent, aber das musste gnadenlos angesprochen werden.

Es heißt, Sie hätten drastisch gegenüber einigen Spielern reagiert.

Nein. Aber jeder musste kapieren, worum es geht. Und das in kürzester Zeit. Ich habe danach gelesen, ich wäre mit einigen Mitspielern zu forsch umgegangen, hätte einen zu harten Umgangston gehabt. Es wurde vom „Brandherd Ballack“ geschrieben. Aber ich sage Ihnen: Immer nur lieb und nett sein, da kommt man nicht weiter. Ich bin ja sonst ein umgänglicher Typ. Aber wenn es um die Leistung im Fußball geht, gibt es kein Pardon. Ich habe auf allen meinen Stationen im Vereinsfußball gezeigt, dass ich mich durchsetzen und gegen Vorurteile ankämpfen kann. Das sind wichtige Erfahrungen.

Hätten Sie schon vor einigen Jahren solche unbequemen Wahrheiten aussprechen können?

Mit 31 Jahren ist man anders als mit 26. Zuerst beschäftigt man sich noch sehr mit sich selbst, erst später schaut man noch mehr auf die Mannschaft. Das ist ein natürlicher Reifeprozess. Entwicklung und Alter spielen eine große Rolle.

Kommen von den Mitspielern nach der erfolgreich bewältigten Kontroverse positive Reaktionen zurück?

Natürlich. Wenn man erfolgreich spielt, dann hat man die Argumente auf seiner Seite. Wie jeder einzelne Spieler die Situation sieht, ist nicht entscheidend. Entscheidend ist, dass der Erfolg da ist.

Nach dem Sieg gegen Portugal hat Joachim Löw vor allem die taktische Arbeit des Trainerstabes hervorgehoben. Hätte er nicht auch Ihre Rolle in diesem Meinungsbildungsprozess erwähnen müssen?

Das muss er nicht. Er weiß, dass er sich auf mich verlassen kann. Andersherum hat er bewiesen, dass er ein Trainer ist, der umdenken kann. Das ist hoch einzuschätzen. Er hatte ja immer betont, dass wir uns mit unserer Taktik nicht am Gegner orientieren, sondern unsere Linie verfolgen sollten. Trotzdem hat Joachim Löw dann umgestellt. Das spricht für ihn. Es hätte ja schiefgehen können gegen Portugal, dann wäre ihm das als große Schwäche ausgelegt worden. Es ist aber eine Stärke, im entscheidenden Moment einen taktischen Umweg zu riskieren. Das hat er gemacht.

Wie beurteilen Sie seine Arbeit?

Der Trainerjob ist ein schwerer Job. Ich habe ja viele Trainer erlebt. Als Spieler ist man schon stark im Fokus der Kritik, aber ein Trainer steht als Erster am Pranger, wenn es nicht läuft bei der Mannschaft. Es ist für einen Trainer nicht einfach, unabhängig vom äußeren Druck, Entscheidungen zu treffen. Da braucht man eine starke Persönlichkeit. Da müssen wir uns nichts vormachen.

Wie wirkt Joachim Löw in diesen Turnierwochen? Bemerken Sie Veränderungen bei ihm?

Ich habe zum Start der EM eine positive Nervosität bei ihm bemerkt.

Was heißt das?

Man hat schon ein bisschen die Anspannung gesehen, aber das ist doch völlig normal. Eine Europameisterschaft ist halt etwas anderes als ein Qualifikationsspiel mit zwei, drei Tagen Vorbereitung.

Wie drückt sich der Turnierstress im Umgang mit den Spielern aus?

Der Trainer ist immer positiv. Er glaubt an die Mannschaft. Er pusht die Spieler und versucht, alles aus ihnen rauszuholen. Er ist nach dem Kroatien-Spiel natürlich laut geworden. Da merkt man schon, dass viel auf dem Spiel steht.

Was kann Ihre Mannschaft nun auf dem Weg ins Finale noch aufhalten – nur sie selbst?

Wir können ja nicht behaupten, dass die Türken im Vergleich zu uns spielerisch und taktisch besser wären. Es liegt also nur an uns, ins Finale einzuziehen. Aber weil die türkische Mannschaft unberechenbar ist, wird es schwer, sich auf sie einzustellen. Es macht die Aufgabe nicht leichter.

Wie nahe ist das Team dem Titel?

Ich mag noch nicht vom Titel sprechen. Wir dürfen jetzt nicht den Fehler machen, das Halbfinale zu überspringen, weil da nicht Italien, sondern die Türkei unser Gegner ist. Man kann einem Gegner fußballerisch überlegen sein – und trotzdem gibt es für ihn immer Mittel, dich zu stören. Das haben wir andersherum gegen Portugal gesehen. Gegen die Türken wird das für uns ein ganz anderes Spiel werden. Unser Ziel ist aber ganz klar: Wir wollen Europameister werden!

Das Gespräch führten Michael Ashelm und Michael Horeni.

Quelle: F.A.Z.
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