Am Ende war es auch ein langer, schwerer Weg für Jens Lehmann. Voller Zweifel von außen, kleiner Rückschläge und schöner Momente, einiges hatte da auf ihn eingewirkt. Wie ein Fußballweiser wirkte der deutsche Torwart, als er nach dem Triumph im Halbfinale über die Türken seine Meinung abgab zu den Erlebnissen der zurückliegenden neunzig Minuten. Mit stoischer Ruhe begegnete er in den Katakomben des Baseler Stadions der Aufregung um ihn herum. Geduldig in der Hand hielt er auf einem Pappteller eine Portion Spaghetti mit Tomatensauce.
„Im Fußball gleicht sich alles aus. Klassespieler kommen immer schnell über Enttäuschungen hinweg.“ Eigentlich wollte Lehmann damit der turbulenten Schlussphase im Spiel des jungen Kollegen Philipp Lahm Rechnung zollen, ihn loben für die Kehrtwende, als dem kleinen Münchner nur Minuten nach dem schweren Abwehrpatzer an der Torauslinie noch der entscheidende Treffer in diesem kuriosen Halbfinale gelungen war. Ähnliche Worte würde der deutsche Keeper sicher auch über sich sagen. Ist dieses für ihn vielleicht letzte große Turnier seiner Karriere doch auch eine nervenaufreibende Kurvenfahrt gewesen - mit einer wunderbaren Wendung. Die finale Etappe steht am kommenden Sonntag bevor.
„Wir Deutsche machen uns gern Sorgen“
Mit provokanter Pose hatte sich Lehmann vor dem Turnier noch aufgebaut, als er die Kritik an seinen Darbietungen im Tor und den Wechsel zurück in die Bundesliga zum VfB Stuttgart kommentieren sollte. Eine ganze Saison lang war er in seinem Verein Arsenal London nur Reservemann gewesen. „Wir Deutsche machen uns gern Sorgen. Wenn nicht, würde uns etwas fehlen“, raunzte er während einer der ersten live im Fernsehen übertragenen Pressekonferenzen aus dem Mannschaftsquartier im Tessin.
Nach dem Sieg am Mittwoch zeigte der Torwart-Dino sich ruhig und zufrieden. Mit Schlauheit vermied Lehmann, zu tief in die Materie hineinzugehen, hätte sich doch auch im Türken-Spiel die eine oder andere Unsicherheit in seinem Spiel feststellen lassen können. Bei beiden Gegentreffern sah der Torwart nämlich nicht besonders glücklich aus.
„Manchmal reicht es, nur ein bisschen besser zu sein“
Keine dicken Fehler, die zu größerer Kritik Anlass geben müssten, aber eben nicht die souveränste Vorstellung eines selbsternannten Alpha-Tieres. Der Bundestrainer wollte nach dem großen Schritt ins Finale des Turniers keine individuelle Fehleranalyse betreiben. „Ich rede heute nicht über einzelne Spieler und deren Leistung“, sagte Joachim Löw. Das glorreiche Endergebnis des Spiels richtete den Blick logischerweise mehr auf die positiven Dinge des Abends. „Manchmal reicht es, nur ein bisschen besser zu sein als der Gegner“, sagte Lehmann.
Seine kühle Kalkulationsrechnung ist bislang bei dieser EM für Lehmann aufgegangen. Im Viertelfinale gegen Portugal zeigte er sich einmal als großartiger Rückhalt auf altem Weltklasseniveau, vorher und nachher passte er sich eher den wechselhaften Formkurven seiner Mitspieler an, allerdings ohne Konsequenz für die sportliche Zielsetzung der Mannschaft, weit kommen zu wollen in diesem Turnier.
Gegenredner als Erbsenzähler
Immer wieder flammte die Kritik am 38 Jahre alten Torwart auf. Manch einer fühlte sich bestätigt in seiner Annahme, die fehlende Spielpraxis hätte Lehmann die alte Sicherheit genommen. Der Torwart selbst sieht diese Gegenredner wohl eher als Erbsenzähler. Ihn interessierte in seiner Verfassung nur das jeweilige Endergebnis, welches die gesamte Mannschaft einfuhr.
Und das kann sich bekanntermaßen sehen lassen. „Hier hat sich wieder der Mythos der Deutschen gebildet, aus dem Nichts heraus etwas zu machen“, so Lehmann. Er spielte damit natürlich an auf das oft in der Fußballwelt bemühte Image der Turniermannschaft, die sich von Rückschlägen stets berappelt und in den verrücktesten Situationen vor allem nicht das innere Gleichgewicht verliert.
Nicht immer mitreißend, aber dafür mental stark
Der Torwart Lehmann des Jahres 2008 verkörpert dieses Bild des deutschen Fußballs von allen Spielern wohl derzeit am prägnantesten - nicht immer mitreißend auf dem Platz, aber dafür mental stark in allen Lagen.
Bevor Lehmann mit seinem abgekühlten Spaghetti-Teller in die Nacht verschwand, wies er noch lächelnd darauf hin, dass er sowieso nicht mit einem anderen Ergebnis als diesem gerechnet hätte. „Mit fast jeder Mannschaft, in der ich gespielt habe, konnte ich ein europäisches Pokalfinale erreichen.“ Und faktisch hat er recht: Mit Arsenal London erreichte er 2006 das Endspiel in der Champions League, mit Borussia Dortmund 2002 das im Uefa-Cup. Vor genau elf Jahren gewann er sogar den Uefa-Pokal mit Schalke 04. Eben ein echter „Euro-Fighter“. Doch von Leichtigkeit waren Lehmanns Kämpfe nie geprägt - auch der jüngste nicht.
