19.06.2008 · Der Torhüter der deutschen Elf sollte sich auf einen geschäftigen Abend gegen Portugal einstellen. Er weiß aus der Premier League, was auf ihn zukommen dürfte. Im Interview verrät Lehmann, mit wem er über Cristiano Ronaldos Schwächen gesprochen hat.
Der Torhüter der deutschen Mannschaft sollte sich auf einen geschäftigen Abend gegen Portugal einstellen. Er weiß aus der Premier League, was auf ihn zukommen dürfte. Im Gespräch verrät Lehmann, mit wem er schon über Cristiano Ronaldos Stärken und Schwächen gesprochen hat.
Ausgerechnet gegen Portugal, das viele bei diesem Turnier als stärkstes Team einschätzen, ist die deutsche Mannschaft im Viertelfinale gefordert. Eine unglückliche Ausgangslage?
Wir sind zunächst mal froh, dass wir im Viertelfinale sind. Wir hätten uns natürlich gewünscht, dass wir Erster in unserer Gruppe werden. Doch das ist kein Thema mehr. Wir haben einen schweren Test gegen Österreich bestanden, das macht uns Mut. Man bringt immer drei Komponenten in ein Spiel mit ein: Psyche, Fitness und Taktik. Unsere gute Psyche im letzten Vorrundenspiel war das ausschlaggebende Element für den Sieg. Ich bin optimistisch, dass wir mit dem Druck gegen Portugal wieder genauso gut umgehen werden.
Wie wichtig sind denn die Physis und die körperliche Verfassung gegen die Portugiesen, die ausgeruhter ins Spiel gehen können?
Das ist eine Frage, die ich als Torwart nur schwer beantworten kann. Dafür habe ich einen zu differenzierten Trainingsablauf und Fitnesszustand. Meiner Meinung nach, ist es bei dieser EM selbst für die erfahrenen Trainer nur ganz schwer zu beurteilen, wie fit ihre Mannschaften auf den Punkt wirklich sind. Es zählen eben nicht nur die letzten drei Wochen der gemeinsamen Vorbereitung auf das Turnier, sondern auch die Zeit in der Saison davor. Entscheidend für uns am Donnerstag wird sein, was wir in den Einheiten vor dem Spiel gemacht, wie wir regeneriert haben.
Sie mussten in den beiden vergangenen Spielen mehrmals lauthals mit ihren Vorderleuten schimpfen. Was war der Anlass?
Wenn man mutig in ein Spiel geht, merkt das auch der Gegner sofort. Gegen Kroatien begannen wir für meinen Geschmack ein wenig zu zaghaft. Leider auch gegen Österreich. Ich bin mir sicher, dass damit aber gegen Portugal Schluss sein wird.
Nach dem Platzverweis gegen Bastian Schweinsteiger haben Sie die Schiedsrichter harsch kritisiert. Fühlen Sie sich nach der Entscheidung des Referees gegen Bundestrainer Joachim Löw und der anschließenden Sperre bestätigt?
Ich habe im Spiel nicht verstanden, weswegen Löw nun genau auf die Tribüne geschickt wurde. Was mich bei dem Schiedsrichter gegen Österreich schon vor dem Spiel wunderte, war die Tatsache, dass er den gegnerischen Kapitän aufforderte, das weiße Stutzentape in ein rotes ändern sollte. Das ist mir so auch noch nicht vorgekommen. Bei dem Vorfall mit Löw war ich viel zu weit weg, um es mitzubekommen. Mir ist es erst hinterher aufgefallen, als Hansi Flick in der Kabine die Ansprache hielt.
Cristiano Ronaldo ist eine der Schlüsselfiguren im Spiel der Portugiesen. Sie kennen ihn aus der Premier League. Wie kann man die Gefahr, die von ihm ausgeht, minimieren?
Er ist ein Spieler, der oft den Unterschied ausmacht. Und wenn man nicht gerade gegen ihn spielt, ist er auch schön anzuschauen. Allerdings haben meine Kameraden, mit denen ich bei Arsenal zusammengespielt habe, immer ein sehr gutes Rezept gegen ihn gefunden. Das werde ich natürlich nicht öffentlich verraten, ich weiß aber, wie man effektiv gegen ihn spielen kann. Mit Arne Friedrich habe ich schon darüber gesprochen, mit anderen aus der Mannschaft werde ich es noch machen. Man muss schnell sein, wenn man Ronaldo stoppen möchte. Das ist Arne Friedrich auf jeden Fall. Portugal hat aber auch leider andere sehr gute Spieler. Wir müssen als Mannschaft in der Vertikalen gut stehen. Wenn wir zu offen sind, wird es schwer.
Beim Spiel Deutschland gegen Portugal denken viele automatisch an das Spiel um Platz drei bei der WM. Damals gelangen Bastian Schweinsteiger zwei Tore gegen Schlussmann Ricardo. Gibt es für Torhüter eigentlich Spieler, vor denen man Angst hat?
Ich hoffe schon, dass es so ist. Gerade in diesem Fall ist auffällig, wie oft Schweinsteiger gegen Ricardo bei Länderspielen oder in der Champions League mit Bayern getroffen hat. Ich kann mich an niemanden erinnern, der gegen mich in dieser Anzahl fast identische Tore, fast immer mit Weitschüssen, erzielt hat. Ich hoffe, dass Schweinsteiger wieder die Möglichkeit bekommt, viel auf das Tor von Ricardo zu schießen.
Gegen Portugal wäre ein Elfmeterschießen möglich. Gibt es wieder einen neuen Zettel, der in Ihren Stutzen eingearbeitet wird wie 2006 bei der WM gegen Argentinien?
Natürlich werden wir für den Fall eines Elfmeterschießens unsere Informationen zusammenholen. Andy Köpke wird sie mir mit Sicherheit auf einen Zettel schreiben. Was mit dem Zettel dann passiert, wird man sehen. Ich wünsche mir, dass das Spiel aber schon in der regulären Spielzeit zu unseren Gunsten entschieden wird.