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Kroatiens Trainer Slaven Bilic „Deutschland ist immer Favorit“

05.06.2008 ·  Jurist, Musiker, Nationaltrainer - der noch nicht ganz 40 Jahre alte Slaven Bilic hat viele Talente. Im FAZ.NET-Interview spricht der Trainer des deutschen Gruppengegners Kroatien über prägende Jahre in Deutschland, den kroatischen Sieg gegen die DFB-Elf bei der WM 1998 und die Chancen seines Teams.

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Jurist, Musiker, Nationaltrainer - der noch nicht ganz vierzig Jahre Slaven Bilic hat viele Talente. Er könnte als Anwalt arbeiten, mit seiner Band hat er den koratischen Europameisterschaft-Song eingespielt, mit seinem Team will er den Sieg gegen Deutschland von 1998 wiederholen, zu dem er selbst beigtragen hat. Seine Ziele verfolgt er auf eine offene, zupackende, mitunter impulsive Art. Das war schon so in seiner Zeit als Fußballprofi. In drei Spitzenligen, in seiner kroatischen Heimat, in Deutschland und in England, hinterließ er als harter Abwehrspieler bleibende Eindrücke.

Winfried Schäfer hat einmal gesagt, Sie seien ein Haudegen, ein Vollblutprofi, ein feiner Mensch gewesen, aber auch einer, der notfalls zugelangt habe. Hat Ihr früherer Trainer beim Karlsruher SC Recht?

Das ist ein schönes Kompliment. Winnie war für mich auf meiner ersten Auslandsstation als Spieler (1993 bis 1996) eine ganz wichtige Person. Es ist immer schwer, wenn du die Liga oder das Land wechselst. Er war für mich ein super Trainer, hat eine super Atmosphäre in der Mannschaft verbreitet, und so haben wir letztlich auch super Fußball gespielt. Schäfer verkörperte damals den KSC.

Sie haben damals extrem schnell Deutsch gelernt und davor in Ihrer Zeit bei Hajduk Split auch noch Jura studiert. Wie war das möglich?

Ich komme aus einem guten Elternhaus. Meine Eltern waren zwar nicht reich an Geld, aber dafür reich an Verstand. Mein Vater war Professor der Nationalökonomie an der Universität Split, meine Mutter war Lehrerin mit den Spezialfächern Geographie und Biologie. Also war es für mich und meinen Bruder ganz normal, in der Schule gut zu sein. Ich habe in der Jugend von Hajduk Split Fußball gespielt; damals war es nichts Besonderes, dazu noch zur Universität zu gehen. Ich habe mein fünfjähriges Studium 1993 abgeschlossen und könnte als Anwalt arbeiten. Aber ich habe keine Praxis, und außerdem gehört mein Herz nun einmal dem Fußball. Was das Erlernen von Sprachen angeht: Das fällt mir irgendwie leicht, und außerdem bin ich in allem, was ich tue, sehr fleißig.

Haben Ihre Eltern seinerzeit nicht gesagt, Junge, werde was Ordentliches, mach was aus deinem Jurastudium?

Nein, nein. Mein Vater war fußballverrückt. Er sah mich lieber als Profi. Zudem war es meine eigene Entscheidung. Meine Eltern haben nie gesagt, du musst in die Uni gehen, du musst Anwalt werden. Ich durfte und sollte meinen eigenen Weg gehen. Das habe ich getan bis hin zu meinem Hobby Rockmusik. Mit meiner Band Rawbau, in der ich Gitarrist bin, habe ich unser EM-Lied "Vatreno Ludilo", auf Deutsch "Feuriger Wahnsinn", eingespielt.

Sie sind 1996 von Karlsruhe in die Premier League gewechselt, zuerst zu West Ham United, danach zum FC Everton, wo Sie auch Kapitän der Mannschaft waren, War dieser Schritt wichtig für Ihre Weiterentwicklung als Spieler und Persönlichkeit?

Ich kann nicht sagen, welche Liga besser war, die Premier League oder die Bundesliga. Vielleicht ist die Premier League die attraktivste Liga der Welt. Für mich war es jedenfalls ein Glück, in zwei der besten Fußballländer gespielt zu haben. Da, wo alles organisiert und strukturiert ist. Da gab es wie manchmal in Spanien oder Italien nie Probleme mit der Bezahlung, mit den Vereinen.

Organisation, Disziplin, Struktur - sind das auch Stichworte für Ihr Team, die kroatische Nationalmannschaft?

Das sind Dinge, die ich natürlich auch bei meinen Spielern sehen will, das sind Grundvoraussetzungen für den Erfolg.

Wollten Sie schon als Spieler eines Tages Trainer werden?

