13.06.2008 · Die Nacht war kurz, die unerwarteten Szenen aus dem Kroatien-Spiel gingen ihm nicht aus dem Kopf. Joachim Löw wirkte angespannt. Jetzt ist er gefordert. Gegen Österreich muss ein Erfolg her. Doch einige Spieler sind verletzt.
Von Marc Heinrich, AsconaDie Lockerheit ist auf einen Schlag verschwunden. Joachim Löw, in dunklem Hemd und schwarzer Sakkohose passend zur bedeckten Stimmung im Quartier der deutschen Nationalmannschaft gekleidet, wirkte an diesem Freitag, dem 13., so angespannt wie noch an keinem Tag zuvor bei der Fußball-EM. Die Niederlage am zweiten Vorrunden-Spieltag, das phasenweise peinliche 1:2 gegen Kroatien, hatte auch beim Chef der Mission auf der „Bergtour 2008“ Spuren hinterlassen.
Die Nacht nach der Rückkehr aus Klagenfurt an den Lago Maggiore war kurz, die vielen unerwarteten Szenen, die sich im Wörthersee-Stadion abgespielt hatten, gingen Löw nicht aus dem Kopf, wirklich abschalten und Kraft tanken für die kommenden, wegweisenden Tage konnte er nicht. Statt nach zwölf Jahren zur Abwechslung mal wieder die Konkurrenz bei kontinentalen Titelkämpfen vom Gipfel zu grüßen, droht schon nach einer Woche der Absturz.
Die Blamage wäre perfekt
An diesem Montag in Wien muss gegen Gastgeber Österreich mindestens ein Unentschieden her, sonst erreicht das Team, das mit so großen Zielen anreiste, nicht einmal das Viertelfinale - die Blamage wäre perfekt. Und dann ginge die Diskussion um den Trainer und seine Spielphilosophie, die am Freitagmittag in Ascona bereits aufflammte, richtig los (Siehe: Zwanziger: „Löw bleibt bis 2010 Trainer“). Löw, der den Eindruck hinterließ, er könne das Krisenmanagement professionell steuern, steht vor dem entscheidenden Wochenende seiner bisher zweijährigen Amtszeit als oberster Trainer des DFB. Binnen vier Tagen wurde aus einem Titel-Favoriten ein Gespött der internationalen Presse. Als „Badegäste am Wörthersee“, wurde die Elf im „Kurier“ verhöhnt. (Siehe: FAZ.NET-Presseschau: „Sensation - deutsche Badegäste am Wörthersee“).
Der Mann, der die Hauptverantwortung für die deutschen Darbietungen trägt, gab sich zuversichtlich, dass die größtmögliche Panne bei diesem Wettbewerb verhindert wird. „Gehen Sie davon aus, dass wir weiterkommen“, sprach er mit fester Stimme und ausgestrecktem Zeigefinger in die Runde, als er zum Ende seiner dreißigminütigen Ausführungen kam. „Ich kann versprechen, dass unser Team eine ganz andere Einstellung zeigt, wir schaffen es, und scheiden nicht aus.“
Podolski, Lahm, Westermann und Jansen angeschlagen
Dass es zumindest in einer anderen Aufstellung auf den Platz treten wird, scheint hundertprozentig sicher: Philipp Lahm, Marcell Jansen, Lukas Podolski und Heiko Westermann sind angeschlagen. Die ersten drei haben gegen die hartnäckigen Kroaten Blessuren davongetragen, Westermann erwischte es am Freitag im Training. Podolski erlitt eine Kapselverletzung am Fuß und konnte am Freitag nicht einmal laufen, Lahm plagt ein Bluterguss in der Wade - gab aber Entwarnung für das Österreich-Spiel -, Jansen musste wegen einer Schulterverletzung (Zerrung) ins Krankenhaus. „Wir hoffen, dass keine Bänder in Mitleidenschaft gezogen wurden, aber es sieht danach aus“, sagte der Coach. Westermann zog sich im Training eine Knochenabsplitterung und einen Bänderriss an der Hand zu, als ein Ball ihn traf. Mit seinem Gipsverband kann er dennoch nach DFB-Angeben eingesetzt werden am Montag.
Taktische Wechsel wird es auch geben. Als erste Ersatzkandidaten brachte der bis dato so verschwiegene Bundestrainer Arne Friedrich ins Gespräch. Auch das war neu an diesem Mittag. Wenn Selbsterkenntnis der erste Weg zur Besserung ist, besteht für Löw und seine Leute durchaus Hoffnung. „Wir haben alle Fehler gemacht - auch wir Trainer“, sagte er, „öffentliche Schuldzuweisungen wird es aber nicht geben.“ Der Coach hatte nach dem Schlusspfiff in Klagenfurt um eine Nacht gebeten, die er benötige, um die genauen Ursachen der Niederlage erläutern zu können.
Keine Angst vor einem neuen Cordoba
Zwölf Stunden später hielt sich sein Erkenntnisgewinn noch in engen Grenzen. Von einigen Grundprinzipien, die seine Elf in der Nach-WM-Zeit ausgezeichnet hatten - das hohe Tempo beim Vorwärtsstreben, das Nachsetzen bei Ballverlusten, das geschickte Verschieben in der Rückwärtsbewegung, die vertikalen Pässe ins Sturmzentrum -, war gegen die Kroaten nichts zu sehen. „Die Mannschaft hat nicht ihr wahres Gesicht gezeigt“, wunderte sich Löw. Wieso? „Darüber muss ich erst noch mit den Spielern sprechen“, sagte Löw, der Einzelunterredungen ankündigte.
Ob er Bammel vor einem zweiten Cordoba habe, wurde Löw gefragt, was er schleunigst verneinte: „Wir werden uns ganz anders präsentieren.“ Eine Grundsatzdiskussion, wie von Kapitän Ballack angesprochen, will der Trainer nicht eröffnen. „Ich bin keiner, der sagt, dass wir jetzt Gras fressen müssen“, stellte er klar, „sondern, ich möchte, dass wir auch gegen defensiv orientierte Gegner schnell und körperbetont spielerische Lösungen finden - das können wir nämlich.“
Kritik an Rot-Sünder Schweinsteiger
Der 48-Jährige erwartet im „Endspiel“ am Montag einen Gegner, der „um sein Leben rennen wird, die Österreicher wissen um ihre einmalige Chance“. Dass sich dieser Druck im ausverkauften Ernst-Happel-Stadion als zu große Bürde für seine Jungs entpuppen könnte, glaubte Löw nicht. „Ein Rückschlag wird uns nicht aus der Bahn werfen, wir haben schon oft bewiesen, dass wir zurückschlagen können, wenn es nötig ist.“
Definitiv muss die DFB-Auswahl gegen die Österreicher auf Bastian Schweinsteiger verzichten, der nach seiner Roten Karte wegen unsportlichen Verhaltens für ein Spiel von der Uefa gesperrt wurde. Löw ging mit dem Bayern-Spieler explizit hart ins Gericht. Er habe gegen den Verhaltenskodex innerhalb des Teams verstoßen, der besage, dass man sich auch in hektischen Augenblicken nicht provozieren lassen dürfe. „Bastian hat sich geschadet und er hat uns geschadet“, sagte Löw, der seine Verärgerung nicht verdeckte (Siehe auch: Bastian Schweinsteiger: Vom Pop-Prinzen zum einsamen Sünder). Frühestens am kommenden Donnerstag in einem möglichen Viertelfinale in Basel gegen Portugal könnte der Mittelfeldakteur wieder mitwirken. Doch soweit ist es für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft noch lange nicht.