Niemals. Als ich zu Hajduk Split im Jahr 2000 zurückkehrte, litt ich noch unter den Folgen einer gebrochenen Hüfte vor der WM 1998, bei der wir mit Kroatien Dritter wurden. Für Hajduk habe ich nur noch neun Spiele bestritten. Dann bin ich zum Vorstand gegangen, um über meine Situation zu sprechen. Zu der Zeit hatte der Klub seinen Trainer gewechselt und war auf der Suche nach einem neuen Coach. Damals wurde mir gesagt: Bitte, Slaven, kannst du uns für vier Wochen bis zur Winterpause als Trainer helfen? Ich habe erst gesagt, nein, ich bin kein Trainer. Dann habe ich mich für vier Wochen erweichen lassen. Und weil alles erstaunlich gutging, blieb ich bei Hajduk als Übergangstrainer bis zum Saisonende.

Und dann?

Dann habe ich wieder aufgehört, um meine Trainerlizenz zu erwerben, denn inzwischen hatte ich Freude an diesem Job. Anschließend habe ich an der Trainerakademie zwei Jahre studiert und zwischendurch hospitiert bei Trainerkapazitäten wie Arsène Wenger oder Marcello Lippi. Dann habe ich gesagt, ich möchte Trainer werden. Aber wo? Die kroatische Liga ist nicht so gut, es gibt viele Probleme in den Vereinen. Also habe ich gewartet, bis das Angebot kam, Trainer der "U 21"-Nationalmannschaft meines Landes zu werden. Das waren zwei schöne Jahre von 2004 bis 2006. Nach der WM 2006 trat Cheftrainer Zlatko Kranjcar von seinem Posten zurück, und ich wurde Cheftrainer der A-Nationalmannschaft.

Wie sind Sie als Trainer?

Ich habe keine Angst und bin mutig, vielleicht bin ich auch als Trainer der "Haudegen", als den mich Winnie Schäfer sieht. Ich habe großen Respekt vor allen Mannschaften. Ob das England ist, das wir im entscheidenden EM-Qualifikationsspiel besiegt haben, oder Andorra. Aber ich weiß auch, dass wir gut sind. Wir haben bei dieser Europameisterschaft eine Chance wie alle anderen auch.

Was erwarten Sie von Ihren Spielern?

Viel Selbstvertrauen. Wir müssen dazu sehr gut organisiert sein, denn nur eine starke Organisation gibt dir Freiheit. Hast du keine Organisation, ist Freiheit keine Freiheit, dann ist alles nur Chaos. In Kroatien haben zunächst viele Leute gesagt, Bilic ist ein bisschen verrückt. Der spielt mit vielen offensiven Spielern: mit Kranjcar, Modric, Srna, Petric, Olic und Eduardo, der inzwischen leider schwer verletzt ist. All diese Spieler müssen jedoch auch defensiv mitarbeiten. Wenn sich meine Spieler an ihre vielfältigen Aufgaben halten, sind wir ein Team, das das Spiel sehr schnell aus der Abwehr nach vorn verlagern kann. An unseren Angriffsaktionen sind mindestens immer fünf Spieler beteiligt.

Haben Sie ein Vorbild als Trainer?

Eigentlich nicht. Ich habe aber genau hingesehen bei Wenger, bei Lippi, bei Blazevic, bei Capello, bei Schäfer. Ich bin erst 39 Jahre alt und brauche keine Distanz zu meinen Spielern. Viele Trainer denken, sie müssten Abstand halten zu ihren Spielern, um ihre Autorität zu wahren. Warum? Ich glaube, eine natürliche Autorität zu besitzen. Um die zu demonstrieren, muss ich nicht lauthals betonen, dass ich der Boss bin, und andere müssen nicht die Klappe zu halten haben. Autorität ist Wissen und nichts anderes. Ich muss nicht der Freund der Spieler sein, aber ich will ihnen nahe sein. Und noch etwas ist ganz wichtig als Trainer: Du musst immer die Wahrheit sagen, wenn sie manchem auch schon mal weh tut. Im Fußball geht es wie im Leben, wie in einer Familie zu.

Die kroatische Fußballfamilie jedenfalls will Sie gar nicht gehen lassen. Warum haben Sie Ihren Vertrag bis 2010 verlängert - obwohl Sie unter reizvollen Klubangeboten, darunter eines vom Hamburger SV, auswählen konnten?

Ich bleibe, weil ich mein Land liebe. Mein Land braucht mich, und ich bin glücklich mit der Aufgabe, die ich für Kroatien zu erfüllen habe.

Sie waren Teil der goldenen kroatischen Fußballspieler-Generation, gekrönt durch den dritten Platz bei der WM 1998. War die Elf damals stärker als Ihre Mannschaft heute?

Die Mannschaft, mit der wir diesen bisher größten Erfolg für den kroatischen Fußball erreicht haben, war sehr erfahren - mit Spielern wie Suker, Boban, Prosinecki, Asanovic, Soldo, Stimac, Jarni, Bilic. Das war ein super Kader. Aber auch in meiner jetzigen Mannschaft sind genügend reife, routinierte Profis wie Niko und Robert Kovac, Simunic, Simic oder Pletikosa. Wir haben eine feine Balance zwischen erfahrenen Spielern und den Jungen. Du brauchst genauso Spielertypen wie Petric, Modric, Corluka, Srna. In diesem Team steckt sehr viel Energie. Wir haben genug Potential, Erfahrung und individuelle Qualität. Bei der WM in Deutschland und der WM-Qualifikation haben wir teils sehr gut gespielt, aber vorn hing alles von Prso und Srna ab. Wenn du diese beiden blockieren konntest, war das Spiel schon kaputt.

Wie schwer wiegt für Sie der Ausfall Ihres Stürmerstars Eduardo, dem in der Premier League das Bein gebrochen wurde?

Er ist nicht zu ersetzen. Wir haben Superstürmer wie Petric, Olic, auch Klasnic wieder, aber Eduardo ist Eduardo. Und damit meine ich nicht nur den Torschützen, sondern auch den Spieler, der die Aktionen wesentlich mitorganisiert hat. Er hat etwas Besonders. Mit Eduardo sind die anderen noch besser. Ich habe ihn aus der "U 21" mit in die A-Mannschaft genommen und komme mir manchmal vor wie sein Vater. Dass er fehlt, tut mir persönlich weh.

Wie schätzen Sie die Deutschen ein, Ihren mutmaßlich stärksten Gegner in der Gruppe B?

Deutschland hatte zwischen 1998 bis zu Klinsmanns Trainerzeit Riesenprobleme. Okay, sie waren im Endspiel bei der WM 2002, aber es war keine Supermannschaft. Rudi Völler hat sicher einen guten Job gemacht, doch das war damals keine Fußballelf, wie man sie von Deutschland bei großen Turnieren kannte. Mit Klinsmann und der WM in Deutschland ging es wieder aufwärts. Jogi Löw macht ebenfalls einen guten Job. Die Deutschen spielen inzwischen nicht mehr nur mit Kraft, sie spielen einen guten Fußball. Sie haben eine gut aufeinander abgestimmte Mannschaft mit großer individueller Qualität. Klose, Ballack, Schweinsteiger oder Gomez, das sind schon sehr spezielle Spieler. Deutschland ist immer Favorit.

Wie stark ist Polen?

Polen war Erster in einer extrem starken Qualifikationsgruppe mit Portugal, Belgien, Serbien, Finnland. Das sagt alles. Dazu haben sie mit Beenhakker einen Coach, der schon Real Madrid betreut hat. Auch Polen ist sehr gut organisiert.

Und Österreich, Ihr erster Gruppengegner?

Die haben gut gespielt in den ersten 60 Minuten des Länderspiels gegen Deutschland und in der ersten Halbzeit gegen die Holländer. Sie spielen zu Hause, was nicht zu unterschätzen ist. Also, leicht ist diese Gruppe ganz bestimmt nicht. Aber ich mag diesen positiven Druck.

Warum?

Ich bin der Nationaltrainer von meinem Land. Das ist ein Traumjob, aber bei den paar Spielen, die du hast, wird auch jedes Spiel als das wichtigste Spiel angesehen. Druck ist relativ. Druck kann meine größte Waffe sein, wenn ich ihn als positiv empfinde, wenn er mir Adrenalin gibt. So kann ich unter Druck noch besser sein. Wenn ich aber unter Druck gerate und das Gefühl der Angst vor der Niederlage habe, kann Druck mein größter Gegner sein. Meine Spieler und ich sind bei jedem Training, bei jedem Spiel unter Druck. Ich kann nur sagen, es wird gut.

Besitzt Ihre Mannschaft den Charakter, mit der Ausnahmesituation eines großen Turniers fertig zu werden?

Aus unserem Land kommen immer wieder große Sportler: Goran Ivanisevic im Tennis etwa oder Jana Kostelic im alpinen Skilauf. Es ist unser Charakter, der uns stark macht: gute körperliche Voraussetzungen und dazu bei den ganz Großen ein harter Schädel. Meine Mannschaft hat den Charakter, den du brauchst, um Erfolge zu feiern. Sie ist auf ihr Ziel fixiert.

War das 1996 auch so, als sie im Viertelfinale der EM an Deutschland scheiterten, oder 1998, als sie im WM-Viertelfinale die Deutschen besiegten?

Genau so. Nach dem 1:2 1996 in Manchester nach einem knochenharten Duell haben wir trotz der Niederlage gesagt: Wir sind gut. 1998 haben wir uns geschworen, dass wir gut genug sind, um Deutschland zu schlagen. Und jetzt sind wir auch gut genug, einiges zu erreichen. Wir wissen, was wir tun müssen, um gut zu sein.

Das Gespräch führte Roland Zorn.

Quelle: F.A.Z.
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